Vor 5 Jahren

Vor 5 Jahren

Heute vor 5 Jahren ist Papa gestorben. Eigentlich würde ich schreiben „Heute vor 5 Jahren ist [Papas Vorname] gestorben“. Das mache ich aus Datenschutzgründen nicht. Aber ich habe meinen Vater (und dieser Ausdruck ist für den ersten Satz zu unpersönlich und distanziert) immer beim Vornamen genannt. Sicherlich gab es auch mal Papa-Phasen in frühester Kindheit, aber in meiner Erinnerung habe ich immer den Vornamen genutzt.

Am Tag vor seinem Tod telefonierte ich lange mit meiner Mutter und es sah nicht gut aus. Mit dem, was sie mir erzählte, war mir klar, dass es sich nicht mehr um Wochen, sondern maximal um Tage handelte, bis er stürbe. Diese Klarheit konnte ich ihr nicht am Telefon sagen. Aber als ich anbot, sie besuchen zu kommen, hatte sie – trotz Pandemie – keinerlei Einwände. Das war ein Alarmzeichen und auch das Signal an mich, dass sie mich braucht, um die unabwendbare Tatsache nüchtern beim Namen zu nennen.

Am nächsten Morgen rief sie an und sie konnte das Unabwendbare nicht mehr leugnen. Ich überlegte, wie ich schnellstmöglichst zu ihr und Papa käme, da erreichte mich eine Nachricht von meinem schwierigen älteren Bruder (sB): Er führe über Frankfurt und könnte mich mitnehmen. Ich war überrumpelt und unsicher. Wir hatten uns über 12 Jahre aus Gründen nicht mehr gesehen*. Würde ich eine fünfstündige Autofahrt mit ihm überstehen? Ich war durcheinander. Mit dem Zug wäre ich schneller da (gewesen). Ich sagte ihm dennoch zu. Bis er kam, erledigte ich noch Dinge für die Arbeit und packte.

Um 15h15 war der sB immer noch nicht da. Ich telefonierte kurz mit meiner Mutter bzw. mit Papa. Es war klar, dass es bald zu Ende geht. Es war auch klar, dass es nicht sicher war, ob wir pünktlich da sein würden. Das Letzte, was ich Papa sagte, war: „Alles Gute.“ Gerne hätte ich gesagt: Wir sind unterwegs, aber Du darfst gehen. Aber das fand ich unpassend, weil meine Mutter ja mithörte. Das Kind hatte ihm kurz zuvor noch sagen können, dass er ihn lieb hat. Papa hat gewusst, dass er gehen darf.

Der sB kam um 15h30 an. Nach kurzem Kaffee und Kuchen starteten wir um 16h00.

Um 17h10 rief uns unsere Mutter an. Da war Papa schon eine Stunde tot. Nein, ich bin nicht gram, weil wir es erst eine Stunde später erfahren haben. Das hätte eh nichts mehr geändert. Es war gut, dass er gegangen ist, als es für ihn gut war. Er musste nicht warten – zumindest nicht auf mich.

Die folgenden vier Stunden im Auto waren … absurd. Der sB rief seine Frau an und es war so dermaßen falsch, dass er dafür nicht angehalten hat, um in Ruhe und vor allem nicht über die Freisprechanlange mit ihr zu telefonieren. Ich wünschte, ich hätte dieses Telefonat nicht mitgehört. Es fühlte sich sehr falsch an, dass und wie sie in dramatisches Schluchzen ausgebrach und sich nicht beruhigen konnte. Ich war kurz davor zu sagen: „Jetzt beruhig dich mal. Es ist nicht Dein Vater gestorben und so viel Drama hätte er eh doof gefunden.“ Aber so ist der sB: Er hat kein Feingefühl für Situationen. (Mir wäre es ja total unangenehm gewesen. Ich habe meinen damaligen Partner daher auch nur per WA informiert.) Getoppt wurde es dann noch, dass sie unbedingt unsere Mutter anrufen wollte und dann total ungehalten reagierte, weil sie nicht sofort dranging. Joah, so eine Beileidsbekundung kann ja auch nicht warten. Wäre ich doch nur mit dem Zug gefahren, schoss mir mehrmals durch den Kopf.

