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Kategorie: Einmischen

Artikel 5

Artikel 5

Ich finde ja, dass wir viel zu lange AfD-Wählerinnen nicht als das benannt haben, was sie sind: Nazis!
Sie als besorgte Bürgerinnen zu verstehen, hat zu genau was geführt?! Nichts.

Nein, das stimmt nicht. Zu nichts hat es nicht geführt, wie Frau Rabe so richtig anmerkte. Es hat dazu geführt, dass zu vieles, was vor ein paar Jahren noch eindeutig rassistisch oder faschistisch geächtet worden wäre, heute als normal toleriert wird. Grenzverschiebungen. Stück für Stück nach rechts. „Man wird ja doch noch sagen dürfen…“

Mit Blick auf Artikel 5 des GG ist das grundlegend nicht falsch, aber der gleiche Artikel sieht vor, dass es auch andere Meinungen geben kann und soll. Meinungsfreiheit ist nämlich nicht Meinungshoheit.

Allerdings hat jede Freiheit ihre Grenzen und endet spätestens dann, wenn die Freiheit eines anderen eingeschränkt bzw. bedroht wird oder – ganz allgemein – wenn ich anderen Menschen Schaden zufüge.

Und natürlich muss ich mich fragen, ob ich mit der Aussage „AfD-Wählerinnen sind Nazis“ irgendwem schade, beleidige oder verleumde.

Vielleicht.

Aber ich werde es weiter sagen. Wer sich davon angegriffen fühlt, weil sie die Blaubraunen gewählt hat, ist herzlich dazu eingeladen, darüber nachzudenken.

Der Rechtsruck bei der AfD ist so offensichtlich, dass ich keiner mehr abnehme, diese Partei aus Protest zu wählen. Wer im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte ist, kann verstehen, was die AfD will und wo sie steht. Daher muss eine davon ausgehen, dass erwachsene Menschen wissen, wo sie ihr Kreuz machen und das halt auch ganz bewusst.

Skinheads sind keine Nazis

Skinheads sind keine Nazis

Letztens waren wir auf einem Konzert. Wir, also der RB, das Kind und ich. The Movement machen sogenannten Hard Mod, also recht klassische Skinhead-Musik. Vor Ort trafen wir einen Bekannten, der den RB und dessen politische Haltung schon länger kennt. Kurz darauf traf ich ihn wieder und er fragte mich: „Geht Dein Sohn so wie bei Konzert auch in die Schule?“ So – damit meinte er Docs, Polohemd und Braces*. Dazu hatte das Kind auch ganz frisch auf 3mm gekürzte Haare. Er trug zwar eine kurze Hose dazu, aber sonst sah er aus wie Shaun aus This is England (amazon-PartnerLink). „Naja“, meinte ich, „in der Grundschule nicht. Da war ihm schon klar, dass er damit aneckt**. Mal sehen, wie es auf der weiterführenden aussieht.“ „Ich bin ja schon kurz zusammengezuckt“, meinte der Bekannte. „Ich weiß es ja eigentlich besser, aber diese Assoziation ‚Skinheads sind Nazis‘ ist echt stark.“

Ja, danke auch, liebe Medien, euretwegen wird kaum eine Subkultur so in eine äußerliche Sippenhaft genommen wie die Skinheads.

Doch Nazis gibt es überall. Nazis „verstecken“ sich in jeder Subkultur und am allermeisten sehen sie aus wie die nette Nachbarin und der hilfsbereite Kollege aus. (Wenn wir bedenken, dass durchschnittlich 12-15 Prozent die AfD wählen, dann müssten verdammt viele kahlköpfige Menschen durch Deutschland rennen. Und ja, die AfD sind Nazis!)

Die politische Gesinnung eines Menschen erkennt eine nicht dessen Aussehen.

Dass Skinheads – vor allem in Deutschland – mit Nazis verwechselt werden, hat mit der Entstehungsgeschichte der Skinhead-Subkultur in Deutschland zu tun.

