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Kategorie: Einmischen

Gedenk-Feier

Gedenk-Feier

(Nachtrag zu gestern)

Ja, es gibt den 27. Januar als Tag des Gedenkes an die Opfer des Nationalsozialismus (seit 1996 in Deutschland) bzw. internationalen Tag des Gedenkes an die Opfer des Holocaustes (seit 2005).

Am 27. Januar 1945 wurde das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreit.

Zu dieser Befreiung haben die Deutschen nichts, aber auch gar nichts beigetragen. Ist es also richtig, dessen zu gedenken? Was bedeutet „nie wieder“ in diesem Zusammenhang? Wie heuchlerisch oder gar zynisch ist es denn, als Deutsche erst der Beendigung des Holocaustes zu gedenken?

Wenn wir das mit dem „Nie wieder“ und „Wehret den Anfängen“ ernst meinen, müssen wir an Tagen wie dem 9. November in uns gehen. Der Tag (bzw. Nacht), zu dem jede von uns in der Familie fragen sollte: „Was habt ihr an dem Tag gemacht? Und warum?“ Denn es war, wie ich schon schrieb, der Beginn des Holocaustes. Ein Beginn, an dem nicht nur „die da oben“ beteiligt waren, sondern der von der nicht-jüdischen Bevölkerung ausging.

Ich schwanke, ob der 27. Januar nicht eigentlich eine Feiertag sein sollte. Zumindest für Jüdinnen und Juden. Wir Deutschen sollten uns da ganz stark zurücknehmen.

Innehalten

Innehalten

Der Post mag ein Schlag ins Gesicht für alle meine Leserinnen sein, die aus der ehemaligen DDR stammen und für die der heutige Tag ein großer ist. Ja, ohne Frage ist er das. Aber, hm, wie soll ich es sagen?!

Der Freudentaumel über den Mauerfall hat die Erinnerung an die Reichpogromnacht sehr zurückdrängt. Es passt den Deutschen ganz gut, dass am 9. November 1989 die Mauer fiel und so das Erinnern an die kollektive Schuld von 1938 von etwas achso Positivem überlagert wird. Das war zu dem Zeitpunkt ja auch schon 51 Jahre her, da haben die Deutschen lang genug gelitten. Zeit für was Neues.

Was mich besonders daran stört: Es gibt keinen Gedenktag, der wirklich an das Leid erinnert, das den Jüdinnen und Juden in Deutschland zugefügt wurde. Lange war es der 9. November irgendwie, doch selbst das gilt seit dem Mauerfall nicht mehr uneingeschränkt*. Auf mich wirkt es wie „Was Neues vor den Augen, das Alte aus dem Sinn“.

Ich frage mich, was das mit all den Jüdinnen und Juden macht, die Familienmitglieder in der Pogromnacht verloren. Für die mit dem 9. November 1938 etwas begann, das sich keiner vorstellen konnte und heute viele nicht mehr vorstellen können wollen: Es wurden Menschen systematisch vernichtet mit dem Ziel, jüdisches Leben in Deutschland auszulöschen.

Müssen wir wirklich den heutigen Tag feiern? Reicht der 3. Oktober wirklich nicht? Wann halten wir inne – für unser jüdischen Mitmenschen, für ein „Nie wieder“**?

Dass die Nazis das eh nicht wollen, ist mir klar. Das ändert aber nichts daran, dass ich es unerträglich finde, dass die Nazis am 9. November auf den Blut- und Brandspuren von 1938 marschieren dürfen. Dass ihre Provokationen Demos genehmigt werden.

Anstand und Respekt sind was anderes.

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* Jaja, ich weiß, es gibt noch viele andere historische Ereignisse, die am 9.11. stattfanden.