Um nicht völlig ungerecht zu sein: Wir hatten auch einen schönen Moment. Als sich Braunschweig auf dem Navi zeigte, meinte ich, dass wir einen Abstecher dorthin machen könnten (was wir nicht taten). Daraufhin tauschten wir kurz kleine Erinnerungen an die Stadt aus, in der unser Vater seine erste akademische Anstellung hatte.

Um 21h00 kamen wir am Krankenhaus an, wo unsere Mutter und unser kleiner jüngerer Bruder bereits auf uns warteten. Sie waren im Abschiedsraum bei Papa. Er lag da in einem Krankenhausbett. Friedlich. Nicht mehr gebeutelt von seinen Hustenattacken. Das war gut. Aber auch ungewohnt. Und irgendwie unwirklich. Der Leichnam, der da lag, war nicht Papa. Ich blieb auf Abstand und fand es sehr irritierend, dass meine Mutter und mein jüngerer Bruder sich ihm näherten und auch anfassten.

Wir blieben eine Weile im Abschiedszimmer. Wobei ich lieber früher als später gegangen wäre. Irgendwann waren wir dann endlich in der Wohnung unserer Mutter. Wir aßen was und tranken einen Schnaps – auf Papa. Und dann verfiel der sB in seine Muster, die auch ein Grund für den Nicht-Kontakt waren. Während der Autofahrt habe ich schon gemerkt, dass er sie nicht abgelegt hat. Ich wäre nicht undankbar gewesen, hätte er in Trauer einmal ein anderes Verhalten an den Tag gelegt. Die Situation am Tisch war hochgradig absurd.

Am nächsten Tag war morgens der Termin beim Bestattungsinstitut. Auch da war es sehr absurd. Während ich mir sicher war, dass Papa eine Erdbestattung wollte (wofür ich auch später, nach der Bestattung einen Beleg fand), kam das für meine Mutter und den sB nicht in Frage. Ich wollte nicht diskutieren. Zumindest nicht mit meiner Mutter. Letztlich sollte sie ihren Mann so bestatten, wie es sich für sie am besten anfühlte. Nachdem die Erdbestattung feststand, musste ein Sarg ausgesucht werden. Wenn es nach dem sB gegangen wäre, wäre Papa in einem pompöser Truhensarg mit weißem Klavierlack geworden. Für die Trauerfeier mit einem üppigen Bouquet aus roten Rosen. Immerhin waren meine Mutter, der jüngere Bruder und ich uns einig, dass das Papa weder gewollt hätte, noch zu ihm gepasst hätte. Wir entschieden uns für einen hölzernen Papstsarg. Eine recht schlichte Kiste. Papa hätte der Seitenhieb auf die katholische Kirche gefallen. Und der Blumenschmuck sollte bunt sein.

Später besprach ich mit meiner Mutter und dem jüngeren Bruder, dass es schön wäre, wenn die Enkelkinder den Sarg bemalen würden. Damit sie auch Abschied nehmen könnten. Das gefiel beiden. Der sB wurde darüber informiert, damit er seinen Töchtern Bescheid geben konnte. Was er nicht tat. Ich kontaktierte daraufhin beide Nichten. Sie fanden die Idee auch schön und trugen mir, weil sie beim Bemal-Termin noch nicht vor Ort sein konnten, ihre Motive auf. Fast wäre es nicht zum Sargbemalen gekommen, weil unsere Ansprechpartnerin vom Bestattungsinstitut hochgradig unprofessionell war und unseren Wunsch nicht ernstgenommen weitergegeben hatte. Erst auf Nachfragen bekamen wir am Nachmittag vor der Bestattung die Gelegenheit. Da war Papa schon im Sarg. Für die drei Kids vom jüngeren Bruder und den damals noch kleinen JMW war es aber ein guter Moment.

