Abschottung, Tag 59

Abschottung, Tag 59

(Ich mag ja die 50er, da sind so viele Primzahlen dabei.)

Die Nacht war kurz. Viel zu kurz. Ich erlaube mir, erst um 10h30 am Schreibtisch zu sitzen. Ich mache mich direkt an die Arbeit. Das Kind hängt noch auf dem Sofa ab. Der RB kommt dazu und macht Heißgetränke. Ich schließe ein Projekt ab und dann frühstücken wir zusammen. Gut, dass das Kind gestern so viele Brötchen geholt hat. Dann muss ich telefonieren und weiterarbeiten. Ich finde drei (!!!) Geodreiecke wieder, die das Kind „verloren“ hat, von denen er aber mindestens eines diese Woche für Mathe braucht. Es gibt e-Mail von der Klassenlehrkraft: Die Schule geht am 18.5. wieder los und sie möchte mit mir kurz telefonieren. Am Telefon erklärt sie mir das Procedere und sagt nichts dazu, was sehr beredet ist. Dann muss ich lange mit der Arbeit telefonieren und beende das Gespräch nach fast anderthalb Stunden mit „So, dann kann ich jetzt endlich wieterarbeiten“. Aber erstmal gibt es Kaffee und Buchteln von gestern. Außerdem schreibe ich die Mail an die Klasseneltern endlich fertig. Ich mache mit dem einen Projekt weiter. Puuuh, aber da lauern noch so viele auf der Liste für diese Woche. Mehr Schlaf wäre mal schön, dann kann ich sicher auch wieder (noch) schneller arbeiten. Während ich am frühen Abend noch das Projekt fertig mache, kocht der RB.

Nicht sooo hübsch, aber seeeehr lecker: Nudeln mit Erbsencarbonara.

Vom Rugby-Verein kommt eine Mail, dass eine Art Training (halt ohne Kontakt, aber Passen müssen sie ja eh üben) ab Mittwoch startet. Die Modalitäten finde ich gut, da soll das Kind ruhig hingehen. Als das Essen fertig ist, möchte das Kind mit seinem Kumpel daddeln, sodass der RB und ich seit langem mal wieder nur zu zweit essen. Danach telefoniere ich und es tut gut, mal wieder wen anderes zu hören als den üblichen Dunstkreis. Für den RB beginnt das Online-Tasting und ich möchte eigentlich Fotos bearbeiten, aber dann skype ich mit meiner Mutter und irgendwie wird mir ganz mulmig und flau. Am liebsten würde ich direkt hinfahren. Ihr geht es nicht gut. Sie leidet. Sie leidet, weil mein Vater leidet und sie leidet unter der Gesamtsitutation. Ich mache mir Sorgen und muss überlegen, wass ich machen kann. Nach dem Gespräch bin ich mir sehr unsicher, ob ich überhaupt nachfrage, ob sie am Wochenende das Kind und mich sehen möchte*. Also so in echt.

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Zur Schulöffnung: Die Klasse vom Kind wird geteilt und montags, dienstags und mittwochs verwahrt beschult. Eine Gruppe hat morgens Unterricht und die andere am frühen Nachmittag. Macht das Sinn? Warum wird es gemacht? Ich halte nichts, aber auch gar nichts von dieser Aktion. Ja, sicherlich, uns geht es sehr gut in der HomeOffice-HomeSchooling-Situation. Wir sind da priviligiert und ich weiß das auch. Und ja, ich finde es auch richtig, dass es ein Angebot für Kinder geben muss, die im HomeSchooling nicht klarkommen. Die mehr Anleitung brauchen undoder deren Eltern – aus welchen Gründen auch immer – nicht ausreichend unterstützen können. ABER. Und hier gibt es zwei große ABER:

Aber wenn die Bildungspolitik in den vergangenen 20 Jahren nicht gepennt hätte und das Neuland Internet und alles Technische, was damit einherging, nicht seitdem gebannt und unbeweglich anstarren würde wie ein Kaninchen die Schlange, dann wäre zu Beginn der Schulschließung einfach die Tür des Technikraums geöffnet worden und alle Schülerinnen und Schüler wären mit vernünftiger Hardware statt mit 20 kg Büchern und Heften nach Hause gegangen. Quasi wie auf Knopfdruck wäre der Schulbetrieb von Präsenz auf virtuell umgestellt worden, einfach weil ein entsprechendes Konzept bereit gestanden hätte. Hättewärekönnte. Moderne Schulkonzepte fürn Arsch!

Aber die verdammte Schulpflicht! Nicht einmal in einer Ausnahmesituation wie dieser kann sie ausgesetzt werden. ALLE Kinder müssen faktisch wieder irgendwie zur Schule, so wie die Schule es halt ermöglicht. Warum gibt es hier keine Freiweilligkeit? Warum kann ich als Mutter nicht entscheiden: Das Risiko ist mir für 3 Stunden Verwahrung zu hoch. Warum darf ich nicht sagen: Das Kind lernt prima zu Hause. Es lebt auch noch. Ich weiß nicht, ob es dieses Hintertürchen generell gibt, aber ich danke der Schule für dieses**:

… Möglichkeit, […] um Befreiung vom Präsenzunterricht zu bitten. […] Ein Zwang, dies zu tun besteht ausdrücklich nicht. Die Fehlzeit wird im Zeugnis als entschuldigte Fehlzeit vermerkt.

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* Wenn dann geht es nur an diesem Wochenende. Wenn die Schule wieder anfängt, ist mir das zu heikel. Bislang waren das Kind und ich wirklich sehr unter Verschluss und sehr wenig unter Menschen.

** Wir werden es nicht sofort nutzen, aber ich behalte es mir vor – je nachdem, wie der „Unterricht“ dem Kind bekommt.

Ein Gedanke zu „Abschottung, Tag 59

  1. Auch für Kinder, die zu Hause NICHT gut lernen, wird dieses bisschen Präsentunterricht keinen entscheidenden Unterschied mehr machen. Außer der Verwirrung, dass es damit nicht getan ist und sie trotzdem zu Hause noch was tun müssen. Theoretisch.

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