Innehalten

Innehalten

Der Post mag ein Schlag ins Gesicht für alle meine Leserinnen sein, die aus der ehemaligen DDR stammen und für die der heutige Tag ein großer ist. Ja, ohne Frage ist er das. Aber, hm, wie soll ich es sagen?!

Der Freudentaumel über den Mauerfall hat die Erinnerung an die Reichpogromnacht sehr zurückdrängt. Es passt den Deutschen ganz gut, dass am 9. November 1989 die Mauer fiel und so das Erinnern an die kollektive Schuld von 1938 von etwas achso Positivem überlagert wird. Das war zu dem Zeitpunkt ja auch schon 51 Jahre her, da haben die Deutschen lang genug gelitten. Zeit für was Neues.

Was mich besonders daran stört: Es gibt keinen Gedenktag, der wirklich an das Leid erinnert, das den Jüdinnen und Juden in Deutschland zugefügt wurde. Lange war es der 9. November irgendwie, doch selbst das gilt seit dem Mauerfall nicht mehr uneingeschränkt*. Auf mich wirkt es wie „Was Neues vor den Augen, das Alte aus dem Sinn“.

Ich frage mich, was das mit all den Jüdinnen und Juden macht, die Familienmitglieder in der Pogromnacht verloren. Für die mit dem 9. November 1938 etwas begann, das sich keiner vorstellen konnte und heute viele nicht mehr vorstellen können wollen: Es wurden Menschen systematisch vernichtet mit dem Ziel, jüdisches Leben in Deutschland auszulöschen.

Müssen wir wirklich den heutigen Tag feiern? Reicht der 3. Oktober wirklich nicht? Wann halten wir inne – für unser jüdischen Mitmenschen, für ein „Nie wieder“**?

Dass die Nazis das eh nicht wollen, ist mir klar. Das ändert aber nichts daran, dass ich es unerträglich finde, dass die Nazis am 9. November auf den Blut- und Brandspuren von 1938 marschieren dürfen. Dass ihre Provokationen Demos genehmigt werden.

Anstand und Respekt sind was anderes.

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* Jaja, ich weiß, es gibt noch viele andere historische Ereignisse, die am 9.11. stattfanden.

** Ich wäre ja übrigens dafür, dass der 8. Mai ein Feiertag wird.

9 Gedanken zu „Innehalten

  1. Am 27. Januar wird offiziell gedacht mit Feierstunde im Bundestag etc. In diesem Jahr ging an dem Tag die eindrucksvolle Aktion #Irememberwall von Yad Vashem durch ‚mein‘ Internet. https://de.m.wikipedia.org/wiki/Internationaler_Tag_des_Gedenkens_an_die_Opfer_des_Holocaust
    Vielleicht doch ein guter Zufall, dass die Mauer „Am 9. November“ fiel und so immer ein Stachel im (allzu) patriotischen Jubel bohrt? Das Buch dazu von Charlotte Jahnz liegt auf dem Nachttisch, habe gerade erst angefangen.

  2. Das ist schon, wie sag ich, erstaunlich, dass der Lauf der Geschichte so oft den 9.11. wählte. Aber wohl einfach Zufall, keine (rechte) Verschwörung. Deshalb den 9.11.89 nicht feiern, das würde ich den Menschen nicht nehmen wollen, für die es so ein besonderer Tag war. Das Gedenken an 38 schließt das nicht aus. Wäre es nicht sogar möglich, dass wir durch 89 auch mehr an 38 denken, weil diese Ereignisse nebeneinander stehen als Mahnungen und Möglichkeiten? Bin übrigens „Ossi“, fühle mich aber kaum in dieser Kategorie, war zur Wende 12 und habe die meiste Zeit meines Lebens in Berlin gelebt. 8.Mai als Feiertag fände ich auch gut.

    1. Nein, es schließt es nicht aus. Aber derzeit geht es unter. Und wenn dann noch Nazis aus fadenscheinigen gesamtdeutschen, nationalistischen Gründen, also den Mauerfall für ihre gesamtdeutschen, nationalistischen Ideen missbrauchen und marschieren dürfen, geht das in meinen Augen nicht.
      Fun Fact: Wenn Schabowski die Notiz zur Reisefreiheit vorher gelesen hätte, wäre es der 10.11. geworden.

  3. Du hast vollkommen recht! Eigentlich ist der 27. Januar Holocaust Gedenktag, aber den begeht kaum jemand abseits vom offiziellen Betrieb, und der Mauerfall verdrängt das Grauen der Shoah. Nie wieder!

      1. Sehr schön! Hier in Bielefeld hat die unerträgliche Nazi Demo tatsächlich zum Gedenken an die Pogromnacht geführt. Die netten Bielefelder haben jedenfalls auf der Demo der Geschichte gedacht. Gutes im gesellschaftlichen Übel.

  4. Der 8. Mai stand wohl auch mal zur Diskussion.
    Und ich bin vollkommen bei dir: Die Reichspogromnacht wird zwar erwähnt, aber es wird meines Wissens darum kein wirklich öffentliches Gedenken veranstaltet, feiern kann man diesen Tag wohl eher nicht. Rechte Demonstrationen anlässlich dieses Tages zu genehmigen ist ein Skandal.

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