Bestätigung
Eine sehr prägende Person in meinem Leben war meine Großmutter, die Mutter meines Vaters*. Sie war schon ein Rolemodel für mich. Als sie nach der Geburt meiner Tante, Ende der 1940er Jahre herausfand, dass der Vater ihrer Kinder ein Doppelleben, also so richtig mit zweimal verheiratet und zweimal Familie, geführt hat, ließ sie die Ehe annulieren und war fortan alleinerziehend. Erst als ihre Kinder erwachsen waren, traf sie nochmal einen Mann: einen Witwer mit vier erwachsenen Kindern. Sie heiratete ihn rund 6 Jahre vor meiner Geburt. Damit war dieser Mann mein Großvater und so nannte ich ihn auch. Seine Kinder wurden jedoch nie Onkel und Tanten. Zumal wir sie in der Regel einmal im Jahr an Weihnachten und sonst nur alle 5 Jahre sahen, wenn Großvater einen runden Geburtstag hatte.
Großvater war durchaus streng und manchmal hatte es den Anschein, als erwarte er von meiner Großmutter, dass sie ihm dankbar sein müsse. Dafür, dass er sie geheiratet hat und so vor der Altersarmut bewahrt hat. Wenn ich bei meinen Großeltern war, habe ich die meiste Zeit mit meiner Großmutter verbracht. Wenn Großvater dabei war, war es immer etwas steif. Auch wenn sie zu uns kamen (ich glaube nur für Familienfeiern wie Taufen und Konfirmation). Dabei trafen sie dann auch auf die Familie meiner Mutter, also auf meine indische Tante M. und den Onkel Y. aus Ghana – jeweils mit dem Bruder bzw. einer Schwester meiner Mutter verheiratet.
Irgendwann, ich war vermutlich so 12 Jahre, ließ mein älterer Bruder eher nebenbei den Satz fallen, dass Großvater vermutlich ein höheres Tier bei den Nazis war. Ich verstand damals nur so halb, was er damit meinte, aber es blieb hängen. Und nein, das war nicht offensichtlich. Aber es gab sicherlich ein paar Anzeichen: Sätze, die er über Tante M. und Onkel Y. von sich gab. Der Begriff, mit dem er über die farbige Freundin, mit der mein Bruder zeitweise zusammen war, sprach. Es war nicht offen rassistisch und er war möglicherweise tatsächlich ehrlich bemüht, offen zu sein. Aber Aussagen, die mit „Für eine:n …“ beginnen, haben immer mindestens ein Geschmäckle.
Im Gästezimmer bei meinen Großeltern stand auch der Schreibtisch meines Großvaters. Der war Tabu. Doch wie das so ist mit verbotenen Dingen: Der Reiz wird erhöht. Und ja ich guckte in den Schreibtisch. Einmal entdeckte ich ein Eisernes Kreuz, das ich damals allerdings noch nicht richtig einordnen konnte. Drüber sprechen konnte ich natürlich auch nicht, schließlich hatte ich es illegal entdeckt. Außerdem wurde eh nie über den Krieg und die Zeit davor gesprochen. Fragen wurden abgeblockt oder ich wurde auf „später“ vertröstet. Und dann waren die Großeltern irgendwann dement, bauten rapide ab und nahmen alle Erinnerungen mit ins Grab. Seit über 20 Jahren sind sie mittlerweile tot.
Bereits im Februar hat das US-Nationalarchiv die NSDAP-Mitgliederkartei online verfügbar gemacht. Da habe ich schon versucht Großvater zu finden. Aber das Durchklicken durch die einzelnen Bilddatein ist aufwändig und fehleranfällig. Gefunden habe ich ihn nicht. Andere wären vermutlich erleichtert gewesen. Ich war unbefriedigt-enttäuscht. Die Zeichen und auch mein Bauchgefühl waren zu eindeutig. Das war eine trügerische Sicherheit.
Seit gestern haben Correctiv und Katapult eine komfortablere Suche veröffentlicht. Ich gab Name und Vorname, ein Doppelname, ein.** Ein Treffer, der eindeutiger nicht sein konnte: Geburtsdatum und damaliger Wohnort stimmen überein. Bereits am 1.4.1933 ist er in die NSDAP eingetreten. Er hatte irgendwann einen weiteren Wohnort in Berlin. Vermutlich nur weil er – der Adresse nach zu urteilen dort im Krankenhaus war. Zumindest schließe ich das aus meiner erste Recherche. Worüber ich auch nicht ganz sicher bin, ist ein kleines Zeichen, dass nahe der Berliner Adresse angebracht ist. Es könnte eine „spiegelverkehrte“ Wolfsangel sein. Wenn ja, könnte sie auf eine Zugehörigkeit zur 19. Infanterie- bzw. Panzer-Division hindeuten.