** Ich wäre ja übrigens dafür, dass der 8. Mai ein Feiertag wird.

Neutral ist keine Option

Neutral ist keine Option

Auf Twitter habe ich eine Umfrage gestartet. Aktueller Zwischenstand:

65 Prozent von 17 sind 11 Bloggerinnen. Anscheinend alles Bloggerinnen, die ich nicht lese, denn ich erinnere mich nicht an einen Post, in dem sich die Schreiberin klar antifaschistisch / antirassistisch positioniert. Und verlinkt hat auch bislang nur eine.

Aber vielleicht macht die Frage ja auch noch mit anderen was. Sehr gefreut habe ich mich über diesen Post. Denn er bringt vieles auf den Punkt:

Das Private ist immer politisch.

Klingt abgedroschen, ist aber so. Wir können nicht wie Amöben durch unsere Gesellschaft wabern und meinen wir kommen durch.

Ja, ich kann mir vorstellen, dass sich die eine oder der andere gut im Leben eingerichtet hat oder sich noch sicher fühlt.

Aber ein bisschen frage ich mich schon: Wenn ich zum jetzigen Zeitpunkt keinen Bedarf sehe – warum auch immer -, mich politisch zu positionieren, wann denn dann?

Wir können in der Frage „Faschistin oder Antifaschistin“ nicht neutral sein. Wer auch nur etwas im Geschichtsunterricht gelernt hat, sollte wissen, wie es enden kann. Wir können nicht auf unseren hohen Rössern sitzen und mit dem Finger auf unsere Großeltern-Generation (zumindest in meinem Fall) zeigen und fragen: Warum habt ihr nichts getan?

Wir müssen jetzt das tun, was diese Generation vielleicht nicht tun konnte. Wir müssen jetzt aus unserer Komfortzone raus, denn wir wissen, wie es weitergehen kann und wird.

Wir schimpfen auf Medien, die sich als Steigbügelhalter der Nazis anbiedern.

Aber seien wir ehrlich: Wer schweigend und vermeintlich neutral hinnimmt, was derzeit passiert, in der Hoffnung, es gehe von selbst wieder weg, wird genauso mitschuldig sein, wenn das System komplett umkippt.

Aufs Maul

Aufs Maul

In meinem Blog darf ich ja schreiben, was ich will, daher hier ganz deutlich: Nicht nur #NazisRaus sondern auch

Nazis aufs Maul.

Ja, das mag ein Aufruf zur Gewalt sein.* Und nein, ich bin keine Freundin von Gewalt, ABER (und ich zitiere mich selbst) die Alliierten haben damals die Nazis auch nicht mit Gesprächskreisen besiegt. Und ganz ehrlich konnten viel zu viele danach immer noch unbehelligt ihrer Überzeugung fröhnen. In Ämtern und Posten. Konnten es weitergeben und der „guten alten Zeit“ nachtrauern.

Zudem zeigen die 1990er: Da, wo die Nazis die meiste (physische) Gegenwehr erlebten, wurden sie gar nicht erst groß. Sie gingen in den Untergrund. Die Gesellschaft war froh, dass das Problem nicht mehr zu sehen war. Tjanun, das Ergebnis sehen wir jetzt. Sie mögen für einige wie „Kai aus der Kiste“ gesprungen sein, aber nein… SIE WAREN NIE WIRKLICH WEG!

Wir müssen aufhören, den Rechtsruck akademisch überlegen zu betrachten und zu analysieren. Denn während all die schlauen, gewaltfreien Menschen sich in ihren vier Wänden versichern, dass sie gegen Nazis sind, marschiert der braune Mob weiter, bedroht und jagt Menschen, die nicht in ihr Weltbild passen, tötet diese Menschen und auch Politiker, zündet Flüchtlingsunterkünfte an und verbreitet so viel Angst und Schrecken, dass alle lieber in ihren vier Wänden bleiben und sich versichern, dass sie gegen Nazis sind.

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* Drüben auf Twitter sind viele – zumindest temporär – gesperrt worden, die „Nazis / Faschos aufs Maul“ getwittert hatten. Mein Versuch ging höchst interessant aus.

