Ein Ehe-Rant

Ein Ehe-Rant

Ich bin eine Grinchin. Ich bin eine radikale, feministische Anti-Heirats-Grinchin*. Ich könnte jetzt schreiben, dass es mir leid tut. Aber das tut es halt nicht. Eine könnte mir auch vorwerfen, dass ich ja selbst schon mal verheiratet war. Und nein, das hat mich nicht radikalisiert – sicherlich auch weil diese Ehe endete, bevor die „staatliche Patriachatsfalle“ komplett zugeschnappt hat**.

Radikalisiert hat mich vielmehr die Situation meiner Bekannten, die sich quasi zeitgleich von ihrem Mann trennte. Sie – zu Beginn der Ehe selbsttändig tätig – hatte ihn finanziell durchs Studium getragen und als dann die Kinder kamen und er beruflich durchstartete, gab sie ihren Job auf und war knapp 10 Jahre Hausfrau und Mutter und aus dem Job raus. Als sie sich trennte, stand sie vor dem Nichts. Naja, noch weniger als vor dem Nichts, denn im romatinschen Glauben hat sie blind vertraut und was – wie sich zeigte – ausgenutzt worden war. Sie musste um jeden Cent streiten. Die Rechtslage hatte sich zwischenzeitlich geändert und nachehelicher Ehegatten-Unterhalt stand ihr so nicht mehr zu. Sie musste aus dem Haus raus, in dem sie mit den Kindern lebte – auch weil er sie gelinkt hatte. In ihren alten Job konnte sie nicht wieder einsteigen. Ihr blieb nicht viel übrig und musste mit Anfang 40 eine komplett neue Ausbildung anfangen. Während sie in der nächsten Abhängigkeit hing: Sie zog sehr schnell mit ihren Kinder mit dem neuen Partner zusammen.

Versteht mich nicht falsch: Ich finde es toll, wenn sich zwei Menschen zueinander bekennen und füreinander sorgen wollen, bis das der Tod sie scheidet. Ich finde es aber ganz und gar nicht toll, dass die staatliche Ehe dazu führt, dass Frauen (ja, in der Regel sind es Frauen) (berufliche) Chancen, Karriere, finanzielle Unabhängigkeit und Sicherheit aufgeben bzw. um diese gebracht werden. Ehen, in denen beide Geld verdienen, sollten per se IV/IV besteuert werden. Steuerklasse V ist eine Unverschämtheit. Männer, die ihren Frauen einreden, dass III/V die bessere Wahl sei, sind unverschämt***: „Weib, Deine Arbeit ist nicht so viel wert wie meine, daher ist auch egal, was am Ende dabei rausspringt“. Edit: Maximal wenn es ums Elterngeld geht, merken Frauen, welche Auswirkungen III/V haben kann. Aber dann ist es meistens schon zu spät, weil _sie_ danach ja eh kürzer treten will und so in die nächste Falle tappt: weniger Rentenpunkte (ja, III/V hat keine direkte Auswirkung auf den Rentenanspruch). Es ist ein Trauerspiel.

Und – und das ist vermutlich eine sehr akademische Sicht – ich frage mich: Aus welcher finanziellen Situation kommen die beiden Partnerinnen, dass sie unbedingt Steuerklasse III/IV brauchen?! Entweder habe die beiden bereits zusammen gelebt und kamen mit I/I (IV/IV ist ja das Gleiche) aus oder sie haben noch nicht zusammengelebt, dann wird das Leben durch gemeinsame Wohnung etc aber idR tortzdem günstiger, sodass IV/IV ausreichen müsste.

Ja, ich weiß, dass nicht nur die Steuerklasse in die staatliche Ehe „zwingt“. Es sind auch verschiedene Rechte: Auskunft im Krankheitsfall, Erben (mehr fällt mir gerade nicht ein).

Wer wegen Kindern heiratet, der sei gesagt: Lasst es. Das braucht es nicht. Mit Vaterschafts- und Sorgerechtserklärung seid ihr eh für immer bis zum 18. Lebensjahr**** des (jüngsten) Kindes aneinander gebunden. Da hilft auch keine Scheidung. Und denkt bitte daran: Ob ihr schon verheiratet seid oder eben nicht, wenn ihr Kinder bekommt, ändert sich steuerlich bzw. finanziell gar nichts. Auch daran sieht eine, dass die staatliche Ehe mit Steuerklasse III/IV nicht dafür gedacht ist, um Familien zu fördern, sondern um Frauen vor allem langfristig im Patriachat zu fixieren.

Ich werde die staatliche Ehe nicht abschaffen, aber ich muss sie nicht unterstützen*****. Wem die staatliche Ehe – warum auch immer – trotzdem wichtig ist, der empfehle ich, sich wirklich zu informieren, was im Fall einer Trennung passiert. Was passiert, wenn der Partner (die Partnerin) womöglich verstirbt. Was die Ehe für die eigene Rente bedeutet******. Und bitte, bitte, macht – so unromantisch das auch ist – einen Ehevertrag, insbesondere wenn ihr Euch gegen IV/IV oder für eine Allein-Verdienerinnen-Ehe entscheidet, mit dem fixiert, wie der geringere Verdienst / das geringere Netto bzw. der finanzielle Nachteil der Partnerin ausgeglichen wird.

Denn im Fall der Fälle zahlt eine rosarote Brille keine Miete, keine Milch und kein Brot.

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* Impliziert „Grinchin“ gegen etwas zu sein? Wäre ich als Anti-Heirats-Grinchin letztlich doch pro Heirat?! Also, ich bin gegen dieses komische Heiraten – zumindest das offizielle mit Standesamt und so.

