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Monat: Juli 2019

Keine Angst?!

Keine Angst?!

Irgendwann, irgendwo auf dieser Welt, in diesem Leben ist etwas verloren gegangen. Wir haben verlernt, aufeinander zu achten. Wir haben verlernt, die Zeichen zu deuten. Wir hören nicht mehr hin. Wir hören die Zwischentöne nicht mehr. Erst wenn es laut wird, merken wir was. Doch dann ist es zu spät. Wir stehen wie das Kanninchen vor der Schlange. Mit großen Augen und wissen nicht, was zu tun ist.

Und immer mehr scheinen sich trotzdem Ohropax in die Ohren zu stecken. Wenn wir es ignorieren, geht es vielleicht vorbei.

Das Erlebnis gestern vorm, anm und im Frankfurter Hauptbahnhof zeigt mir deutlich:

Die Nazis gehen über Leichen. Sie gingen schon immer über Leichen. Wir alle wissen, wie viele Leichen sie produziert haben. Ja, ich wähle das Wort bewusst, denn es war eine Tötungsmaschinerie.
Und die neu erstarkten Nazis werden über noch mehr gehen. Sie haben schon angefangen. Ihnen ist jedes Mittel recht.
Wir werden sie nicht mit Gesprächskreisen und Verständnis aufhalten können!

Wenn gesundheitlich nichts dazwischenkommt, habe ich noch locker 35-40 Jahre zu leben. Doch wie werde ich sie erleben? Ich habe mich – bewusst – angreifbar gemacht und werde das auch weiterhin machen. Was wird mit Menschen wie mir passieren, wenn die Nazis wieder an der Macht sind? Was passiert mit meinem Kind?

Ja, das macht mir Angst, aber ich kann mich nicht von dieser Angst leiten lassen. Ich will es nicht. Denn Angst und Schweigen werden uns die Freiheit nehmen.

Insel der Glückseeligen?

Insel der Glückseeligen?

Heute auf dem Bahnhofsvorplatz war es durchaus skurril bis widerlich.

Die Nazis hatten 37 (?) Gedenktafel vorbereitet und aufgestellt. Darauf waren Mensch (teilweise nicht unkenntlich gemacht) zu sehen, die angeblich von Ausländer umgebracht worden sein sollen. Diese Vereinnahmung und Instrumentalisierung der Toten hat mich sehr abgestoßen.

Diese Aufsteller wurden allerdings von den Bannern des Vereinigung der Verfolgten des Naziregims und Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten verdeckt.

Hinter diesen Bannern standen neben dem RB und mir maximal 15 Leute. Das war für die Polizei wohl ausreichend, um mit ca 10 Personen vor und 10 Personen hinter uns zu stehen.

Währenddessen spukten die Nazis durch die Menge und hetzten rum. Eine bekommt ganz ekelige Phantasien bei sowas. Ich weiß nicht, ob das auf Dauer gesund ist.

Unsere Demoseite war nicht wegen des von der Bahnhofsmission initiierten Trauergottestdienst da. Das hinderte uns aber nicht daran, das Bedürfnis der Menschen, die wirklich deswegen gekommen waren, zu respektieren. Im Gegensatz zu den Nazis, die die Ruhe nutzten, um immer wieder rumzupöbeln.

Peter Feldman, Frankfurts Oberbürgermeister, hielt eine sehr gute Ansprache, wie ich fand. Er positionierte sich und Frankfurt gegen die Hetze und gegen jede Instrumentalisierung der Tat. Er betonte, dass Nationalitäten weder bei der Tat noch in Frankfurt eine Rolle spielen.

Die Nazis nutzten diesen Moment, um sich vermeintlich unbehelligt am fraglichen Bahngleis selbst zu inszenieren.

Als sich die Veranstaltung langsam auflöste, kam der OB zu uns und gab uns allen die Hand und bedankte sich fürs Kommen.

Ja, Frankfurt ist bunt. Und ja, wir konnten die Aktion der Nazis stören. Manchmal fühlt es sich an, als lebten wir auf der Insel Glückseeligen.

Aber wir haben auch den NSU2.0 und leben im Land der Einzeltäter. Und Kassel gehört auch zu Hessen.

Rassismus und das verstärkte Wieder-aus-den-Löchern-Kriechen der Nazis ist kein Ost-Problem. Es ist ein bundesweites.

Es geht uns alle an!
Jetzt!