Angst

Angst

Die Angriffe der Türkei auf Syrien machen mir Angst.

Angst vor einem Krieg, der uns alle betreffen und beschäftigen wird. Der westliche Bündnisse zerbrechen lassen wird und eigentlich noch immer fragile, 70 Jahre alte Freundschaften auf die Probe stellen wird.

Ich bin Antifaschistin!

Ich bin Antifaschistin!

Seit ich gestern im zweiten Plattenladen in Paris die erste Nachricht vom Terrorakt gegen die jüdische Gemeinde in Halle las, hüpft mein inneres HB-MännchenMenschlein wild auf und ab. Und wenn ich nicht wüsste, dass meine Äußerungen auf Twitter irgendwann mal gegen mich verwendet werden können, hätte ich mich deutlich unflätig geäußert. Ja, ich bin erschüttert, dass „Halle“ passiert ist. Aber es überrascht mich nicht. Es überrascht niemanden, der sich auch nur ein bisschen mit dem aktuellen Rechtsruck beschäftigt. Und das ganze verharmlosende Geschafel, das seitdem durchs Netz und durch die Medien wabert, ist auch nicht verwunderlich. Es gibt auf Twitter ein paar kluge Analysen, die ich nur allzu gerne als Leitartikel in den Tageszeitungen lesen würde. Das wäre viel, viel hilfreicher als das meiste, dass die Medien bislang absondern.

Die Lage ist ernst. Und sie wird nicht besser, indem wir von „Einzeltätern“ sprechen, die Täter als „Idi*ten“ betiteln, verwundert tun, dass sowas überhaupt passieren konnte, dass die Blau-Braunen IMMER NOCH zu JEDEM Thema ein Statement abgeben dürfen. Jede, die den den Rechtsruck und die Nazis in Deutschland kleinredet, ist mitschuld am Rechtsruck und den Nazis in Deutschland!

Und ich bin es auch leid, immer wieder zu lesen „aber die Antifa ist auch / hat auch / macht auch …“

  1. DIE Antifa gibt es nicht. Das ist kein Organisation wie DIE Nazis. Antifa steht für Antifaschismus bzw. antifaschistisch und
  2. Der Antifaschismus ist eine (notwendige) Reaktion. Eine Reaktion auf – na, wer kommt drauf?! – ja, genau: Faschismus, denn anti = gegen. Und ich kann nur gegen etwas sein, das schon da ist. Ist eigentlich logisch.
  3. Natürlich ist es auch eine Grundhaltung antifaschistisch zu sein. Für mich ist das ein normaler Zustand. Dass das einen Namen hat, liegt halt daran, dass es irgendwann mal Menschen gab, die faschistisch agiert haben.

(2. und 3. gilt auch für Antirassismus, Anti-Antisemitismus etc.)

Und nun zum parktischen Teil. Wir müssen handeln und ad hoc fallen mir folgende Aktionen ein:

  • Jede sollte „ihrer“ gewählten Abgeordneten in Berlin (MdB) jetzt die Bude einrennen und bei Terminen und / oder Bürgerinnensprechstunden das Thema Umgang mit Rassismus und die Haltung zum Antifaschismus abfragen. Noch sind wir in einer Demokratie und sollten das nutzen.
    Das geht übrigens einfach: „MdB“ oder „Bundestagsabgeordneter“ + eigene Stadt eingeben und dann gucken, wer für den eigenen Wahlkreis zuständig ist. Termin ausmachen, Bürgerinnensprechstunde raussuchen. „Guten Tag, ich bin eine wirklich besorgte Bürgerin und der Rechtruck macht mir Angst / Würgereiz / Wut / you name it.“ „Warum werden die Mittel für Anti-Rechtsprojekte gekürzt?“ „Was sagen Sie zu Gewalt gegen Antifa-Demos bei gleichzeitigem Schutz für jede noch so kleine Nazi-Demo?“
  • Geht auf Demos, zu Mahnwachen.
  • Wem es schwer fällt aktiv zu werden, wer sich wegen Halles und des seit langem stattfindenden Rechtsrucks hilflos fühlt und nicht weiß, was sie tun kann und soll: Es gibt viele Projekte gegen Rechts, die Spenden sicher gut gebrauchen können.
  • Abonniert „Der Rechte Rand“ – am besten als Soli-Abo.
Im Flow

Im Flow

Tja, viel Schlaf war irgendwie nicht drin.