Summer of ’69, Skinheads und Ska
Aber fangen wir vorne an: Der „Summer of ’69“ – also vor 50 Jahren – gilt als Beginn der Skinhead-Bewegung. In England. Wobei Beginn nicht bedeutet, dass die Skins damals auf einmal wie Pilze aus dem Boden schossen. Sie entwickelten sich aus den Jugendlichen der Nachkriegs-Arbeiterklasse. Die Hard-Mods gelten als direkte Skinheadvorgänger. Sie trugen bevorzugt Jeans und Stiefel und zunehmend kurze Haare. Wegen ihnen gilt Ska auch als die Musik der Skinheads gilt.
Ska war damals noch unbekannt und entsprechend unkommerziell. Das gefiel und passte natürlich auch zur Grundhaltung. Den Ska hatten die sogennanten Rude Boys, Einwanderer aus Kingston, Jamaika und Westindien, nach England mitgebracht. Die Rude Boys pflegten ihrerseites einen etwas schickeren Kleidungsstil, der sich mit dem der Hard-Mods mischte. Den Kleidungsstil der Hard-Mods wiederum kopierten ab Mitte der 1960er Jahre die Hooligans (ja, genau, Fußballfans, denen die dritte Halbzeit mindestens so wichtig war, wie das Spiel selbst). Und aus allen drei Subgruppen entwickelten sich dann die Skinheads – wie sie seit 50 Jahren genannt werden.

Skinhead-Mode
Die Skinheads kamen aus der Arbeiterklasse und es war ihnen wichtig, das zu zeigen und sich auch von den Hippies, die sich ebenfalls gerade entwickelten, abzugrenzen. Auch deswegen wählten sie einen eher derben Look aus Jeans, Stiefeln und kurz (nicht kahl) geschorenen Haaren. Dazu jedoch Hemden, Jeans- oder Harringtonjacken. Fred-Perry-Polos waren auch immer dabei. Die Skin-Girls trugen nicht selten Kostüme und oft einen Feather-Cut. Den Skinheads ging es dabei um eine Würdigung ihres Milieus. Militärische Uniformstücke waren verpönt. Lediglich die Bomberjacke wurde ab Ende der 1970er fester Bestandteil der Skinhead-Uniform. Die vermeintlichen Springerstiefel waren Arbeiter- oder DocMartens-Stiefel. Sicherlich von der Hooligan-Seite her kam die Sportmarke Lonsdale zu den Skins.

Farbige Schürsenkel gab es schon „immer“ in der Szene: Aus rein modischen Gründen oder auch, um die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Fußballverein, einer Gang darzustellen. Aber sicherlich NICHT aus politischen Gründen.

Politische Gesinnung
Dazu muss eine auch bedenken: Anfangs waren die Skins ziemlich unpolitisch und rassistisch schon mal gar nicht. Wie auch?! Viele Ska-Musikerinnen waren farbig. Möglicherweise stammt auch daher das Ska-typische Black&White-Muster: eine Banderole aus 3-4 Reihen Schachbrett-Muster.

Kein Skin kann Rassist sein, weil er sonst seine schwarzen Wurzeln verleugnet.

Roddy Moreno

Allerdings waren die Skinheads damals keine lieben Jungs, die nur friedlich Musik hörten. Sie haben sich durchaus einen etwas härteren Ruf erarbeitet – sei es als Hooligans, in Bandenkämpfen oder welchen Auseinandersetzungen auch immer***.

Skin-Punks
In den 1970ern entstand der Punk, der tatsächlich zu einer ziemlichen Modeerscheinung aufstieg. Aus der vermeintlichen Jugendbewegung entwickelten sich bald die Edel-Punks, von denen sich die Street-Punks abgrenzen wollten – sowohl optisch als auch musikalisch. Der Iro wurde abrasiert und der Oi-Punk aus der Taufe gehoben. Dieser neue Musikstil war (bzw. ist) deutlich mehr vom Rock geprägt und auch viel härter als Ska. Auch wenn sich die Skin-Punks insgesamt etwas derber kleideten als die Skinheads, ließ es sich kaum vermeiden, dass sie in einen Topf geworfen wurden. Zudem gab es durchaus auch eine Vermischung der beiden Subkulturen.

