Alles Glatzen?!

Alles Glatzen?!

Vielleicht war es mein Glück, dass ich einen großen Bruder habe, der sechs Jahre älter ist. So kam ich bereits ab Mitte der 1980er Jahre in den Kontakt mit verschieden Subkulturen/ -gruppen. Wobei Kontakt zu viel gesagt ist, aber die Freundinnen von meinem Bruder, die bei uns ein- und ausgingen, waren in der Regel alles andere als Mainstream: Ich sah Gruftis, Punks und Skinheads. Das konnte ich im Alter von 10 Jahren zwar noch nicht so benennen, aber was der große Bruder macht, kann nicht so verkehrt sein, und so fand ich den Anblick nicht schlimm. Vielmehr war ich am durchaus konservativen Gymnasium immer wieder irritiert, wie wichtig bestimmte bunte Marken* und ein relativ einheitlicher Look sein sollten.

Ich bekomme es zeitlich nicht mehr ganz zusammen (und fragen kann ich leider** auch nicht): Es muss grob Anfang der 1990er gewesen sein. Da hatten wir in der Schule eine Projektwoche zum Thema Neonazis und Rassismus. Zumindest war ich in einer Projektgruppe zu dem Thema. Und weil das alles irgendwie theoretisch war und sehr historisch aufbereitet, und alle dachten, dass sie Neonazis gaaaanz einfach an den abrasierten Haaren erkennen könnten, lud ich kurzerhand meinen großen Bruder ein. Er erzählte uns was von den „Glatzen“, mit denen er immer abhing. Die anderen in der Gruppe bekamen große Augen und Ohren und dachten wohl anfangs kurz, dass sie einen waschechten Neonazis vor sich sitzen haben. Aber weit gefehlt: Die Glatzenkumpels meines Bruders waren Skinheads. Ich weiß noch, dass er sie immer wieder Oi-Skins nannte, um sie von den Nazi-Skins abzugrenzen.
Er erklärte uns auch, dass es keine Neonazi-Checkliste gibt, anhand derer eine einen Neonazis eindeutig erkennen könne: Weder Glatze, Londsdale-Hoodie, Fred-Perry-Shirt, Harrington-Jacke noch DocMartens – egal in welcher Farbe und mit welchen Schnürsenkeln – seien eindeutige Merkmale. Durch meinen Bruder lief ich früh mit Docs rum und trug auch seine Londsdale-Pullis und Harrington-Jacke (beides einiges zu groß) auf.

Seitdem zucke ich immer zusammen, wenn die Medien Nazis/ Rechte mit Skinheads gleichsetzen oder mir jemand erzählen will, dass eine bestimmte Schnürsenkel-Farbe in DocMartens DAS eindeutige Indiz für einen Nazis sei.

Und was damals galt, gilt heute erst recht.

Ich kann den Wunsch, Nazis eindeutig an Äußerlichkeiten zu identifizieren, ja durchaus verstehen. Und es wäre schön, wenn es ginge. Aber Nazis sind keine Subkultur.

Subkulturen sind entstanden, um sich – auch optisch – vom Mainstream und ja auch von der Gesellschaft abzugrenzen wie z.B. Goths, Punks, Techno, HipHop, Skater, Hippies. Oft auch, wie eine an den aufgezählten Gruppen sieht, durch oder mit einer bestimmte Musikrichtung. Diese Subkulturen waren und sind im Normallfall nicht (partei-)politisch motiviert. Klar ist ihre Abgrenzung Gesellschaftskritik, aber dahingehend, dass sie eine bunte offene Gesellschaft wünschen, in der jede ihren Platz hat.

Und an diesen Punkten unterschieden sich die Nazis

1. Nazis definieren sich nicht als Subkultur. Sie empfinden sich als den (verkannten) Mainstream („das Volk“).

2. Sie wollen sich nicht abgrenzen, sie wollen andere AUSgrenzen.

3. Nazis sind rassistisch, antisemitisch, homophob und ableistisch***. Kurz: Sie sind klar gegen eine offene und bunte Gesellschaft.

Und insbesondere wegen der beiden ersten Punkte sehen Nazis nicht aus wie Nazis. Es gibt (noch) keine Nazi-Uniform. Guckt euch die ganzen Bilder von Nazi-Demos an: Es ist ein relativ bunter Haufen. Viele sehen aus wie der Mainstream und je älter die Leute sind, desto „normaler“ wirken sie auf den ersten Blick. Wie bei vielen anderen jüngeren Menschen sind Piercings und Tunnels gerade total en vogue. Und ja, es gibt auch „immer noch“ Nazis, die keine Haar auf dem Kopf haben.

Aber ihre Frisur macht aus ihnen keine Nazis. Nazi ist eine nicht auf, sondern IM Kopf!

Guckt Euch doch mal in der Nachbarschaft, im Büro oder im Freundeskreis um: Da wird sicherlich der eine oder andere Mensch keine Haare auf dem Kopf haben. Vermutlich würdet Ihr sie weder als Skinheads (im politschen Sinne) bezeichnen, noch sind es (hoffentlich) Nazis.

Dass Skinheads und Nazis gleichgesetzt werden, hat zum einen mit der Geschichte der Skinheads und zum anderen – gerade in Deutschland – mit den journalistisch unsauberen Medienberichten zu den Neonazis in den 1990er Jahren zu tun. Aber dazu in einem weiteren Blogpost mehr.

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* Marken-Kult oder zumindest einen bestimmter Look gibt es ebenso bei Subgruppen. Teilweise noch unifomiger als beim „Mainstream“.

** Naja, „leider“ ist relativ. Ich habe meine guten Gründe, warum ich den Kontakt zu meinem großen Bruder abgebrochen habe.

*** Hier fehlen sicherlich noch viele Subgruppen.

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