Nicht nur, dass ich schlags k.o. war, ich musste ja auch heute fit sein. Und so gerät eine schnell in den nächtlichen Teufelskreis: Kann nicht schlafen – Ich muss aber schlafen – Kann nicht schlafen, wenn ich schlafen muss…

Vor allen Dingen musste ich schlafen, weil ich heute einen höchst vollen Tag hatte und klar war, dass ich im Laufe des Tages keine Zeit für einen Powernap haben werde:

7h55 Überpünktlich sind das Kind und ich beim Kieferorthopäden. Er kommt schnell dran. Um 8h05 sind wir wieder draußen mit den guten Nachrichten, dass sich beim Kiefer vom Kind schon so viel getan hat, dass er bald mit dem Aufdrehen durch ist. (Und es ist echt krass, wie viel sich in der einen (!) Woche getan hat.) Das Kind geht zum Bus und ich gehe nach Hause. Während ich meinen Tee mache (und nur einen Thermobecher finde, der aber vom RB für Kaffee benutzt wurde und den RB fälschlicherweise verdächtige, den anderen Thermobecher mal wieder verschleppt zu haben), gucke ich meine Post durch und stelle fest, dass ich Glück im Unglück hatte. Ich nutze das Glück direkt und finalisiere eine Sache, von der ich dachte, dass ich sie schon vor 17 Tage mit Fehlern beendet hatte. Aber wie gesagt: Glück im Unglück und ich kann den Fehler ausmerzen, bevor er mir auf die Füße fallen kann. Dann ziehe ich mich noch einmal um, denn die Sachen, in die ich schnell geschlüpft bin, sitzen eigentlich schlecht bzw. sind nur bedingt kongresstauglich.

9h05 Ich bin startklar und gehe los Richtung Bahn, da bekomme ich eine Nachricht, dass es einen Notfall bei meiner Hauptauftraggeberin gibt. Ich wusste ja schon, dass der Notfall kommen könnte und weiß, worum es geht. Ich telefoniere kurz. Am Bahnhof suche ich zuerst etwas Lowcarbiges zum Essen und klappe dann schon am Gleis den Laptop auf. Im Zug arbeite ich am Notfall. Bevor ich umsteigen muss, kann der Text auch schon raus.

12h05 Ich bin am Kongress angekommen. Letztlich bin ich nur wegen einer Presseveranstaltung da, für die ich gebucht bin.

14h30 Wieder auf dem Rückweg. Ich checke meine e-Mails wegen des Notfalls. Es stellt sich heraus, dass da etwas verschlimmbessert wurde und ich muss das noch korrigieren. Und auch sonst nutze ich die Rückfahrt, um ein paar kleine Projekte in Bewegung zu halten.

Infolgedessen und weil ich noch schnell (haha) einkaufen gehe, komme ich erst um 17h45 zu Hause an. Das Kind sitzt noch an den Hausaufgaben. Ich koche. Beim Essen frage ich ihn die Englischvokabeln für morgen ab. Dann noch schnell am Hyrax drehen.

19h05 Ich muss los zur SEB-Sitzung. Eigentlich hätte ich schon eine halbe Stunde früher losgemusst, denn die Sitzung war für 19h00 angsetzt. Tjanun. Meine Ungeduld bei dem einen oder anderen Thema zeigt mir, dass ich ziemlich k.o. bin. Dennoch bin ich froh, Elternbeirätin zu sein. An der Schule ist gerade viel im Umbruch und Elternmitarbeit ist explizit erwünscht.