Als Ende der 1970er in England die Arbeitslosigkeit ziemlich hoch war, fruchtete Propaganda gegen Ausländer besonders gut. (Das Spiel war und ist nicht neu und wird wohl bis zum Ende der Menschheit funktionieren. Das zum Thema „der Mensch lernt aus der Geschichte“.) Gerade Teile der Skin-Punks waren empfänglich für diese rassistischen Botschaften, mit denen National Front und British Movement Stimmung machten und Anhänger fanden. Und für die Oi-Bands wuchs die Notwendigkeit, sich politisch zu positionieren: Von vielen gingen eindeutige antifaschistische und antirassistische Botschaften aus. Was allerdings einen Teil ihrer – mittlerweile – rassistischen Fans nicht davon abhielt, an „ihren“ Bands festzuhalten. Auf Konzerten kam es so immer wieder zu Ausschreitungen zwischen rechten und linken Konzertbesuchern, die teilweise sehr massiv waren und in den Medien – trotz kleiner Subgruppe – Erwähnung fanden. Die Gleichung, die sich aus den Berichten ergab, war einfach: Skinheads sind Rassisten. In diesem Fahrwasser entstanden Anfang der 1980er auch Blood&Honor und Combat18.

Skinheads in Deutschland
Ende der 1970er Jahre kamen zunächst der und die Punk(s) nach Deutschland. In den frühen 1980er folgten dann die Oi-Skins inklusive Musik. Es ließ sich nicht vermeiden, dass auch kurz drauf die rassistische Skinheadbewegung über den Ärmelkanal schwappte. Ein ideales Biotop für Bands wie Böhse Onkelz, Endstufe, Kraft durch Froide. Sie nahmen den Oi-Trend musikalischen auf und waren schnell in der Hooligan-Szene beliebt. Wie schon in England hatten es rechte Parteien auch in Deutschland recht leicht, gerade in dieser Subkultur Anhänger zu finden.

Die Ska-Skinheads waren zu diesem Zeitpunkt eine Randerscheiung in Deutschland.

Der Non-Spirit of ’89
Mit der Wende bekam die Boneheadbewegung**** noch einmal deutlichen Zulauf und dank Hoyerswerda (1991), Rostock-Lichtenhagen (1992), Mölln (1992) und Solingen (1993) waren sie omnipräsent in allen Medien.

DWDS-Wortverlaufskurve für „Skinhead“,
erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache,
abgerufen am 22.7.2019

Natürlich war in dieser Zeit die Rechnung „glatzköpfige Person = Nazi“ nicht falsch.

DWDS-Wortverlaufskurve für „Skinhead · Nazi · Neonazi“,
erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache,
abgerufen am 22.7.2019.

Aber die Rechnung war auch nicht ganz richtig. Wie viele Red- oder Oi-Skins haben in der Zeit schon aktiv dagegen gekämpft – immerhin waren sie zuerst da und die Boneheads haben sich vieles nur abgeguckt. Bezeichnend ist auch, dass sich bereits 1989 die erste S.H.A.R.P.-Gruppe in Berlin gründete.

À propos abgucken: Die Boneheads trugen anfangs aus Ermangelung an Alternativen und Gehirnzellen halt auch alles, was die Skinheads trugen. So ganz verbrieft ist es zwar nicht, dass Fred Perry tatsächlich jüdischer Abstammung war, aber allein die Option scheint Grund genug zu sein, dass die Nazis mittlerweile lieber ihrer eigenen Marken haben. Und auch Lonsdale ist so eine okkupierte Marke: Weil die britischen Skinheads damit rumliefen, wurde der Look erstmal von den Bonehads kopiert. Irgendwann kamen sie dann wohl auf den Trichter mit der halbgeöffneten Jacke und dass dann da NSDA steht. Das war niemals das Ansinnen der Marke und das Unternehmen positioniert sich schon seit Längerem eindeutig antirassistisch/ -faschistisch. Mehr dazu kann bei Lonsdale selbst nachgelesen werden.

