Es gibt keine zweitbeste Geburt

Es gibt keine zweitbeste Geburt

Seit Wochen, Monaten, ach, was weiß ich, immer und immer wieder ist es Thema: Geburt und Säuglingsernährung. Erst vor kurzem schrieb eine liebe Tweep über ihre Sorgen hinsichtlich Stillen und im Tweet las eine – zumindest ich – direkt die Schere und auch Angst im Kopf, wie wohl darauf reagiert wird. Gestern twitterte ich Folgendes:

Natürlich ist das etwas verkürzt – Twitter halt.

Ich bin etwas versucht, darüber zu schreiben, wie die Geburt vom Kind und die anschließende Ernährung bis zur Beikost verlief, ABER darum geht es nicht. Alle, die nicht mehr dazu wissen, müssen jetzt damit leben und mir einfach glauben, dass mich das Thema nicht triggert oder welche auf immer gearteten Trauma aufreißt.

Was mich an diesem ganzen Themenkomplex so immens stört, ist, dass zum Gebären und zum Stillen fähigen Menschen von einer bestimmten Bubble (KEINE Einzelpersonen) vorgemacht/ vorgeschwärmt/ suggeriert wird, wie das alles am allerallerallerbesten für Mutter und Kind verlaufen muss. Und das ganze unter den scheinheiligen Deckmäntelchen „selbstbestimmte Geburt“ und „das Beste fürs Kind“.

Eine „selbstbestimmte Geburt“ bedeutet mal so rein vom Wortlaut: Die gebärende Person bestimmt unter Berücksichtigung diverser (eigener) Faktoren und zur Verfügung stehenden Option selbst, wie sie gebären will. Und ganz ehrlich: NUR diese Person. Daraus muss ich keine Pärchenkacke machen oder gar irgendein Wohlfühlevent für den/die Partner*in. Bei der Geburt sollte sich die gebärende Person so wohl fühlen wie eben möglich.

Und sofern alle unmittelbar Beteiligten gesund sind und sich das zutrauen und wollen, stehen der Gebärenden erstmal alle Varianten offen:

  • geplanter Kaiserschnitt im Krankenhaus*
  • vaginale Geburt in Krankenhaus, Geburtshaus, zu Hause, im Wald, whatever

Diese Wahlmöglichkeiten** sind Luxus! Das halte sich bitte jede mal vor Augen. Und ja, die vaginale Geburt im Wald allein ist darunter die natürliche Geburtsform. Zumindest die, die stattfinden muss, wenn es keine anderen Optionen gibt. Ob sie deswegen automatisch die beste ist?! Der Mensch hat sich weiterentwickelt: Ist vom Baum geklettert, läuft aufrecht, spricht, denkt (zumindest einige). Die Medizin entwickelte sich mit. Heutzutage sind viele Dinge möglich, die früher undenkbar waren*** und ohne die heutzutage Menschen einfach sterben würden. Die gebärende Person  und/ oder Kinder bei oder nach Geburten. Kinder an Unterernährung, weil Stillen einfach nicht möglich ist.4*

Wird eine Person schwanger – insbesondere zum ersten Mal -, geht das mit vielen Unsicherheiten aufgrund der Veränderungen (sic!) einher. Es passieren Dinge mit dem Körper, die eine nicht für möglich gehalten hat. Es treten Probleme5* auf, die verunsichern6*. Die auch Angst machen (können). Die den Körper an seine Grenzen bringen. Und in diesem ganzen „Schlamassel“ muss sich die schwangere Person informieren und entscheiden, wie sie gebären will. Oder sollte?! Die Informationsflut ist immens: die Gynäkologin, die Hebamme, die Mutter, die Tante, die Schwester, die beste Freundin, die Nachbarin aus dem 2. Stock, die Sitznachbarin in der U-Bahn7* – sie alle wissen etwas zu dem Thema beizutragen. Dazu noch Bücher und – tadaaa – das böse Internet.

Die „unwissende“ schwangere Person möchte dabei nur eins: Das Beste fürs Kind. Aber auch etwas, mit dem sie sich wohl fühlt.

Und so viele Meinungen es auch gibt, in der Regel heißt es am Ende immer: Nur mit vaginaler Geburt und Stillen bekommt das Kind den besten Start ins Leben.

Das wird in einigen Bubbles so hochgejazzt, dass letztlich eine vaginale Hausgeburt nur mit Hebamme8* als DIE Benchmark schlechthin gilt. Wie?! Eine möchte das nicht?! Doch, doch, Du musst nur fest genug an Deine eigene Kraft glauben. JEDE gebärende Person hat die Kraft dafür in sich. Das ist DAS Geburtserlebnis schlechthin. Und welche Bindung eine dadurch zum Kind aufbaut.9* Das kann NIE.MALS mit einem Kaiserschnitt erreicht werden.

