Durchsuchen nach
Tag: 17. September 2020

Bedingen

Bedingen

Zweite Welle: Tag 55

Die Koinzidenz ist durchaus interessant. Ob es nur eine temporäre oder auch eine kausale ist, muss noch beobachtet werden:

Das Kind ist derzeit erstaunlich entspannt. So hier im Alltag. Selbst die Schule wird gerade nicht gehasst. Im Gegenteil so langsam weichen sich die Cliquen auf und er wird von den anderen angenommen – in seiner ganzen Andersartigkeit. Er ist selbstständig, zuverlässig und für sein Alter gut organisiert. Hier zu Hause ist er – wie es sich gehört – präpubertär aufmüpfig, aber noch erträglich. Und ich bin mir sicher, dass es Jammern auf sehr hohem Niveau ist, weil eben „selbstständig, zuverlässig und für sein Alter gut organisiert“. Das Rugby-Training macht ihm wieder großen Spaß und ich freue mich, dass er das Bouldern für sich entdeckt hat.

Zeitgleich geht der Kontakt zum Kv immer weiter zurück. Seit Wochen lehnt das Kind jede Kontaktaufnahme ab. Er sagt, er fühle sich nicht bereit und er habe keine Lust, belatschert zu werden. Er möchte ernst genommen werden. Und nein, das passiert beim Kv nicht. Der Kv sieht vorrangig sich selbst und seine Bedürfnisse. Er redet von seinen Rechten, aber was das Kind will, ist egal zweitrangig. Wenn der Kv sich meldet, dann ist immer ein Unterton dabei. Neutrale, interessierte Kommunikation ist von Seiten des Kv nicht möglich. Und das will das Kind – zurecht – nicht mehr ertragen.

Haben also der Nicht-Kontakt und der entspanntere Alltag miteinander zu tun? Bedingt das eine das andere? Möglich ist das. Vielleicht ist es aber eh ein Prozess, den das Kind gerade durchmachen würde. Was ich auf jeden Fall beobachte: Das Kind reflektiert sich sehr stark und benennt eindeutig, welche Verhaltensweisen vom Kv kommen. Warum er manchmal handelt, wie er handelt. Er erkennt dabei auch, dass diese Verhaltensweisen nicht immer gut ankommen (können) bei Unbekannten. (Wenn er wen länger kennt und Vertrauen hat, kommen die nicht so zu tragen.) Und durch den Nicht-Kontakt und insbesondere dadurch, dass er nun über acht Monate nicht in Frankreich war, bekommt er diese Verhaltensweisen auch nicht mehr „regelmäßig“ vorgelebt. Denn hier finden die unter Garantie nicht statt – eher im Gegenteil.

Und ich sitze hier und staune über mein Kind. Ich sehe, wie er sich wiederfindet, weil er nicht mehr zerrissen* ist. Weil der RB und ich ihn so nehmen, wie er ist. Weil er sein Ding machen darf. Weil er nicht die Bedürfnisse eines (oder hier halt zwei) Erwachsenen mitdenken muss.

Auch wenn ich manchmal dem Kind wünsche, dass er nie wieder Kontakt zum Kv haben muss, weiß ich, dass das nicht richtig wäre. Also nur richtig wäre, wenn das Kind es selbst will. Und ich weiß, dass er eigentlich nach Frankreich will. Dass er gerne dort ist.

Doch erstmal ist Pandemie. Die Zahlen in Frankreich und in der Bretagne steigen und steigen. Das Kind will da nicht hin. Außerdem ist der Kv vom Sockel gestürzt und nun liegt ein Scherbenhaufen vor dem Kind, mit dem er erstmal klarkommen muss. Und es ist gut, dass er die Zeit dazu hat.

Ach, mein liebstes Lieblingskind, ich bewundere Dich für Deine Resillienz.

——————————
* Er benannte die Zerrissenheit lange damit, dass es unterschiedliche Sprachen sind. Auch hing er zwischen den Erziehungsstilen. Schule und Ferien. Landleben und Großstadt…