Im Gegensatz zu den Skinheads rasierten sich Boneheads in der Regel nass und waren damit kahl. Aus der Riege der Alt-Nazis hieß es deswegen nicht selten, dass sie aussehen würden wie KZ-Häftlinge. Das war sicherlich auch ein Grund, warum sich der Look der (Neo-)Nazis immer mehr mäßigte. Natürlich gibt es auch heute noch Boneheads, aber das ist sicherlich nicht die Mehrheit. Guckt Euch die Bilder von aktuellen Nazi-Demos an: Die meisten sehen aus wie der nette Nachbar oder die freundliche Kollegin.

Und doch haben es die deutschen Boneheads und rechten Skin-Punks aus England geschafft, dass bei keiner anderen eigentlich musikalischen geprägten Subkultur die Assoziationsfalle so schnell zuschnappt. Es steckt in vielen Köpfen sehrsehr tief drin: Ein Mann mit Glatze ist ein Skinhead ist ein Nazi. Kommen dann noch weitere äußerliche Attribute wie DocMartens / Springerstiefel*****, Jeans, Polohemd, Hosenträger und (viele) Tattoos dazu, kommt die Person so schnell nicht mehr aus der Klischee-Schublade raus. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Mensch NICHT rechts ist, ist heutzutage sehr groß. Musikalische sind sie „traditionell“ im Ska oder (linken) Oi-Punk zu Hause. (Gerne nehmen der RB und ich Euch mit auf ein Konzert, zu denen ich auch ohne Bedenken das Kind mitnehme.)

Die Nazis haben mittlerweile andere Symbole und Marken. Oft versteckter und eine muss und sollte sie kennen. Eine Übersicht findet ihr hier oder da.

So. Und nun habe ich fertig. Wer bis hier gelesen hat, bekommt noch was auf die Ohren:

Ach, und hier noch ein paar Links, für alle, die noch mehr lesen wollen:

Geschichte der Skinheads

– die Magisterarbeit eines schwulen Skinheads

Belltower

– Mut gegen Rechts

www.rash-darmstadt.de/index2.php?Geschichte

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* Hosenträger

** Im Sinne von einfach anders aussehen

*** Hier will und darf ich nicht das Pakistani-Klatschen verschweigen. Das hatte sicherlich (alltags-)rassistische Momente, aber fällt sicherlich nicht unter den systematischen Rassismus / Faschismus der späteren Boneheads.

**** Zur Abgrenzung von der ursprünglichen Skinhead-Bewegung und bezugnehmen auf die bei Nazis beliebte polierte Glatze, wurden und werden Nazi-Skins „Boneheads“ genannt.

***** Als ob jede direkt hohe Docs von Springerstiefeln unterscheiden könnte.

Der Widerstand gewinnt

Der Widerstand gewinnt

Ich habe vom antifaschistischen Widerstand geträumt. Es gab viele Rückschläge, aber am Ende haben wir gewonnen.

Ich hoffe, dass das wahr wird, bevor die Blaubraunen stärkste Kraft werden.

Ich will nicht, dass Nazis regieren. Weder in dem Land, in dem ich lebe, noch woanders. Nirgendwo auf der Welt.

#NazisRaus

Keine Angst?!

Keine Angst?!

Irgendwann, irgendwo auf dieser Welt, in diesem Leben ist etwas verloren gegangen. Wir haben verlernt, aufeinander zu achten. Wir haben verlernt, die Zeichen zu deuten. Wir hören nicht mehr hin. Wir hören die Zwischentöne nicht mehr. Erst wenn es laut wird, merken wir was. Doch dann ist es zu spät. Wir stehen wie das Kanninchen vor der Schlange. Mit großen Augen und wissen nicht, was zu tun ist.