Immer wieder schön

Immer wieder schön

Bewegung war ja letzte Woche nur bedingt möglich und nur wohl dosiert gesund. Also zumindest tagsüber. Aber so ohne Bewegung ist halt auch doof. Und deswegen musste heute genutzt werden, dass die Temperaturen wieder gut erträglich sind (gut, Scott jammert, es sei ihm immer noch zu heiß und Puffins würden bei den Temperaturen schmelzen) und ich schuchte den RB nach der Arbeit am Abend aus dem Haus. Einmal auf den Lohrberg rauf …

Huthpark mit Licht
Abkühlung. Toll.

Dann war es in der Lohrberg-Schenke leider etwas wuselig, unorganisiert und voll, sodass es leider keinen Schoppen und – für den RB – nen Handkäs gab. Also wieder runter. Zum Glück gab es unterwegs viiiiele Brombeeren, sonst wären wir ob des Hungers vom RB wohl nicht mehr heil zurückgekommen 😉

Die Birne trägt Pelz… so sehr hat es sich nun wirklich nicht abgekühlt.

Erholsame 8 Kilometer. So schön, dass der Lohrberg so nah ist.

Süßes

Süßes

Hier wird ja gerade gelowcarbt. Was bei uns v.a. bedeutet, dass wir seit 14 Tagen kein Brot, Brötchen und Nudeln gegessen haben. Vielleicht sollten wir es „low wheat“ nennen?! Naja, der Zuckerkonsum ist auch deutlich reduziert. Allerdings verzichten wir ja nicht komplett auf Zucker bzw. Süßes: Mal gibt es ein Stück Schokolade zum Kaffee oder wie heute und auch schon letzte Woche am Sonntag gab es zum Sonntagskaffee passende Pancakes. Ganz easy, sehr lecker:

Zutaten
3 Eier
150 g gemahlene Mandeln oder Nüsse*
Salz
Zitrone
etwas Milch

Zubereitung
Eier trennen, Eigelb aufschlagen und mit den gemahlenen Nüssen/Mandeln vermischen, wenn der Teig sehr dick ist, etwas Milch zugeben (sollte noch etwas zäh bleiben)

Eiweiß mit etwas Zitrone zu Eischnee schlagen

Eischnee unter Eigelb-Nuss/Mandel-Masse heben

Pancakes ind leicht gebutterter Pfanne ausbacken

Gesüßt wird mit Marmeladen (Moltebeeren schmeckt sehr gut dazu)

Heute Abend dann doch etwas mit Weizenmehl gegessen. Eine der Besten hatte selbstgebackene Hefebrötchen als Nachtisch zum Grillen mitgebracht. Die waren sehr lecker, aber mit hat das eine kleine tatsächlich gereicht. Immer noch kein Brot**-Bedarf.

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* Es gilt: 1 Ei pro ca. 50 g gemahlene Nüsse/Mandeln

** und Verwandtes

Sesam öffne Dich

Sesam öffne Dich

Wenn ich eine Flasche mit Kapselverschluss öffnen möchte, nutze ich einen Flaschenöffner Kapselheber. Die Dinger sind nicht nur recht praktisch, sondern ich bin auch einfach zu dappich, eine Flasche mit Feuerzeug, Tischkarten, Messergriff, Zähnen, kleinem Zeh… you name it… zu öffnen.

Mag sein, dass das total praktisch ist, aber, ich mein, wozu gibt es Kapselheber?! Außerdem hab ich halt Angst, das zweckentfremdete Werkzeug kaputt zu machen.

Nun ist es ja so, dass der RB nicht ich ist und bei bestimmten Dingen einen andere Meinung hat. Zum Beispiel zum Thema Flaschen öffnen. Er nimmt gerne alles Mögliche um Flasche und Kapsel voneinander zu trennen. So schnell, wie er zwei Flaschen aneinander (zumindest die eine an der anderen) öffnen kann, so schnell kann ich nicht mein Taschenmesser im Rucksack suchen.

Heute allerdings nahm er den Autoschlüssel. Schlüssel sind ja eh so ein rotes Tuch für mich. Die Rennerei, wenn die kaputt oder verloren gehen. Nein danke. Heute also der Autoschlüssel als Kapselheber und natürlich musste es kommen, wie es kam: Der Schlüssel fand diese Zweckentfremdung („Das hab ich schon total oft gemacht und nix ist passiert.“) nicht im Sinne des Erfinders (ach?!) und ging kaputt. Der RB hatte den einen Schlüsselteil in der Hand und noch einen und noch einen. Aber anscheinend war der Schlüssel nur an „Sollbruchstellen“ aufgegangen, sodass er ihn wieder zusammengesetzt bekam.

