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Tag: 9. November 2019

Innehalten

Innehalten

Der Post mag ein Schlag ins Gesicht für alle meine Leserinnen sein, die aus der ehemaligen DDR stammen und für die der heutige Tag ein großer ist. Ja, ohne Frage ist er das. Aber, hm, wie soll ich es sagen?!

Der Freudentaumel über den Mauerfall hat die Erinnerung an die Reichpogromnacht sehr zurückdrängt. Es passt den Deutschen ganz gut, dass am 9. November 1989 die Mauer fiel und so das Erinnern an die kollektive Schuld von 1938 von etwas achso Positivem überlagert wird. Das war zu dem Zeitpunkt ja auch schon 51 Jahre her, da haben die Deutschen lang genug gelitten. Zeit für was Neues.

Was mich besonders daran stört: Es gibt keinen Gedenktag, der wirklich an das Leid erinnert, das den Jüdinnen und Juden in Deutschland zugefügt wurde. Lange war es der 9. November irgendwie, doch selbst das gilt seit dem Mauerfall nicht mehr uneingeschränkt*. Auf mich wirkt es wie „Was Neues vor den Augen, das Alte aus dem Sinn“.

Ich frage mich, was das mit all den Jüdinnen und Juden macht, die Familienmitglieder in der Pogromnacht verloren. Für die mit dem 9. November 1938 etwas begann, das sich keiner vorstellen konnte und heute viele nicht mehr vorstellen können wollen: Es wurden Menschen systematisch vernichtet mit dem Ziel, jüdisches Leben in Deutschland auszulöschen.

Müssen wir wirklich den heutigen Tag feiern? Reicht der 3. Oktober wirklich nicht? Wann halten wir inne – für unser jüdischen Mitmenschen, für ein „Nie wieder“**?

Dass die Nazis das eh nicht wollen, ist mir klar. Das ändert aber nichts daran, dass ich es unerträglich finde, dass die Nazis am 9. November auf den Blut- und Brandspuren von 1938 marschieren dürfen. Dass ihre Provokationen Demos genehmigt werden.

Anstand und Respekt sind was anderes.

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* Jaja, ich weiß, es gibt noch viele andere historische Ereignisse, die am 9.11. stattfanden.

** Ich wäre ja übrigens dafür, dass der 8. Mai ein Feiertag wird.