Und immer mehr scheinen sich trotzdem Ohropax in die Ohren zu stecken. Wenn wir es ignorieren, geht es vielleicht vorbei.

Das Erlebnis gestern vorm, anm und im Frankfurter Hauptbahnhof zeigt mir deutlich:

Die Nazis gehen über Leichen. Sie gingen schon immer über Leichen. Wir alle wissen, wie viele Leichen sie produziert haben. Ja, ich wähle das Wort bewusst, denn es war eine Tötungsmaschinerie.
Und die neu erstarkten Nazis werden über noch mehr gehen. Sie haben schon angefangen. Ihnen ist jedes Mittel recht.
Wir werden sie nicht mit Gesprächskreisen und Verständnis aufhalten können!

Wenn gesundheitlich nichts dazwischenkommt, habe ich noch locker 35-40 Jahre zu leben. Doch wie werde ich sie erleben? Ich habe mich – bewusst – angreifbar gemacht und werde das auch weiterhin machen. Was wird mit Menschen wie mir passieren, wenn die Nazis wieder an der Macht sind? Was passiert mit meinem Kind?

Ja, das macht mir Angst, aber ich kann mich nicht von dieser Angst leiten lassen. Ich will es nicht. Denn Angst und Schweigen werden uns die Freiheit nehmen.

Insel der Glückseeligen?

Insel der Glückseeligen?

Heute auf dem Bahnhofsvorplatz war es durchaus skurril bis widerlich.

Die Nazis hatten 37 (?) Gedenktafel vorbereitet und aufgestellt. Darauf waren Mensch (teilweise nicht unkenntlich gemacht) zu sehen, die angeblich von Ausländer umgebracht worden sein sollen. Diese Vereinnahmung und Instrumentalisierung der Toten hat mich sehr abgestoßen.

Diese Aufsteller wurden allerdings von den Bannern des Vereinigung der Verfolgten des Naziregims und Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten verdeckt.

Hinter diesen Bannern standen neben dem RB und mir maximal 15 Leute. Das war für die Polizei wohl ausreichend, um mit ca 10 Personen vor und 10 Personen hinter uns zu stehen.

Währenddessen spukten die Nazis durch die Menge und hetzten rum. Eine bekommt ganz ekelige Phantasien bei sowas. Ich weiß nicht, ob das auf Dauer gesund ist.

Unsere Demoseite war nicht wegen des von der Bahnhofsmission initiierten Trauergottestdienst da. Das hinderte uns aber nicht daran, das Bedürfnis der Menschen, die wirklich deswegen gekommen waren, zu respektieren. Im Gegensatz zu den Nazis, die die Ruhe nutzten, um immer wieder rumzupöbeln.

Peter Feldman, Frankfurts Oberbürgermeister, hielt eine sehr gute Ansprache, wie ich fand. Er positionierte sich und Frankfurt gegen die Hetze und gegen jede Instrumentalisierung der Tat. Er betonte, dass Nationalitäten weder bei der Tat noch in Frankfurt eine Rolle spielen.

Die Nazis nutzten diesen Moment, um sich vermeintlich unbehelligt am fraglichen Bahngleis selbst zu inszenieren.

Als sich die Veranstaltung langsam auflöste, kam der OB zu uns und gab uns allen die Hand und bedankte sich fürs Kommen.

Ja, Frankfurt ist bunt. Und ja, wir konnten die Aktion der Nazis stören. Manchmal fühlt es sich an, als lebten wir auf der Insel Glückseeligen.

Aber wir haben auch den NSU2.0 und leben im Land der Einzeltäter. Und Kassel gehört auch zu Hessen.

Rassismus und das verstärkte Wieder-aus-den-Löchern-Kriechen der Nazis ist kein Ost-Problem. Es ist ein bundesweites.

Es geht uns alle an!
Jetzt!

Alles Glatzen?!

Alles Glatzen?!

