Aufschieberitis

Aufschieberitis

Zweite Welle: Tag 59

Eigentlich mache ich ja Steuererklärungen ganz gerne. Zumindest habe ich sie 15 Jahre lang sehr gerne gemacht. Es fing damit an, dass es meinem Vater sehr wichtig war, dass ich weiß, wie eine Steuererklärung gemacht wird. Und nicht nur dass ich das grundlegende Prozedere kennen sollte, sondern auch noch diverse Tricks und Kniffe.*

Als ich mit der Selbstständigkeit anfing war ich einmal beim Steuerberater. Und später noch einmal.** Ansonsten habe ich mich komplett alleine um meine Steuer gekümmert. Als Freiberuflerin ist es auch nicht so schwierig. Umsatzsteuer-Voranmeldung ist kein Hexenwerk, wenn eine keine Gewerbekacke am Hacken hat. Gut, die Sache mit der Lohnsteuervorauszahlung hätte mich fast die Existenz gekostet, aber auch das ließ sich regeln. Die Steuererklärungen gingen aber recht problemlos von der Hand. Wenn ich mich denn endlich mal dran gesetzt hatte.*** In jedem Jahr allerdings immer erst, wenn das Finanzamt mich schon liebevoll erinnert hatte. So auch in diesem Jahr. Und ich weiß auch schon warum… dieses Jahr – alsp für 2019 – muss ich erstmals nachzahlen. Das war leider zu erwarten, weil ich am Ende des Jahres nochmal einen Batze extra verdient hatte. Tjanun, wenn eine nicht genug Ausgaben hat und zudem aus Steuerklasse 2 rausrutscht. Naja, jetzt ist es gemacht.

Gemacht hat auch das Kind heute was, was er vor sich hergeschoben hat ihm schwer auf der Seele lag. Seit Tagen (oder Wochen?) geht er nicht ans Telefon, wenn eine französische Vorwahl zu sehen ist. Egal, ob es der Kv oder die Großeltern sind, er möchte nicht mit ihnen sprechen. Also mit den Großeltern will er schon telefonieren, aber er hat Angst davor und keine Lust, dass sie ihn bedrängen, ob bzw. wann er das nächste Mal nach Frankreich kommt. Denn er will nicht nach Frankreich. Er will vor allen Dingen nicht zum Kv. Zumindest hat er sich heute ein Herz gefasst und wollte anrufen. Als es allerdings zeitlich passte, sagte er beim Blick auf die Uhr: „Jetzt guckt Papy immer seine Sendung****.“ Ja und?! „Dabei will er nicht gestört werden.“ Bitte? „Er hat gesagt, wenn er dabei gestört wird, wird er sehr böse.“ „Mein lieber Sohn, wenn Du Deine Großeltern anrufen willst, dann ruf sie an. Wenn sie nicht drangehen, weil ihnen der Fernseher wichtig ist, ist das ihr Problem. Aber die rufen ja auch an, wann es ihnen gerade passt und überlegen nicht, ob Du gerade in der Schule bist oder bei Rugbytraining.“ Ich glaube echt, es hackt. Ich bekomme echt die Motten, dass jenseits des Rheins regelmäßig erwartet wird, dass das Kind auf irgendwelche albernen Befindlichkeiten Rücksicht nehmen muss. Dass das Kind schon so „gedrillt“ ist, dass es immer die französischen Befindlichkeiten mitdenkt. Noch ein Grund mehr, warum es gut ist, dass er vorerst nicht hinfährt.*****

Zumindest war das Kind nach dem Telefonat ähnlich erleichtert wie ich nachdem ich auf „Steuererklärung versenden“ gedrückt hatte. Aufschieberitis sucks.

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* Mein älterer Bruder hat das aus irgendwelchen Gründen nicht gelernt oder lernen wollen. Er hatte früh eine Steuerberaterin und regelmäßig Nachzahlungen.

** Also in 4,5 Jahren Freiberuflichkeit nur zwei Termine beim Steuerberater

*** Aber das ganze Eingetöckel von Fahrten, gezahlter USt, geleistete Krankenversicherungsbeiträge etc…

**** irgendeine banale Serie

***** Ganz zynisch könnte ich nun den Französinnen für ihren unachtsamen Umgang mit der Pandemie danken.

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