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Monat: Februar 2021

Letzte Etappe

Letzte Etappe

Lockdown, Tag 72

Der RB hat ,am Sonntag eine Fortbildung, das Kind hatte am Freitag mal wieder Rugby-Training. Daraus ergab sich, dass der RB und ich am Samstag nur zu zweit die letzte Etappe der Hohen Straße liefen. Also natürlich nicht die allerletzte Etappen, denn Hohe Straße geht ja bis Leipzig, aber die letzte Etappe auf dem ausgebauten Stück von Frankfurt nach Büdingen. Danach ist sie wohl erstmal nicht ausgebaut. aber das werde ich noch genauer eruieren. Aber alles weitere ist keine Tagestour mehr von Frankfurt aus. Da würden sich verlängerte Wochenenden mit mehreren Etappen anbieten.

Wie auch immer: Schön war’s. Und lang war’s. Und anfangs war es auch noch ziemlich frisch und windig. Außerdem mussten wir wirklich viele antifaschistische Aufkleber verteilen. Bald ist Kommunalwahl in Hessen und rund um Büdingen ist es leider ziemlich braun. [insert Kotzsmiley]

(Wenn es interessiert: Hier Etappe 1, zwei, drei, vier, fünf und sechs)

Nun müssen wir uns eine neue Wanderperspektive suchen. Vielleicht wandern wir zukünftig den Limes entlang.

Danke.

Danke.

Der Tod meines Vaters und die Tage danach bzw. seitdem waren und sind ereignis- und erkenntnisreich. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass ich eine Familienaufstellung spannend finde(n könnte). Vermutlich ist es normal, dass in solchen emotionalen Ausnahmesituationen familiäre Beziehungsgrundmuster und Spannungen besonders deutlich werden. Und auch dass sich nichts schlagartig ändert an gewachsenen Beziehungsmustern, nur weil wir uns ein Erlebnis teilen.

Dennoch ist es für mich irritierend, wie nah meine Mutter und ich uns waren in den knapp 48 Stunden, nachdem mein älterer Bruder und ich endlich angekommen waren. Ich habe meine Mutter in diesen zwei Tagen so viel umarmt wie mein ganzes Leben nicht – also der Part, an den ich mich aktiv erinnere. Es war ungewohnt, aber fühlte sich nicht falsch an. Wir waren uns so nah, dass ich ihr sogar mein Tattoo gezeigt habe, das ich mir für Papa habe machen lassen. Wir waren uns auch so nah, dass sie mir indirekt eingestand, dass sie mir nie so nah war, wie mein Vater und ich es uns waren*.

Als ich dann erstmal wieder nach Hause fuhr, vereinbarte ich mit meiner Mutter, dass ich drei Tage drauf wiederkäme. Mit dem Kind. Damit sie die Tage vor der Beerdigung nicht alleine ist. Aber ich spürte auch, dass ich das Kind und den RB um mich brauchte. Und ums Kind musste ich mich auch kümmern: Dem hatte ich bislang nur per Videoanruf vom Tod des Opas erzählt. Das war natürlich suboptimal. Auch wenn der RB alles tat, um das Kind aufzufangen.

Die zwei Tage zu Hause taten gut nach den beiden Tagen im emotionalen Ausnahmezustand**. Das Kind brauchte dringend Beistand beim Trauern. Ich brauchte Normalität. Ich arbeitete sogar ein bisschen. Mein Vater hätte es auch so gemacht.

Als das Kind und ich wieder bei meiner Muter waren, war sie wieder da, die Distanz, die uns seit jeher begleitet. Kurzfristig fragte ich mich, warum ich überhaupt so viel vor der Beerdigung gekommen bin. Ich fühlte mich wie ein Fremdkörper. Und womöglich war ich das für meine Mutter auch: Ein geschäftiger, nicht trauernder Fremdkörper, der Dinge erledigt, die erledigt werden müssen. Ich weiß, dass es ihr gut tat, dass ich Dinge einfach gemacht habe, aber mein vermeintlichens Nichttrauern wirkte womöglich befremdlich. Es ist schwer zu beschreiben, aber es war klar, dass ich in diesen Tagen meiner Mutter den Rücken freihalten wollte und auch konnte. Dass ich diese Tage nicht zum Trauern brauchte. Ich brauchte auch die Beerdigung nicht zum Trauern oder zum Abschiednehmen.

Ich trauere nicht bzw. nur wenig nach Außen. Dadurch wirke ich sehr sachlich, kühl und emotionslos.

Nicht, dass ich nicht geweint habe. Mich hat es bei der Abschiednahme in der Trauerhalle zerrissen. Dabei habe ich es gar nicht lange in der Trauerhalle ausgehalten. Ich wollte eigentlich gar nicht rein. Aber es war gut. Ich habe lange und heftig weinen müssen. Allein.