Vielleicht war es mein Glück, dass ich einen großen Bruder habe, der sechs Jahre älter ist. So kam ich bereits ab Mitte der 1980er Jahre in den Kontakt mit verschieden Subkulturen/ -gruppen. Wobei Kontakt zu viel gesagt ist, aber die Freundinnen von meinem Bruder, die bei uns ein- und ausgingen, waren in der Regel alles andere als Mainstream: Ich sah Gruftis, Punks und Skinheads. Das konnte ich im Alter von 10 Jahren zwar noch nicht so benennen, aber was der große Bruder macht, kann nicht so verkehrt sein, und so fand ich den Anblick nicht schlimm. Vielmehr war ich am durchaus konservativen Gymnasium immer wieder irritiert, wie wichtig bestimmte bunte Marken* und ein relativ einheitlicher Look sein sollten.

Ich bekomme es zeitlich nicht mehr ganz zusammen (und fragen kann ich leider** auch nicht): Es muss grob Anfang der 1990er gewesen sein. Da hatten wir in der Schule eine Projektwoche zum Thema Neonazis und Rassismus. Zumindest war ich in einer Projektgruppe zu dem Thema. Und weil das alles irgendwie theoretisch war und sehr historisch aufbereitet, und alle dachten, dass sie Neonazis gaaaanz einfach an den abrasierten Haaren erkennen könnten, lud ich kurzerhand meinen großen Bruder ein. Er erzählte uns was von den „Glatzen“, mit denen er immer abhing. Die anderen in der Gruppe bekamen große Augen und Ohren und dachten wohl anfangs kurz, dass sie einen waschechten Neonazis vor sich sitzen haben. Aber weit gefehlt: Die Glatzenkumpels meines Bruders waren Skinheads. Ich weiß noch, dass er sie immer wieder Oi-Skins nannte, um sie von den Nazi-Skins abzugrenzen.
Er erklärte uns auch, dass es keine Neonazi-Checkliste gibt, anhand derer eine einen Neonazis eindeutig erkennen könne: Weder Glatze, Londsdale-Hoodie, Fred-Perry-Shirt, Harrington-Jacke noch DocMartens – egal in welcher Farbe und mit welchen Schnürsenkeln – seien eindeutige Merkmale. Durch meinen Bruder lief ich früh mit Docs rum und trug auch seine Londsdale-Pullis und Harrington-Jacke (beides einiges zu groß) auf.

Seitdem zucke ich immer zusammen, wenn die Medien Nazis/ Rechte mit Skinheads gleichsetzen oder mir jemand erzählen will, dass eine bestimmte Schnürsenkel-Farbe in DocMartens DAS eindeutige Indiz für einen Nazis sei.

Und was damals galt, gilt heute erst recht.

Ich kann den Wunsch, Nazis eindeutig an Äußerlichkeiten zu identifizieren, ja durchaus verstehen. Und es wäre schön, wenn es ginge. Aber Nazis sind keine Subkultur.

Subkulturen sind entstanden, um sich – auch optisch – vom Mainstream und ja auch von der Gesellschaft abzugrenzen wie z.B. Goths, Punks, Techno, HipHop, Skater, Hippies. Oft auch, wie eine an den aufgezählten Gruppen sieht, durch oder mit einer bestimmte Musikrichtung. Diese Subkulturen waren und sind im Normallfall nicht (partei-)politisch motiviert. Klar ist ihre Abgrenzung Gesellschaftskritik, aber dahingehend, dass sie eine bunte offene Gesellschaft wünschen, in der jede ihren Platz hat.

Und an diesen Punkten unterschieden sich die Nazis

1. Nazis definieren sich nicht als Subkultur. Sie empfinden sich als den (verkannten) Mainstream („das Volk“).

2. Sie wollen sich nicht abgrenzen, sie wollen andere AUSgrenzen.

3. Nazis sind rassistisch, antisemitisch, homophob und ableistisch***. Kurz: Sie sind klar gegen eine offene und bunte Gesellschaft.