Dann wollten wir fahren. Als wir aufs Auto zugingen, stellte sich heraus, dass das SittSitt die Zentralverriegelung via Schlüsselfernbedienung (gibt es dafür einen kürzeren Begriff?) nicht funktionierte. Hmm, nicht toll, aber das Auto hat ja noch Schlösser und so kamen wir ins Auto.

Es fühlte sich schon irgendwie anders an, als ich den Schlüssel ins Schloss steckte. Doch so richtig komisch wurde es, als ich den Wagen anlassen wollte. Denn mehr als rödeldirödeldirödel war nicht zu hören. Anlasser kaputt? Marderbiss? Batterie und Tankfüllung konnten es zumindest nicht sein.

Natürlich waren wir mitten in der Pampa und ich sah uns schon den ADAC rufen.

Doch erstmal bei den Leuten fragen, die wir gerade erst verlassen hatten, ob sich wer auskennt. Herr Walther meldete sich. Er ließ sich das Problem vorführen, erinnerte sich an den Schlüsselunfall beim Flaschenöffnen und fragte, ob die Batterie aus dem Schlüssel gefallen sei und so der Chip keinen Strom hätte und dadurch die Chiperkennung (als Diebstahlschutz) nicht funktionierte. Die Batterie sei drin, meinte der RB und kramte in seiner Tasche, aber den Chip habe er nicht reingemacht.

Nun durfte ich endlich mein Taschenmesser raussuchen. Wir öffneten den Schlüssel, setzten die Miniplatine (jaja, kein Chip) ein und… tadaa… da funktionierte schon mal das SittSitt. Optimistisch drehte ich den Schlüssel im Anlassschloss um und das Auto machte die Geräusche, die es machen soll.

Und die Moral von der Geschicht‘?!
Zweckentfremde (Auto-)Schlüssel nicht!

Bloß nichts Neues

Bloß nichts Neues

Heute am späten Nachmittag ging ich raus. Zwei, drei Sachen fürs Abendessen „fehlten“ noch. Und ich brauchte Bewegung. Also lief ich nach dem Einkauf einfach noch ein bisschen weiter „unsere“ Einkaufsstraße entlang. Auf der mittleren Berger hat sich einiges getan. Sämtlich Geschäfte sind da nun eröffnet und ich schlenderte in den einen oder anderen rein. Gucken und Klimaanlage „testen“. Hier und da entdeckte ich was: „Och, das wäre schon ganz praktisch, hübsch.“ Ich hielt es in der Hand, schlenderte weiter im Laden und beschloss dann: „Ich brauche nichts. Gar nichts.“ Wir leben gut. Ja, im Überfluss.

Und als nächstes werden endlich mal Dinge aussortiert. (Ich möchte allerdings so wenig wie nötig, wegschmeißen, aber mir graut es vor dem Verschenken und Verkaufen. Wo macht eine sowas am besten? Ebay? Kleiderkreisel? RL-Flohmarkt?)

Flüssig

Flüssig

Ich will noch nicht mal sagen, dass ich heute untätig war, aber hitzebedingt läuft hier gerade einiges anders. Es ist zwar in der Wohnung immer noch kühler als draußen, aber was heißt das schon bei > 40 °C Außentemperatur?! Nein, der Schweiß fließt noch nicht. Aber das mag auch daran liegen, dass ich meine Bewegungen wohldosiert einsetze.

Der Tagesrhythmus* muss sich der Temperatur anpassen. Ich kann tagsüber wegen warm und zu wenig Sauerstoff (ja, Fenster auf bringt kurz was, aber macht es in der Regel doch wärmer als eh schon) nicht wirklich arbeiten. Um flüssig (haha) schreiben zu können, müsste ich so viel trinken, dass ich wirklich viertelstündlich aufs Klo rennen müsste. Tja und dann würde ich wieder meinen Schreibfluss unterbrechen. Also mache ich Dinge, die ich unterbrechen kann. Geschrieben wird – wie jetzt – nachts auf dem Balkon.

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* Phänomenal war es allerdings heute morgen. Um kurz nach 9h00 klingelte das Telefon. Ein Kollege. Nein, ich bin nicht drangegangen, weil ich a) wenn überhaupt erst ab 9h30 erreichbar bin und b) ebendiesem Kollegen erst 7 Stunden zuvor (also mitten in der Nacht) eine e-Mail geschickt hatte, in der ich die Tag-Nacht-Problematik thematisiert hatte. Und es ist jetzt nicht so, dass gerade der Baum brennt und ich dringend und un.be.dingt erreichbar sein muss. Ich muss meine Texte abliefern, aber mehr auch nicht.