** Wir waren hauptsächlich verheiratet, solange ich studiert habe. Bös formuliert, könnte eine sagen, dass er mir das Studium finanziert hat. Ich denke aber, dass wir finaziell beide gut profitiert haben.

*** Denn das vermeintlich übers Jahr „verloren gegangene“ Geld, bekommen die Paare bei der Steuererklärung immer zurück.

**** oder Ausbildungsende

***** Zumal: Sollten der RB und ich heiraten, hätte das Kind keinen Anspruch mehr auf Unterhaltsvorschuss. Welch ein Hohn.

****** Denn selbst wenn die Ehe tatsächlich „bis das der Tod euch scheidet“ hält, wird es finanziell sehr schwierig, wenn die Ehepartnerin, die die höhere Rente bezieht, zuerst verstirbt – trotz Witwenrente.

9 Gedanken zu „Ein Ehe-Rant

  1. Ich gebe zu, ich verstehe den Zusammenhang von Rente und Steuerklasse nicht. Rentenanspruch erwirbt man doch erst einmal vom Bruttolohn, erst die Höhe der Rentenauszahlung ist steuerklassenabhängig. Ich kann doch aber auch zu Renteneintritt noch die Steuerklasse wechseln.
    Und auch bei Tod des Steuerklasse 3 -Rentners wechselt der Weiterlebende doch in Steuerklasse 1 oder 2 und bleibt nicht in 5.

      1. Hast Du dazu bitte eine Quelle? Für die Höhe der Rente sind doch meine Entgeltpunkte entscheidend (mal Zugangsfaktor mal Aktueller Rentenwert mal Rentenfaktor) und dafür ist doch mein Bruttogehalt im Verhältnis zum durchschnittlichen Bruttogehalt entscheidend, da geht es nicht um das Nettogehalt.
        Ich gebe aber zu, im Internet ist das sehr unklar formuliert.
        Letztendlich ist das wohl in § 69 Abs. 2 Nr. 2 des SGB definiert.
        Siehe auch https://de.wikipedia.org/wiki/Durchschnittsentgelt

        Sorry, dass ich da so energisch nachhake.

  2. Steuerklasse IV/IV ist der Default. Möchte man III/V, so muss man das beantragen.

    Die Ehe ist gewiss kein Allheilmittel, und man könnte durchaus noch Dinge verbessern, insbesondere durch Verschiebung des Fokus auf Kinder. Aber sie bietet ein praktisches Bündel von Verträgen, die man sich sonst mühsam zusammenstellen müsste. Es gibt schon Gründe, wieso homosexuelle Paare lange dafür gekämpft habe hier gleich gestellt zu werden. Ich denke das Problem ist eine verbreitete Naivität und der Irrglaube, dass alleine durch die Heirat schon alles gut geregelt ist.

    Deiner Bekannten hat ziemlich sicher auch nicht die Ehe an sich finanziell geschadet, sondern das aus Vertrauen in den falschen Partner gewählte Lebensmodell. Hätte sie sich finanziell besser gestellt, wenn sie genau so gelebt hätte, aber dabei unverheiratet gewesen wäre? Ich bezweifle das.

    1. Die Ehe ist ein vertragliches Monopol. Insbesondere beim Erben. Wieso darf der Staat bestimmen, wer von mir in welchem Umfang erbt.
      Wieso gibt es die GKV-Familienversicherung nur bei verheirateten Paaren?
      Aber beim ALGII ist es egal, ob verheiratet oder nicht, da wird das Einkommen der Partnerin angerechnet.
      Warum sind Steuervergünstigungen – Ehegattensplitting – nicht an Kinder gebunden? Wieso hat ein DINK-Ehepaar mehr Geld als eine Familie mit gleichem Einkommen aber unverheiratet?
      Es ist weit weg von Allheilmittel. Für gewisse Dinge, für bestimmte Sicherheiten ist es Zwang. Das muss sich auch eine leisten können und wollen.

      Das Problem ist nicht (nur) Naivität. Das Problem ist, dass der Staat ein Konstrukt entwickelt hat, das das Patriarchat stützt und Frauen kleinhalten soll.

      Und zu meiner Bekannten: Was soll das Victim Blaming?! Es ist ihre Schuld, dass ihr Partner das System, das von Männern für Männer gestaltet wurde, ausgenutzt hat?!

  3. Ich bin zwar verheiratet, finde die Ehe aber eigentlich nicht besonders wichtig. Ich finde aber, dass „die Ehe“ an sich nicht an den geschilderten Problemen schuld ist. Ich muss sagen, dass ich Frauen ziemlich dumm finde, die denken, dass die Ehe eine Gute-Leben-Garantie bei wenig (Erwerbs-) Arbeit bis ans Lebensende ist. Da muss Frau schon sehr naiv sein. Wir haben auch Steuerklasse 3 und 4, da aber alles Geld uns zusammen gehört ist das auch egal. Sollten wir uns trennen, werden alle Rentenansprüche aufgeteilt sodass er zu dem Zeitpunkt nicht besser dasteht als ich, sodass egal ist, wie wir vor der Trennung die Arbeit aufgeteilt haben. Dass es aber immer noch Frauen gibt, die ihre eigene Karriere bzw. berufliches Standing vernachlässigen ist mir völlig schleierhaft. Daran ist aber nicht die Ehe schuld. Dass sowas wie Ehegattenunterhalt abgeschafft wurde finde ich gut. Ich finde, auch die kostenlose KV in der Ehe sollte abgeschafft werden, finde ich absolut ungerechtfertigt.

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