Und insbesondere wegen der beiden ersten Punkte sehen Nazis nicht aus wie Nazis. Es gibt (noch) keine Nazi-Uniform. Guckt euch die ganzen Bilder von Nazi-Demos an: Es ist ein relativ bunter Haufen. Viele sehen aus wie der Mainstream und je älter die Leute sind, desto „normaler“ wirken sie auf den ersten Blick. Wie bei vielen anderen jüngeren Menschen sind Piercings und Tunnels gerade total en vogue. Und ja, es gibt auch „immer noch“ Nazis, die keine Haar auf dem Kopf haben.

Aber ihre Frisur macht aus ihnen keine Nazis. Nazi ist eine nicht auf, sondern IM Kopf!

Guckt Euch doch mal in der Nachbarschaft, im Büro oder im Freundeskreis um: Da wird sicherlich der eine oder andere Mensch keine Haare auf dem Kopf haben. Vermutlich würdet Ihr sie weder als Skinheads (im politschen Sinne) bezeichnen, noch sind es (hoffentlich) Nazis.

Dass Skinheads und Nazis gleichgesetzt werden, hat zum einen mit der Geschichte der Skinheads und zum anderen – gerade in Deutschland – mit den journalistisch unsauberen Medienberichten zu den Neonazis in den 1990er Jahren zu tun. Aber dazu in einem weiteren Blogpost mehr.

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* Marken-Kult oder zumindest einen bestimmter Look gibt es ebenso bei Subgruppen. Teilweise noch unifomiger als beim „Mainstream“.

** Naja, „leider“ ist relativ. Ich habe meine guten Gründe, warum ich den Kontakt zu meinem großen Bruder abgebrochen habe.

*** Hier fehlen sicherlich noch viele Subgruppen.

Zeichen setzen

Zeichen setzen

Uiuiui, ich war noch nie so nervös vor einem Tattootermin wie heute. Aus zwei Gründen:

  1. Ich hatte echt Respekt davor, dass mir der Rücken tätowiert wird. Zum einen sehe ich nicht, was da gemacht wird und zum anderen hatte ich durchaus Angst vor den Schmerzen.
  2. Ich wollte zusätzlich zum Backpiece aka Arschgeweih ein Statementtattoo. Ans rechte Handgelenk. Sicht- und lesbar – zum Beispiel beim Händeschütteln.

Nach kurzer Überlegung beschlossen mein Tätowierer und ich, dass wir erst das Handgelenk bearbeiten. Denn ich hatte die begründete Vorahnung, dass ich nach der Bearbeitung meines Rückens keine Lust mehr darauf haben würde, mich noch an irgendeiner anderen Stelle stechen zu lassen. Q.e.d.

Nun steht an meinem Handgelenk: #NazisRaus

Ja, ein bisschen mulmig ist mir immer noch damit. Wer wird sich den Schuh anziehen? Was wird dann passieren? Was können die Folgen sein? Und während ich mir diese Fragen stelle, meldet sich mein Trotz und sagt: „Wo leben wir denn, dass wir uns von sowas bange machen lassen (müssen)? Es ist so wichtig, Zeichen zu setzen. Sich eben NICHT bange machen zu lassen.“

Es ist jetzt da und geht so schnell auch nicht weg*. Soll es auch nicht. Denn ich bin schon ein bisschen stolz drauf.

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* Da ich ja langärmlige Oberteile nicht mag, wird es schwierig, es zu verstecken – außer ich lasse die 1980er-Schweißband-Mode wieder aufleben.

Einigung

Einigung

Für den RB und mich ist es nicht so einfach, uns auf einen Film zu einigen. Unsere Geschmäcker gehen cineastisch sehr auseinander.

Heute hat das Durchzuchen von Amazon und Netflix fast so lang gedauert wie der Film selbst. Fast. Zumindest gefühlt.

Es wurde „Der Stellvertreter“.