Motivation

Motivation

Meine Mutter freut sich – und ich mich auch: Mein Vater ist zu Späßen aufgelegt und kann diese auch kommunizieren*. So verkündete er wohl, dass er unbedingt zum Friseur müsste. Seine Haare seien mittlerweile so lang, dass er Angst habe, wie Boris Johnson auszusehen.
Hihi, allerdings ist mein Vater sehr weißgrau, also weit entfernt von rotblond und ein totes Eichhörnchen trägt er auch nicht auf dem Kopf.
Vor dem Apoplex hätte er sich sicherlich intensiv über Johnson und dessen Unfähigkeit für alles ausgelassen. Schön, dass er sich weiterhin fürs aktuelle Weltgeschehen interessiert.

Heute ein sehr schönes berufliches Kompliment bekommen: „Ich habe extra darum gebeten, dass Sie den Text schreiben. Sowas wie beim letzten Text** möchte ich nicht noch einmal erleben.“

Das Arbeiten fällt bei der Hitze doch recht schwer. Dabei mache ich schon BettOffice im verrammelten Schlafzimmer. Und überhaupt ist es ja durchaus deutlich kühler in der Wohnung als draußen. Aber trotzdem denke ich sehr träge. Wenigstens kann ich mich abends dazu aufraffen, nochmal zu arbeiten. Sonst würde das alles noch zäher gehen.

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* Für die neuen Leserinnen: Mein Vater hatte vergangenes Jahr einen Schlaganfall und leidet seitdem unter Aphasie.

** Selbstverständlich nicht von mir geschrieben.

Nomnomnom

Nomnomnom

Ist die Katze … äh … das Kind aus dem Haus, essen die Erwachsenen, was nur ihnen schmeckt. (Wobei das Kind kein allzu schnäkiger Esser ist, aber bestimmte Gewürze, Koriander und Borkkoli mag er halt nicht.) Zudem haben der RB und ich uns ja nach Schottland und Saarbrücken verordnet, a) low-carbiger zu essen und b) keinen Alkohol zu trinken. a) werden wir wohl erstmal weitermachen und b) gilt/ galt zumindest für 12 Tage (ich werde es womöglich noch etwas länger durchhalten, aber der RB ist ja arbeitsunfähig, wenn er nicht wenigstens mal probieren kann).

Und so kamen in den vergangenen Tagen sehr leckere Sachen auf den Teller, von denen wir bislang sagen: „Oh, sehr gerne wieder.“ Die Rezepte kamen entweder aus meiner Blattsammlung oder aus der KptnCook-App (Danke an Frau Brüllen für die Werbung den Hinweis.)

Blumenkohlreis + Räucherforelle
scharfsaurer Rindfleischsalat
Schweinefilet mit Ananas-Gurken-Salsa (Foto: RB)
Gegrillter Fisch mit gegrilltem Tomaten-Bohnen-Gemüse
Möhren-Gurken-Salat (mit Kichererbsen und Erdnüssen) + zweierlei gegrilltes Lamm
gegrillte Rote Bete und Fenchel (mit Pinienkernen und Schafskäse) + gegrilltes Hähnchen
Brokkoli-Bohnen-Salat (mit Gurke, Erdnüssen und Sesam) + Merguez

Gleich dann mal den Essensplan für die kommenden Tage machen.

PS: Ich teile die Rezepte gerne auf Anfrage. Für die KptnCook-Rezepte wird die App benötigt.

Alles Glatzen?!

Alles Glatzen?!

Vielleicht war es mein Glück, dass ich einen großen Bruder habe, der sechs Jahre älter ist. So kam ich bereits ab Mitte der 1980er Jahre in den Kontakt mit verschieden Subkulturen/ -gruppen. Wobei Kontakt zu viel gesagt ist, aber die Freundinnen von meinem Bruder, die bei uns ein- und ausgingen, waren in der Regel alles andere als Mainstream: Ich sah Gruftis, Punks und Skinheads. Das konnte ich im Alter von 10 Jahren zwar noch nicht so benennen, aber was der große Bruder macht, kann nicht so verkehrt sein, und so fand ich den Anblick nicht schlimm. Vielmehr war ich am durchaus konservativen Gymnasium immer wieder irritiert, wie wichtig bestimmte bunte Marken* und ein relativ einheitlicher Look sein sollten.