21h35 Auf dem Weg nach Hause rufe ich das Kind an, damit er sich bettfertig macht. Kurz drauf bin ich zu Hause. Ich bringe das Kind ins Bett. Esse noch etwas und freue mich aufs Bett.

Artikel 5

Artikel 5

Ich finde ja, dass wir viel zu lange AfD-Wählerinnen nicht als das benannt haben, was sie sind: Nazis!
Sie als besorgte Bürgerinnen zu verstehen, hat zu genau was geführt?! Nichts.

Nein, das stimmt nicht. Zu nichts hat es nicht geführt, wie Frau Rabe so richtig anmerkte. Es hat dazu geführt, dass zu vieles, was vor ein paar Jahren noch eindeutig rassistisch oder faschistisch geächtet worden wäre, heute als normal toleriert wird. Grenzverschiebungen. Stück für Stück nach rechts. „Man wird ja doch noch sagen dürfen…“

Mit Blick auf Artikel 5 des GG ist das grundlegend nicht falsch, aber der gleiche Artikel sieht vor, dass es auch andere Meinungen geben kann und soll. Meinungsfreiheit ist nämlich nicht Meinungshoheit.

Allerdings hat jede Freiheit ihre Grenzen und endet spätestens dann, wenn die Freiheit eines anderen eingeschränkt bzw. bedroht wird oder – ganz allgemein – wenn ich anderen Menschen Schaden zufüge.

Und natürlich muss ich mich fragen, ob ich mit der Aussage „AfD-Wählerinnen sind Nazis“ irgendwem schade, beleidige oder verleumde.

Vielleicht.

Aber ich werde es weiter sagen. Wer sich davon angegriffen fühlt, weil sie die Blaubraunen gewählt hat, ist herzlich dazu eingeladen, darüber nachzudenken.

Der Rechtsruck bei der AfD ist so offensichtlich, dass ich keiner mehr abnehme, diese Partei aus Protest zu wählen. Wer im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte ist, kann verstehen, was die AfD will und wo sie steht. Daher muss eine davon ausgehen, dass erwachsene Menschen wissen, wo sie ihr Kreuz machen und das halt auch ganz bewusst.

Skinheads sind keine Nazis

Skinheads sind keine Nazis

Letztens waren wir auf einem Konzert. Wir, also der RB, das Kind und ich. The Movement machen sogenannten Hard Mod, also recht klassische Skinhead-Musik. Vor Ort trafen wir einen Bekannten, der den RB und dessen politische Haltung schon länger kennt. Kurz darauf traf ich ihn wieder und er fragte mich: „Geht Dein Sohn so wie bei Konzert auch in die Schule?“ So – damit meinte er Docs, Polohemd und Braces*. Dazu hatte das Kind auch ganz frisch auf 3mm gekürzte Haare. Er trug zwar eine kurze Hose dazu, aber sonst sah er aus wie Shaun aus This is England (amazon-PartnerLink). „Naja“, meinte ich, „in der Grundschule nicht. Da war ihm schon klar, dass er damit aneckt**. Mal sehen, wie es auf der weiterführenden aussieht.“ „Ich bin ja schon kurz zusammengezuckt“, meinte der Bekannte. „Ich weiß es ja eigentlich besser, aber diese Assoziation ‚Skinheads sind Nazis‘ ist echt stark.“

Ja, danke auch, liebe Medien, euretwegen wird kaum eine Subkultur so in eine äußerliche Sippenhaft genommen wie die Skinheads.

Doch Nazis gibt es überall. Nazis „verstecken“ sich in jeder Subkultur und am allermeisten sehen sie aus wie die nette Nachbarin und der hilfsbereite Kollege aus. (Wenn wir bedenken, dass durchschnittlich 12-15 Prozent die AfD wählen, dann müssten verdammt viele kahlköpfige Menschen durch Deutschland rennen. Und ja, die AfD sind Nazis!)

