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Tag: 29. Dezember 2020

Aufräumkommando

Aufräumkommando

#ClosedAdvent (29) // Lockdown, Tag 14

Was für ein Mist: Trotz früh im Bett konnte ich bis 3h00 nicht richtig einschlafen. Mir schwante schon Schlimmes für den heutigen Tag, denn der Wecker ging um 6h20. Ich war erstaunlich fit, saß um 7h20 im Auto und war nach unspektakulärer Fahrt um 10h25 bei meinen Eltern.

Kurzes Hallo, keine Umarmung, Maske. Ich verschwand im Arbeitszimmer, packte Kisten, rangierte Möbel und fand Dinge* wieder:

Am Ende des Tages war das Zimmer soweit geordnet, dass die Möbelpacker problemlos alles rausräumen können, was sie rausräumen sollen.

Am Anfang hätte ich gerne einfach eine Mulde gehabt, um Dinge, insbesondere Papier, wegzuschmeißen. Ich habe gefühlt tausend Standordner in der Hand gehabt und davon wenigstens die Hälfte geleert. Ich habe noch mehr Bücher in der Hand gehabt, die teilweise älter als ich sind. Alle Fachbücher meiner Eltern werden erstmal eingelagert. Was nicht eingelagert wird, sind die Bücher meines Vaters, also Bücher, die er geschrieben oder herausgegeben hat oder ein Kapitel beigetragen hat. Und uff, schon bei der Dissertationsschrift hatte ich einen Kloß im Hals und ein Tränchen im Auge. Aber bei einem anderen Buch – ich musste gucken, ob er einen Beitrag darin hatte – hat es mich zerrissen:

aus: Thomas Eckert (Hrsg.). Übergänge im Bildungswesen. Waxmann, 2007

Mein Vater ist Erziehungswissenschaftler und brannte für die Themen Lernchancen und Interessenforschung. Gerade auch welchen Beitrag die schulische Bildung auf das MINT-Interesse hat. Wobei er eigentlich eher den M-I-T-Part betrachtete. Zu den „klassischen“ Naturwissenschaften Biologie und Chemie (und Ableger) hatte er keinen direkten Draht. Aber er fand es sehr faszinierend, dass ich Biochemie studiert habe – obwohl ich Chemie ganz bewusst zur Oberstufe hin abgewählt hatte. Er hat mein Studium sehr interessiert verfolgt und wollte damals auch unbedingt meine Diplomarbeit lesen, obwohl er nichts davon verstanden hat.
Daher kann ich diesen Text durchaus als Widmung an mich verstehen. Und da musste ich zwischen all den Kisten und Regalen sehr weinen. Weinen, weil mir (mal wieder) bewusst wurde, wie sehr mein Vater mich liebt und wie sehr er meinen eigenen Weg gutheißt. Aber ich musste auch weinen, weil mit auf einmal sehr heftig und schmerzlich bewusst wurde, dass all sein Wissen, seine Leidenschaft für seine Themen diesem verfickten Schlaganfall zum Opfer gefallen ist. Dass das alles – ganz realistisch – nie wiederkommen wird. Dass er seine Arbeit nicht beenden durfte. (Und während ich das so schreibe, meldet sich in mir wieder der Wunsch, Pädagogik zu studieren. Ja, auch mit dem Gadanken, das Erbe meines Vaters fortzusetzen.)

Ein Glück, dass ich alleine im Arbeitszimmer werkelte, damit wir so viel Abstand wie möglich zueinander einhalten können. So musste ich mit meiner Mutter nicht über meine Tränen sprechen. Außerdem war ich so schon ausgeweint, als sie in einer Unterhaltung über die vielen einzulagernden Bücher sagte: „Weißt du, B., das kann ich nicht so einfach entsorgen. Das ist unser Leben.“

Als ich mit dem Arbeitszimmer fertig war, begingen wir noch ich noch die Garage und den Keller des Grauens. Ich werde mich um die Leerung dieser beiden Räume kümmern, wenn meine Eltern ausgezogen sind und das Umzugsunternehmen da war. Außerdem werde ich am 1.1. nochmal hinfahren** und meiner Mutter dabei helfen, den Rest der Wohnung so zu sortieren, dass das Umzugsunternehmen auch ohne ihr Beisein agieren kann.

Dann fuhr ich nach Hause, was trotz dem kurzen Schlaf und dem vielen Werkeln recht gut ging. Wohlbehalten kam ich um 15 Stunden nach Abfahrt wieder zu Hause an. Da war es ganz schön, mit der Twitterkneipe runterzukommen***, zu quatschen und zu lachen.

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* Auch ein Eisernes Kreuz von 1939, dessen originäre Besitzer sicherlich nicht mein Vater ist und ich noch eruieren muss, warum er es hat.

** Dann wird auch das Kind mitkommen, damit er Oma und Opa nochmal sieht, bevor es nach dem Umzug noch schwerer wird.

*** Wo sie mich doch eh schon über Tag „begleiten“ mussten durften.