Ich bekomme es zeitlich nicht mehr ganz zusammen (und fragen kann ich leider** auch nicht): Es muss grob Anfang der 1990er gewesen sein. Da hatten wir in der Schule eine Projektwoche zum Thema Neonazis und Rassismus. Zumindest war ich in einer Projektgruppe zu dem Thema. Und weil das alles irgendwie theoretisch war und sehr historisch aufbereitet, und alle dachten, dass sie Neonazis gaaaanz einfach an den abrasierten Haaren erkennen könnten, lud ich kurzerhand meinen großen Bruder ein. Er erzählte uns was von den „Glatzen“, mit denen er immer abhing. Die anderen in der Gruppe bekamen große Augen und Ohren und dachten wohl anfangs kurz, dass sie einen waschechten Neonazis vor sich sitzen haben. Aber weit gefehlt: Die Glatzenkumpels meines Bruders waren Skinheads. Ich weiß noch, dass er sie immer wieder Oi-Skins nannte, um sie von den Nazi-Skins abzugrenzen.
Er erklärte uns auch, dass es keine Neonazi-Checkliste gibt, anhand derer eine einen Neonazis eindeutig erkennen könne: Weder Glatze, Londsdale-Hoodie, Fred-Perry-Shirt, Harrington-Jacke noch DocMartens – egal in welcher Farbe und mit welchen Schnürsenkeln – seien eindeutige Merkmale. Durch meinen Bruder lief ich früh mit Docs rum und trug auch seine Londsdale-Pullis und Harrington-Jacke (beides einiges zu groß) auf.

Seitdem zucke ich immer zusammen, wenn die Medien Nazis/ Rechte mit Skinheads gleichsetzen oder mir jemand erzählen will, dass eine bestimmte Schnürsenkel-Farbe in DocMartens DAS eindeutige Indiz für einen Nazis sei.

Und was damals galt, gilt heute erst recht.

Ich kann den Wunsch, Nazis eindeutig an Äußerlichkeiten zu identifizieren, ja durchaus verstehen. Und es wäre schön, wenn es ginge. Aber Nazis sind keine Subkultur.

Subkulturen sind entstanden, um sich – auch optisch – vom Mainstream und ja auch von der Gesellschaft abzugrenzen wie z.B. Goths, Punks, Techno, HipHop, Skater, Hippies. Oft auch, wie eine an den aufgezählten Gruppen sieht, durch oder mit einer bestimmte Musikrichtung. Diese Subkulturen waren und sind im Normallfall nicht (partei-)politisch motiviert. Klar ist ihre Abgrenzung Gesellschaftskritik, aber dahingehend, dass sie eine bunte offene Gesellschaft wünschen, in der jede ihren Platz hat.

Und an diesen Punkten unterschieden sich die Nazis

1. Nazis definieren sich nicht als Subkultur. Sie empfinden sich als den (verkannten) Mainstream („das Volk“).

2. Sie wollen sich nicht abgrenzen, sie wollen andere AUSgrenzen.

3. Nazis sind rassistisch, antisemitisch, homophob und ableistisch***. Kurz: Sie sind klar gegen eine offene und bunte Gesellschaft.

Und insbesondere wegen der beiden ersten Punkte sehen Nazis nicht aus wie Nazis. Es gibt (noch) keine Nazi-Uniform. Guckt euch die ganzen Bilder von Nazi-Demos an: Es ist ein relativ bunter Haufen. Viele sehen aus wie der Mainstream und je älter die Leute sind, desto „normaler“ wirken sie auf den ersten Blick. Wie bei vielen anderen jüngeren Menschen sind Piercings und Tunnels gerade total en vogue. Und ja, es gibt auch „immer noch“ Nazis, die keine Haar auf dem Kopf haben.

Aber ihre Frisur macht aus ihnen keine Nazis. Nazi ist eine nicht auf, sondern IM Kopf!

Guckt Euch doch mal in der Nachbarschaft, im Büro oder im Freundeskreis um: Da wird sicherlich der eine oder andere Mensch keine Haare auf dem Kopf haben. Vermutlich würdet Ihr sie weder als Skinheads (im politschen Sinne) bezeichnen, noch sind es (hoffentlich) Nazis.

Dass Skinheads und Nazis gleichgesetzt werden, hat zum einen mit der Geschichte der Skinheads und zum anderen – gerade in Deutschland – mit den journalistisch unsauberen Medienberichten zu den Neonazis in den 1990er Jahren zu tun. Aber dazu in einem weiteren Blogpost mehr.

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* Marken-Kult oder zumindest einen bestimmter Look gibt es ebenso bei Subgruppen. Teilweise noch unifomiger als beim „Mainstream“.

** Naja, „leider“ ist relativ. Ich habe meine guten Gründe, warum ich den Kontakt zu meinem großen Bruder abgebrochen habe.

*** Hier fehlen sicherlich noch viele Subgruppen.