Nicht ganz leichte Kost am späten Abend. Was bleibt ist Innehalten und die Quintessenz:

#NazisRaus

Wut

Wut

Meistens kann ich Dinge, die mich aufregen, so weit von mir schieben, dass sie mich im Alltag nicht belasten. Oder mich zumindest Arbeit und andere Dinge zu erledigen.

Ich weiß nicht so ganz, was gerade los ist. Aber seit Tagen bekomme ich zu einem Text keinen Zugang. Anfangs waren da noch andere, dringender Projekte, die recht flüssig in die Tastatur flossen. Seit gestern bin ich innerlich total aufgewühlt. „Meine“ Klasseneltern nerven mich sehr. Teilweise schon immer, aber bislang haben wir wohl alle „gute Miene zu bösem Spiel“ gemacht. Das muss nun keine mehr. Die Sache mit dem Hort finde ich extrem unmöglich. Auch da ärgern mich die Miteltern, die zwar auch genervt sind, aber lieber dann doch nichts sagen. Ehrlich: Legt euch gehackt und bringt Euren Kindern ruhig bei, lieber unter dem Radar zu fliegen als den Mund aufzumachen.

Mich nervt dieses Duckmäusertum. Mich nervt es, dass so viel einfach hingenommen wird. Bloß nichts sagen oder gar ändern wollen, es könnte ja schlechter werden. Dann lieber am beschissenen Status Quo festhalten.

Und das zieht sich vom kleinsten Umfeld quer durch die ganze Gesellschaft: „Ja, toll ist das alles nicht, aber so schlimm ist es auch nicht.“ „Und was kann ich als einzelne denn schon machen.“ „Das muss die Politik regeln.“ „Wenn die auch auf der Demo sind, dann gehe ich nicht mit.“ Wenn ich den Flatearthern glauben würde, würde ich sagen, dass wir schon ziemlich nah am äußeren Rand angekommen sind und vermutlich bald einfach runterfallen. Zumindest knubbelt sich die Politik am rechten Rand. Und ich kann bei der ganzen Gemengelage tatsächlich auch verstehen, warum Menschen nicht mehr die früheren Volksparteien wählen. Ich fühle mich von denen auch nicht repräsentiert. Die machen ü.ber.haupt nicht Politik in meinem Sinne. Aber das ist kein Grund die Blau-Braunen zu wählen. Nie. Never. Jamais. (Es übrigens auch kein Grund nicht oder ungültig zu wählen!) Dieser Rechtsruck ist unerträglich und erschreckend und ich habe wirklich Angst.

Das kann doch nicht wahr sein! Was geht in den Köpfen vor? Ich komme darüber nicht hinweg. Seit ich das gelesen habe, bin ich aufgebracht. Aufgebracht davon, dass so etwas möglich ist. Das so etwas zugelassen wird. Dass Menschen, die sich antifaschistisch engagieren, so kriminalisiert werden. Während gleichzeitig – ungestraft – Menschen Hitlergrüße zeigen und sich sonstwie rechtsradikal und verfassungsfeindlich darstellen dürfen .

Mich macht es wütend, dass regelmäßig und immer mehr (junge) Menschen auf die Straße gehen – für das Klima, gegen das Sterben im Mittelmeer. Und es sind nicht ein paar hundert. Es sind tausende! Und was macht die Politik?! Sie sitzt das aus. Es wird ignoriert. Stattdessen kommt nach den Europawahlen das große Mimimi und der Schrei nach einer Einschränkung von Artikel 5 des Grundgesetzes. Da will ich schreien und Menschen schütteln und fragen, ob sie noch alle Tassen im Schrank haben. Mir ist danach, nach Berlin zu stürmen und …

… und dann nervt es mich, dass ich zu oft auch nur eine Maulheldin bin. Dass ich vor lauter Wut auf all das gelähmt bin und diese Unlogik und Ungerechtigkeit anstarre, wie das Kanninchen die Schlange. Dass meine Tage auch nur 24 Stunden haben. Dass ich auch zu oft komische Ausreden finde als einfach meinen Arsch zu bewegen.