Die politische Gesinnung eines Menschen erkennt eine nicht dessen Aussehen.

Dass Skinheads – vor allem in Deutschland – mit Nazis verwechselt werden, hat mit der Entstehungsgeschichte der Skinhead-Subkultur in Deutschland zu tun.

Summer of ’69, Skinheads und Ska
Aber fangen wir vorne an: Der „Summer of ’69“ – also vor 50 Jahren – gilt als Beginn der Skinhead-Bewegung. In England. Wobei Beginn nicht bedeutet, dass die Skins damals auf einmal wie Pilze aus dem Boden schossen. Sie entwickelten sich aus den Jugendlichen der Nachkriegs-Arbeiterklasse. Die Hard-Mods gelten als direkte Skinheadvorgänger. Sie trugen bevorzugt Jeans und Stiefel und zunehmend kurze Haare. Wegen ihnen gilt Ska auch als die Musik der Skinheads gilt.
Ska war damals noch unbekannt und entsprechend unkommerziell. Das gefiel und passte natürlich auch zur Grundhaltung. Den Ska hatten die sogennanten Rude Boys, Einwanderer aus Kingston, Jamaika und Westindien, nach England mitgebracht. Die Rude Boys pflegten ihrerseites einen etwas schickeren Kleidungsstil, der sich mit dem der Hard-Mods mischte. Den Kleidungsstil der Hard-Mods wiederum kopierten ab Mitte der 1960er Jahre die Hooligans (ja, genau, Fußballfans, denen die dritte Halbzeit mindestens so wichtig war, wie das Spiel selbst). Und aus allen drei Subgruppen entwickelten sich dann die Skinheads – wie sie seit 50 Jahren genannt werden.

Skinhead-Mode
Die Skinheads kamen aus der Arbeiterklasse und es war ihnen wichtig, das zu zeigen und sich auch von den Hippies, die sich ebenfalls gerade entwickelten, abzugrenzen. Auch deswegen wählten sie einen eher derben Look aus Jeans, Stiefeln und kurz (nicht kahl) geschorenen Haaren. Dazu jedoch Hemden, Jeans- oder Harringtonjacken. Fred-Perry-Polos waren auch immer dabei. Die Skin-Girls trugen nicht selten Kostüme und oft einen Feather-Cut. Den Skinheads ging es dabei um eine Würdigung ihres Milieus. Militärische Uniformstücke waren verpönt. Lediglich die Bomberjacke wurde ab Ende der 1970er fester Bestandteil der Skinhead-Uniform. Die vermeintlichen Springerstiefel waren Arbeiter- oder DocMartens-Stiefel. Sicherlich von der Hooligan-Seite her kam die Sportmarke Lonsdale zu den Skins.

Farbige Schürsenkel gab es schon „immer“ in der Szene: Aus rein modischen Gründen oder auch, um die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Fußballverein, einer Gang darzustellen. Aber sicherlich NICHT aus politischen Gründen.

Politische Gesinnung
Dazu muss eine auch bedenken: Anfangs waren die Skins ziemlich unpolitisch und rassistisch schon mal gar nicht. Wie auch?! Viele Ska-Musikerinnen waren farbig. Möglicherweise stammt auch daher das Ska-typische Black&White-Muster: eine Banderole aus 3-4 Reihen Schachbrett-Muster.

Kein Skin kann Rassist sein, weil er sonst seine schwarzen Wurzeln verleugnet.

Roddy Moreno

Allerdings waren die Skinheads damals keine lieben Jungs, die nur friedlich Musik hörten. Sie haben sich durchaus einen etwas härteren Ruf erarbeitet – sei es als Hooligans, in Bandenkämpfen oder welchen Auseinandersetzungen auch immer***.

