Punk goes Oper: Die Passagierin
Nach der letzten Oper gab es an der U-Bahn-Haltestelle eine lustige interessante aus der Zeit gefallene Situation: Wir drei gehen ja in der Regel völlig unaufgebrezelt in die Oper. Die eine eher normal, die andere oft in Funktionsklamotten und ich in der Regel mit meinen Antifa-Hoodies oder sonstigen politischen Statments in dieser Richtung auf der Brust. So standen wir nach der Oper wie viele andere Opern-Besucher*innen an der U-Bahn-Haltestelle. Wir unterhielten uns noch angeregt über das Stück. Vor uns eine ältere Dame mit schwarzen leicht glitzernden Pumps, einem schwarzen Mantel und einem sehr akurat geschnittenen blond-weißem Bob. „Typische“ Opernerscheinung. Und damit eins das auch gar nicht in Frage stellte, trug sie demonstrativ ein Begleitheft im Arm. Als sie ob unseres Gesprächs gewahr wurde, dass wir auch in der Oper waren, kam sie nicht umhin uns mehrfach zu mustern. Ich hoffe, dass wir ihr Weltbild ein bisschen erweitert haben.
Auch heute war ich mal wieder mit meinem „Antifascist allways“-Hoodie in der Oper. Heute hat es sogar sehr zum Inhalt des Stückes gepasst.
Die Passagierin von Mieczysław Weinberg ist wohl eine der wenigen Opern, die den Holocaust thematisiert. Das Libretto basiert auf einem autobiographischen Roman der KZ-Überlebenden Zofia Posmysz. Die moderne Oper wurde 1968 fertiggestellt und erst Anfang der 2000er uraufgeführt.
Das Stück ist sehr bewegend. Sehr intensiv. Sehr beeindruckend und sehr nachhallend.

Wie in Frankfurt gewohnt, war es musikalisch und gesanglich top. Diesmal gab es recht viel Bühnenbild und Kostüm. Gerade das Bühnenbild mit dem Schiffsrumpf auf der Drehbühne hat die Inszenierung bestens unterstützt. Die Musik von Weinberg schafft es krass, ein beklemmendes Gefühl zu erzeugen und unterstreicht jedes Bild perfekt. Nein, es ist keine Oper der großen Arien wie eins es aus alten Meisterwerken kennt. Die Musik ist für die gesamte Geschichte gemacht, nicht um einzelne Figuren gesanglich hervorzuheben.
Es war das erste Mal, dass es keinen Pausenapplaus gab. Und nicht, weil es nicht gefallen hat, sondern weil der 1. Akt damit endete, dass Namen und Nummern von Auschwitz-Häftlingen projiziert wurden. Es fühlte sich einfach falsch an, dabei zu applaudieren. Das Stück macht(e) sehr nachdenklich und auch sprachlos. Hier auch ein großes Lob an die schauspielerische Leistung aller Akteur*innen. Das war sehr intensiv. Es nimmt eins mit. Sowohl in der Pause, als auch am Ende des Stücks waren wir etwas benommen und mussten wieder zurückkehren in Hier und Jetzt.
Für mich ist es eine der besten Opern, die wir bislang gesehen haben.

Ein Satz aus dem letzten Bild hängt mir nach:
„Wenn Eure Stimmen verhallt sind, gehen wir zugrunde.“
Er wirkt wie eine Drohung oder Weissagung. Die Stimmen der KZ-Überlebenden verhallen zunehmend aus Altersgründen. Und mit jeder Stimme, die stirbt, machen wir – gefühlt – einen Schritt weg von der Demokratie. Das dürfen wir nicht zulassen.