Nun überlege ich, ob ich eine Anfrage beim Bundesarchiv stellen möchte, oder ob mir dieser Beweis ausreicht. Interessanter wäre für mich wohl nach meinem leiblichen Großvater zu suchen. Aber dafür müsste ich erstmal den Namen wissen.
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* Die Eltern meiner Mutter nannte ich Oma und Opa.
** Nach Opa habe ich auch gesucht, aber – wie vermutet – zum Glück nicht gefunden.
4 Kommentare zu „Bestätigung“
Danke für das Teilen!
Ich habe meine Großväter bereits im US-Nationalarchiv gefunden. Über den Großvater väterlicherseits wurde bereits während meiner Kindheit erzählt, dass er überzeugter Nazi gewesen sein soll. Dagegen wurde über das, was der Großvater mütterlicherseits während der NS-Zeit gemacht hat, der Mantel des Schweigens ausgebreitet. Warum, konnte ich mir dann beim Fund seiner Akte denken. Es war nämlich ein Foto beigefügt, dass ihn in SA-Uniform zeigt. Mir hat es den Boden unter den Füßen weggezogen, ich habe geweint und mich für meinen Großvater geschämt.
Mittlerweile habe ich eine Anfrage beim Bundesarchiv gestellt. Ich will genaueres wissen, was er getan hat, zumal mich die NS-Zeit stärker geprägt hat, als es mir recht ist.
Danke für Deine Gedanken <3
Ich kann das sehr nachvollziehen. Mir würde es vermutlich so gehen, wenn ich eine Akte von Opa gefunden hätte. Aber Opa hat auch vom Krieg erzählt. Nicht viel, aber immerhin. Und es wurde halbwegs offen über das Familientrauma mütterlicherseits gesprochen: Vertreibung aus dem heutigen Polen, Kriegsgefangenenschaft in Sibirien und USA, kompletter Neuanfang im Ruhrgebiet. Opa und vor allem Oma sind nie wirklich in Deutschland angekommen.
Da Großvater nicht mit mir blutsverwandt ist und auch nicht meine Kernfamilie prägen konnte, geht mir das nun bestätigte Wissen nicht so nah.
Keine Ahnung, was es mit mir machen würde, sollte mein leiblicher Großvater auch Nazi gewesen sein.
Ich bin Jahrgang 1958, daher ging es bei mir um meinen Vater. Zwar hatte er mir erzählt (in all dem Schweigen), dass sein Vater in der NSDAP war. Aber von ihm nichts zu seiner Rolle. Bundesarchiv habe ich schon letztes Jahr probiert, scheinbar gab es da nichts. Dann jetzt bei der Archivsuche meinen Vater sofort gefunden und zwar als erster in der Familie (1938, da war er gerade 20 Jahre alt). Nun ist er schon seit 15 Jahren tot. Nun bin ich gerade das erste Mal richtig wütend auf ihn. Nicht, dass er total verblendet war und noch freiwillig in den Krieg zog. Er war immer ein total ängstlicher Mitläufer, vermochte uns auch nicht vor unserer sehr gewalttätigen Mutter zu schützen. Aber, dass er nie und trotz Nachfrage mit mir darüber sprach und quasi meinen Großvater vorschob, finde ich echt mies.
Mal sehen, was meine weiteren Nachforschungen ergeben. Erschüttert hat mich die Parteizugehörigkeit nicht. Er war halt einer dieser liebevollen Menschen, die gleichzeitig wunderbar und vermutlich zuvor verbrecherisch agierten. Üble rassistische oder antisemitische Aussagen kamen eher von meiner Mutter, aber auch das habe ich von ihren Freund:innen viel schlimmer erlebt.
Beide sind, unabhängig voneinander 1945 aus der Kirche ausgetreten, ich vermute sehr, dass ihnen mit dem Nationalsozialismus auch ihr Glaube abhanden kam. Und dann leider nur das totale Schweigen.
Danke, dass Du so offen schreibst. Als Kind hat das sicher nochmal eine ganz andere Bedeutung für das eigene Leben. Vor allem, wenn es nie aufgearbeitet wurde. Wenn Muster weitergeführt wurden.
Ich kann Deine Wut gut verstehen. Und die Wut steht Dir auch zu. Ich wünsche Dir, dass Du einen guten Weg findest, damit umzugehen.
Die Sache mit der Kirche finde ich interessant: Großvater ist wohl nach dem Krieg erst richtig aktiv geworden in seiner Gemeinde. Glauben spielte eine große Rolle bei meinen Großeltern. Inwiefern das vor (und während) dem Krieg der Fall war, weiß ich allerdings nicht.