Punk goes Oper: Carmen

Punk goes Oper: Carmen

Was mich ja sehr an der Oper, also an Opernhäusern fasziniert, ist ja, dass die Sängerinnen und Sänger ohne Mikrophone auskommen. Die Akustik ist so gut, dass wir auch im 3. Rang problemlos alles hören. (Ich wollte zuerst „verstehen“ schreiben, aber da die Opern ja zumeist nicht in Deutsch sind, verstehen wir eher weniger.) Und so gut wie die Akustik in die eine Richtung geht, so gut funktioniert sie natürlich auch in die andere(n) Richtung(en). Das scheint manchen Menschen leider nicht ganz klar zu sein, sonst würden sie während der Aufführung nicht so viel miteinander „flüstern“.

Etwas lästig sind auch die Leute, die ihr nicht gedimmtes Handy unbedingt während der Aufführung anmachen müssen. (Obwohl es im Aufführungssaal gar keinen Empfang gibt.) Da in Frankfurt alles außer die Bühne und der Orchestergraben so gar nicht beleuchtet sind, fällt jeder „second screen“ direkt ins Auge.

Beides machte sich bei der Carmen-Aufführung deutlich bemerkbar, auch weil bei uns im Rang eine Gruppe angehender Teenies (also zwischen 11 und 14 Jahre) mit nur einer Betreuungsperson saß. Vielleicht ist eine >3-Stunden-Oper für das Alter etwas viel. Denn die Unruhe nahm nach hintenraus deutlich zu.

Wobei heute eh eine komische Stimmung war. Es begann sehr unvermittelt. Wir saßen zwar bereits, aber es war noch Licht an. Menschen suchten auch noch nach Plätzen. Normalerweise wird es erst dunkel, dann kommt der Dirigent in den Orchstergraben, es gibt Applaus. Erst danach geht es los. Heute war es noch hell und es saßen auch noch nicht alle, da ging die Musik schon los. Die Ouvertüre von Carmen ist ja recht schmissig und schnell. Aber irgendwie wirkte es in der Gesamtsituation kurzfristig etwas gehetzt. Außerdem kamen deutlich nach Beginn der Vorstellung immer wieder Leute rein, stöckelten laut rum oder suchten geräuschig ihren Platz. Eine Hop-on-hopp-off-Vorstellung.

Also Carmen diesmal: Offiziell ist es eine Opéra-comique, die aber sehr tragisch endet. Genau genommen mit einem Femizid. Das kann einer durchaus kurz die Fassung nehmen, wenn es im Bekanntenkreis vor nicht allzu langer Zeit einen Femizid gab.

Was die Opéra-comique außer Komik ausmacht, ist, dass es immer mal wieder Erzähl-Parts gibt. Keine gesprochenen Dialoge, sondern es wird – in Frankfurt aus dem Off – irgendwas erklärt, beschrieben. Zweien von uns drei* hat das nicht gefallen. Die zwei mögen aber auch keine Operetten und Musicals. Wenigstens hat die Frankfurter Inszenierung auf die Sprechrollen verzichtet.

Insgesamt war es ein gemischtes Opern-Erlebnis: Das Bühnenbild – eine Bühnen-füllende Treppe – und die Kostüme waren toll. Die Chöre waren toll. Das Orchester war auch toll. Und gesanglich war auch alles toll. Don José war leider total fehlbesetzt**. Also nicht stimmlich, aber vom Typ und von der Schauspielleistung her. Carmen war ok und vermutlich wäre sie besser rübergekommen, wenn Don José besser mit ihr interagiert hätte. Aber der stand recht statisch auf der Bühne. Spanisches Feuer und auch die Dynamik der Amour fou zwischen den beiden kamen nicht wirklich rüber. Dazu gab es noch 5 Tänzer*innen, die gefühlt in jeder 2. Szene aktiv waren. Das war teilweise ganz nett, aber oftmals lenkte es zu sehr ab und hatte auch was Groteskes. Ich rechne es der Frankfurter Oper hoch an, dass sie bei den Übertexten nicht das Z-Wort, sondern Bohéme verwendet haben. Ich bin mir noch nicht sicher, wie ich es finde, dass Carmen nachdem sie von Don José umgebracht wurde, wieder „auferstehen“ durfte.

Ich muss sagen, dass mir die Inszenierung von Carmen im Hamburger Opernloft besser gefallen hat. Die war zwar deutlich eingekürzt und es gab auch nur 4 Sänger:innen und drei Musiker:innen, aber insgesamt stimmiger. Zumal das Thema Femizid und das toxische Verhalten von Don José nochmal ganz anders aufbereitet worden ist. Das hat mir sehr gut gefallen und ist meiner Meinung nach heutzutage sehr wichtig.

Die nächste Oper ist schwere Kost: Die Passagierin von  Mieczysław Weinberg.

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* Eine davon bin ich.

** Es gibt noch einen weiteren Don-José-Sänger in Frankfurt. Der wäre schon allein vom Typ passender.

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