Skin-Punks
In den 1970ern entstand der Punk, der tatsächlich zu einer ziemlichen Modeerscheinung aufstieg. Aus der vermeintlichen Jugendbewegung entwickelten sich bald die Edel-Punks, von denen sich die Street-Punks abgrenzen wollten – sowohl optisch als auch musikalisch. Der Iro wurde abrasiert und der Oi-Punk aus der Taufe gehoben. Dieser neue Musikstil war (bzw. ist) deutlich mehr vom Rock geprägt und auch viel härter als Ska. Auch wenn sich die Skin-Punks insgesamt etwas derber kleideten als die Skinheads, ließ es sich kaum vermeiden, dass sie in einen Topf geworfen wurden. Zudem gab es durchaus auch eine Vermischung der beiden Subkulturen.

Als Ende der 1970er in England die Arbeitslosigkeit ziemlich hoch war, fruchtete Propaganda gegen Ausländer besonders gut. (Das Spiel war und ist nicht neu und wird wohl bis zum Ende der Menschheit funktionieren. Das zum Thema „der Mensch lernt aus der Geschichte“.) Gerade Teile der Skin-Punks waren empfänglich für diese rassistischen Botschaften, mit denen National Front und British Movement Stimmung machten und Anhänger fanden. Und für die Oi-Bands wuchs die Notwendigkeit, sich politisch zu positionieren: Von vielen gingen eindeutige antifaschistische und antirassistische Botschaften aus. Was allerdings einen Teil ihrer – mittlerweile – rassistischen Fans nicht davon abhielt, an „ihren“ Bands festzuhalten. Auf Konzerten kam es so immer wieder zu Ausschreitungen zwischen rechten und linken Konzertbesuchern, die teilweise sehr massiv waren und in den Medien – trotz kleiner Subgruppe – Erwähnung fanden. Die Gleichung, die sich aus den Berichten ergab, war einfach: Skinheads sind Rassisten. In diesem Fahrwasser entstanden Anfang der 1980er auch Blood&Honor und Combat18.

Skinheads in Deutschland
Ende der 1970er Jahre kamen zunächst der und die Punk(s) nach Deutschland. In den frühen 1980er folgten dann die Oi-Skins inklusive Musik. Es ließ sich nicht vermeiden, dass auch kurz drauf die rassistische Skinheadbewegung über den Ärmelkanal schwappte. Ein ideales Biotop für Bands wie Böhse Onkelz, Endstufe, Kraft durch Froide. Sie nahmen den Oi-Trend musikalischen auf und waren schnell in der Hooligan-Szene beliebt. Wie schon in England hatten es rechte Parteien auch in Deutschland recht leicht, gerade in dieser Subkultur Anhänger zu finden.

Die Ska-Skinheads waren zu diesem Zeitpunkt eine Randerscheiung in Deutschland.

Der Non-Spirit of ’89
Mit der Wende bekam die Boneheadbewegung**** noch einmal deutlichen Zulauf und dank Hoyerswerda (1991), Rostock-Lichtenhagen (1992), Mölln (1992) und Solingen (1993) waren sie omnipräsent in allen Medien.

DWDS-Wortverlaufskurve für „Skinhead“,
erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache,
abgerufen am 22.7.2019

Natürlich war in dieser Zeit die Rechnung „glatzköpfige Person = Nazi“ nicht falsch.

DWDS-Wortverlaufskurve für „Skinhead · Nazi · Neonazi“,
erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache,
abgerufen am 22.7.2019.

Aber die Rechnung war auch nicht ganz richtig. Wie viele Red- oder Oi-Skins haben in der Zeit schon aktiv dagegen gekämpft – immerhin waren sie zuerst da und die Boneheads haben sich vieles nur abgeguckt. Bezeichnend ist auch, dass sich bereits 1989 die erste S.H.A.R.P.-Gruppe in Berlin gründete.