Es gab immer wieder Momente, die mir die Tränen in die Augen trieben. Vieles davon sind geschriebene Momente. Besonderes schön-traurig war die Nachricht einer Tweep, die mir schrieb, dass ein Buch meines Vaters sie durch das Studium begleitet hat. <3 Es tut so gut zu wissen, dass sein Schaffen Spuren hinterlassen hat.

Mit ausgesprochenen Beileidsbekundungen hingegen kann ich nur schlecht umgehen. Sie wirken auf mich so floskelhaft – auch wenn sie das natürlich nicht sind. Der Papa vom RB brachte es auf den Punkt, als der RB ihm vom Tod meines Papas erzählte: „Liebe Grüße an B. und was man so sagt. Du weißt schon.“

Wenn ich daran denke, dass Papa nicht mehr da ist, ist das komisch. Und ich denke, wie unfair dieser Schlaganfall war. Was er Papa genommen hat. Und ich sehe Bilder aus der Zeit, auf denen er zuversichtlich lächelt. Er hat sich nicht unterkriegen lassen. Er hat immer daran geglaubt, dass noch was Gutes kommt. Er hat immer nach vorne geschaut. Sein ganzes Leben lang.

Ja, ich bin „seine“. Ich habe viel von ihm – neben einer latent „preußischen“ Grundhaltung*** halt auch seine Zuversicht. Und vielleicht sieht meine Trauer deswegen so anders aus: Ich trauere nicht, dass er gehen musste, sondern bin froh und dankbar für die Zeit mit ihm, für das, was er mir mit auf den Weg gegeben hat.

Danke, Papa.
Für alles.

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* „Du warst immer seine. Da konnte ich loslassen. Er war so stolz auf Dich. Und er hat Dich so lieb gehabt.“

** nicht nur wegen des Todes meines Vaters, sondern vor allem auch wegen der Konstellation vor Ort.

*** Dinge, die getan werden müssen, werden getan. Ohne Murren.

Rund um die Ronneburg

Rund um die Ronneburg

Lockdown, Tag Drölf Million 66

Gestern drehten der RB und ich schon eine Runde im frühlingsmilden Wetter. Hachz, das fühlt sich schon ganz anders an. Es ist erstaunlich, wie sehr sich sogar auf mich, die große Winterliebhaberin, dieser Wetterunterschied auswirkt. Die Trägheit der letzten Tage ist wie weggeschmolzen. Und weil die Runde gestern nur eine kleine durchs Viertel war, war klar, dass wir das superkalifragilistikexpialigetische Wetter nutzen müssen und wollen. Und weil ich nach Etappe 3 oder so von der Hohen Straße überlegt hatte, dass wir den alten Handelsweg auf jeden Fall bis Büdingen nachlaufen (bevor wir uns was Neues suchen). Zwei Etappen fehlen uns noch. Heute war eine davon dran. Der Ausgangspunkt hätte auch die Ronneburg sein können, aber mein innerer Monk versucht immer so anzuknüpfen, dass wir direkt da weiterlaufen können, wo wir zuvor die Hohe Straße verlassen haben. Daher ging die Tour quasi rund um die Ronneburg.

Dieses Wetter tat so gut. Nur mit dem RB allein tat so gut. Auch mal wieder deutlich über 10 Kilometer (15 Kilometer) zu wandern, tat gut. Jetzt fehlen uns nur noch 7,5 der insgesamt 38,3 Kilometer von Frankfurt nach Büsingen.

Das Essen bestellten wir auf der Fahrt und holten es auf dem Weg nach Hause ab. Das war gut. Das Abholen und das Essen. 😉

Morgen fängt der Wechselunterricht an. Das Kind ist darüber höchst ambivalent. Zum einen fehlt es ihm wirklich, andere Kinder zu sehen. Zum anderen hat er arber Angst, weil wer seine Pappenheimerinnen kennt und jede einzelne, die sich nicht richtig an die Pandemieregeln hält, für ihn ein großer Stressfaktor ist.

Eine Narbe bleibt

Eine Narbe bleibt

Am 28.1. wollte ich noch schnell FFP2-Masken im Backofen aufbereiten. Ich griff schief in den Backofen und da machte es schon „zisch“ und ich hatte mir eine ordentliche Brandwunde an der Hand zugegezogen. Zum Glück war der Backofen „nur“ 80 °C heiß. Dennoch roch es verbrannt.

Das war gegen 13h10.

Drei Stunden später machte mein Vater seinen letzten Atemzug.

Die Wunde blieb. Ich spürte sie ständig. Ich spüre sie immer noch.

Trotz Wund- und Brandgel zickte die Wunde rum. Entzündete sich leicht. „Da wird eine veritable Narbe bleiben“, dachte ich.

Am Samstag haben wir meinen Vater beerdigt.

Meine Wunde ist deutlich verheilter.

Aber eine Narbe wird bleiben.

Nicht nur auf der Hand.