Ich weiß ja schon eine Weile, dass ich den Anblick von toten Menschen, die ich kannte, sehr schwierig für mich finde. Genau genommen nicht brauche. Ich kann verstehen / akzeptieren, dass das für andere wichtig sein kann, um den Tod zu begreifen. Daher wollte ich eigentlich nicht mit in die Trauerhalle, in der Papa aufgebahrt war. Aber meiner Mutter war es wichtig, dass wir zusammen dahin gehen. Wir betraten den Raum. Nach 2 Metern blieb ich stehen und schaute aus ausreichender Entfernung (4-5 Meter) auf Papa. Näher konnte ich nicht ran. Ich hielt es einen kurzen Moment aus. Dann zeriss es mich und ich heulte zum ersten Mal seit Papas Tod. Ich ging raus, suchte mir eine Ecke, in der ich allein war und nicht gefunden wurde und heulte und heulte und heulte. Allein. Weil ich es so wollte. Weil ich es so brauchte. Als ich feritg geheult hatte, verließ ich getrennt von meiner Mutter und den Brüdern die Trauerhalle, drehte eine Runde und wir trafen uns in der Wohnung meiner Mutter wieder.

Bis zur Beerdigung fuhr ich nochmal nach Hause und kam dann mit dem Kind zurück zu meiner Mutter. Der sB war zum Glück auch wieder gefahren und kam erst kurz vor der Beerdigung wieder. Ich kümmerte mich um meine Mutter und vor allem um vieles Organisatorisches. Ich klärte Termine mit dem Pfarrer, ärgerte mich mit dem Bestattungsinstitut rum, bestellte Dinge und sorgte dafür, dass wir Handreichungen sowie ein Bild von Papa für Trauerfeier haben.

Zur Beerdigung selbst wäre ich am liebsten nicht gegangen. Ich wollte die ganzen Menschen, die kamen, also die Verwandtschaft nicht sehen. Ich kann die Verwandstschaft nur sehr dosiert ertragen. Das einzig Gute war, dass wir dank Pandemie keinen Leichenschmaus veranstalten mussten. Aber ich wollte auch nicht, dass sie mir am Grab ihr Beileid aussprachen. Ich finde Beileid-Aussprechen furchtbar.

Was mir von der Beerdigung hängen geblieben ist: 1) Die Ansprache vom Pfarrer war wirklich gut. Obwohl er Papa gar nicht kannte, weil meine Eltern ja 4 Wochen zuvor noch in Bielefeld gewohnt hatten, hat er eine sehr persönliche Ansprache gehalten. 2) Obwohl wir es zuvor ausgemacht hatten, wusste der Beerdigungsunternehmens-Heinzel vor Ort nicht, dass wir drei Kinder den Sarg zum Grab (mit)tragen wollten. Wobei tragen auch falsch ist: Der Sarg wurde gefahren. Dennoch musste ich am Ende der Trauerfeier mehrmals durch die Kapelle zischen, um dem Heinzel unseren Wunsch mitteilen zu können. „Aber wir haben jetzt 6 Sargträger da.“ „Das ist nicht mein Problem.“ 3) Der Sarg ist schief ins Grab gelassen worden. Als ich meine Blume reinwarf, war der Sarg sichtbar schepp im Grab. Das fand ich lange ziemlich schlimm. 4) Die Schwester von Papa hatte mal wieder das Gefühl zu kurz zu kommen und hätte am Grab fast ein Drama gemacht, weil sie Angst hatte, dass sich irgendwer in der Reihenfolge „wer darf wann ans Grab“ vordrängeln würde. Also vor sie.

Danach war ich auch froh, dass wir schnell nach Hause fahren mussten, weil Schnee-Unwetter angesagt war.

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* Genau genommen habe ich den Kontakt abegebrochen, weil unser Wertesystem ziemlich unterschiedlich ist.

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