Klingt alles etwas überspitzt und dramatisch?! Mitnichten. Ich bin mir sicher, dass es bei vielen schwangeren Personen genauso ankommt.

Und Personen, die nicht vaginal gebären können oder wollen, stehen verschämt rum. Drucksen sich Entschuldigungen und Rechtfertigungen zurecht, warum sie nicht vaginal entbunden haben.

Dabei ist das meiner Meinung nach eine mindestens genauso große Leistung, sich entgegen der Mainstream-Meinung ganz auf sich zu besinnen und eine wirklich selbstbestimmte Entscheidung zu treffen – wenn wir in diesem ganzen Themenkomplex von Leistung sprechen wollen. Und dabei möchte ich auch die Personen einschließen, die aufgrund anatomischer Gegebenheiten eben gar nicht vaginal gebären können. Das mag zwar für die meisten der valideste Grund sein, warum sich eine gegen eine vaginale Geburt entscheiden darf entscheidet, aber doch auch bei diesen Personen sitzt immer wieder das Teufelchen auf der Schulter, das von Schuld und „ist halt nur das zweitbeste“ flüstert.

Und das liegt nicht daran, dass andere gebärende Personen „stolz“ auf die vaginale Geburt sind, sondern vor allem daran, dass Personen, die nicht vaginal geboren haben, mitleidige Blicke und „muss Du selbst wissen, aber …“, „käme für mich nicht infrage“ oder „vielleicht klappt es ja beim nächsten vaginal“ etc. etc. zugeworfen wird. Der nicht vaginal gebärenden Person wird offen oder unterschwellig an vielen Stellen signalisiert:

  • Es ist nur das zweitbeste.
  • Eine Notlösung.
  • Zu einfach gemacht.

Der einfache Grund dafür: Eine selbstbestimmte Geburt ist in den Köpfen vieler und der Gesellschaft im Besonderen die vaginale Geburt – so interventionsfrei wie eben möglich.10* Nur da „leistet“ die gebärende Person ausreichend, das sie Anerkennung verdient.

NEIN! Jede einzelne Geburt ist eine Leistung. Egal, wie das Kind zur Welt kommt. Dieses unsinnge „das Natürlichste ist das Beste und einzig Wahre“ funktioniert in Zeiten moderner Medizin nicht mehr. Oder sagt Ihr auch Paaren, die nicht auf natürlichem Wege schwanger werden können, dass sie kein Kind „verdient“ haben, weil die Natur es anscheinend nicht norgesehen hat?

Das Thema Stillen ist das gleichen in Grün, damit muss ich den Text jetzt nicht unnötig verlängern.

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* Ein Notkaiserschnitt ist keine planbare bzw. „frei“ zu entscheidende Variante

** Ja, ich weiß, dass es die nicht überall gibt und dass die Geburtshilfe in Deutschland in den letzten Jahren sehr gelitten hat. Das Wegsparen der Hebammen ist aus meiner Sicht ein Unding, aber dennoch sind wir weiterhin in einer sehr priviligierten Situation.

*** Paare, die noch vor 10, 20 Jahren kinderlos geblieben wären, können schwanger werden

4* Spätestens an dieser Stelle sollte klar sein, dass diese Betrachtungsweise ein höchst priviligierte ist.

5* Übelkeit bishin zu Hyperemesis gravidarum, Rückenschmerzen an verschiedensten Stellen, Wassereinlagerungen, Sodbrennen, Gestationsdiabetes, etc, etc.

6* Und auch verunsichern, wenn sie nicht auftreten.

7* okay, in Zeiten von Covid19 weniger

8* Die vollständige Alleingeburt ist dabei vielen doch nicht ganz geheuer. So ein bisschen Sicherheit brauchen wir dann wohl doch alle.

9* Denkt eine daran, was für ein Schlag ins Gesicht das für alle ist, die adoptieren / adoptiert sind?

10* Dabei sind auch gewünschte PDA und andere Interventionen verpönt. Die gebärende Person hat bittedanke zu leiden. Und wenn das Leiden zu schlimm ist, dann hat sie sich nicht gut genug vorbereitet.

Ein Gedanke zu „Es gibt keine zweitbeste Geburt

  1. Ganz deiner Meinung, danke fürs Aufschreiben.
    Und das ist doch erst der Anfang, man hat ein ganzes Leben mit dem Kind vor sich, da kommen noch so viele Möglichkeiten und Entscheidungen (und Chancen) auf eine zu. Panik machen hilft doch keinem.

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