À propos abgucken: Die Boneheads trugen anfangs aus Ermangelung an Alternativen und Gehirnzellen halt auch alles, was die Skinheads trugen. So ganz verbrieft ist es zwar nicht, dass Fred Perry tatsächlich jüdischer Abstammung war, aber allein die Option scheint Grund genug zu sein, dass die Nazis mittlerweile lieber ihrer eigenen Marken haben. Und auch Lonsdale ist so eine okkupierte Marke: Weil die britischen Skinheads damit rumliefen, wurde der Look erstmal von den Bonehads kopiert. Irgendwann kamen sie dann wohl auf den Trichter mit der halbgeöffneten Jacke und dass dann da NSDA steht. Das war niemals das Ansinnen der Marke und das Unternehmen positioniert sich schon seit Längerem eindeutig antirassistisch/ -faschistisch. Mehr dazu kann bei Lonsdale selbst nachgelesen werden.

Im Gegensatz zu den Skinheads rasierten sich Boneheads in der Regel nass und waren damit kahl. Aus der Riege der Alt-Nazis hieß es deswegen nicht selten, dass sie aussehen würden wie KZ-Häftlinge. Das war sicherlich auch ein Grund, warum sich der Look der (Neo-)Nazis immer mehr mäßigte. Natürlich gibt es auch heute noch Boneheads, aber das ist sicherlich nicht die Mehrheit. Guckt Euch die Bilder von aktuellen Nazi-Demos an: Die meisten sehen aus wie der nette Nachbar oder die freundliche Kollegin.

Und doch haben es die deutschen Boneheads und rechten Skin-Punks aus England geschafft, dass bei keiner anderen eigentlich musikalischen geprägten Subkultur die Assoziationsfalle so schnell zuschnappt. Es steckt in vielen Köpfen sehrsehr tief drin: Ein Mann mit Glatze ist ein Skinhead ist ein Nazi. Kommen dann noch weitere äußerliche Attribute wie DocMartens / Springerstiefel*****, Jeans, Polohemd, Hosenträger und (viele) Tattoos dazu, kommt die Person so schnell nicht mehr aus der Klischee-Schublade raus. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Mensch NICHT rechts ist, ist heutzutage sehr groß. Musikalische sind sie „traditionell“ im Ska oder (linken) Oi-Punk zu Hause. (Gerne nehmen der RB und ich Euch mit auf ein Konzert, zu denen ich auch ohne Bedenken das Kind mitnehme.)

Die Nazis haben mittlerweile andere Symbole und Marken. Oft versteckter und eine muss und sollte sie kennen. Eine Übersicht findet ihr hier oder da.

So. Und nun habe ich fertig. Wer bis hier gelesen hat, bekommt noch was auf die Ohren:

Ach, und hier noch ein paar Links, für alle, die noch mehr lesen wollen:

Geschichte der Skinheads

– die Magisterarbeit eines schwulen Skinheads

Belltower

– Mut gegen Rechts

www.rash-darmstadt.de/index2.php?Geschichte

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* Hosenträger

** Im Sinne von einfach anders aussehen

*** Hier will und darf ich nicht das Pakistani-Klatschen verschweigen. Das hatte sicherlich (alltags-)rassistische Momente, aber fällt sicherlich nicht unter den systematischen Rassismus / Faschismus der späteren Boneheads.

**** Zur Abgrenzung von der ursprünglichen Skinhead-Bewegung und bezugnehmen auf die bei Nazis beliebte polierte Glatze, wurden und werden Nazi-Skins „Boneheads“ genannt.

***** Als ob jede direkt hohe Docs von Springerstiefeln unterscheiden könnte.

Der Widerstand gewinnt

Der Widerstand gewinnt

Ich habe vom antifaschistischen Widerstand geträumt. Es gab viele Rückschläge, aber am Ende haben wir gewonnen.

Ich hoffe, dass das wahr wird, bevor die Blaubraunen stärkste Kraft werden.

Ich will nicht, dass Nazis regieren. Weder in dem Land, in dem ich lebe, noch woanders. Nirgendwo auf der Welt.

#NazisRaus