Nur vor den Kopf

Nur vor den Kopf

Bestandsaufnahme. Ich habe den Spiegel-Artikel gelesen. Und auch den Zeit.Online-Blogpost. Ich habe Anke Gröners Analyse gelesen. Ich habe Mlle ReadOn einmal persönlich getroffen.

Ich habe ihren Blog nicht regelmäßig gelesen, denn ihr besonderer Stil war mir an vielen Tagen zu anstrengend. Manchmal waren mir die Geschichten zu dicht, zu intensiv. Ihre Geschichten berührten oft und rührten am Menschlichen in den Leserinnen. Vermutlich hätten die Leserinnen ihre Texte anders gelesen, hätten sie sie bewusst als Fiktion gelesen. Viele hätten sie vermutlich gar nicht gelesen. Das vermeintlich Persönliche hat Nähe geschaffen.

Ich bin mir recht sicher, dass die beiden Zeitungsartikel Recht haben. Die Fakten sind stichhaltig und logisch.

Aber ich bin nicht schockiert. Ich schäme mich auch nicht, es nicht früher erkannt/ gewusst zu haben. Dafür habe ich letztlich ihr Blog nicht intensiv genug gelesen. Ich fühle mich noch nicht einmal betrogen. Zumindest nicht persönlich. Ja, sie hat ihre Leserschaft betrogen. Und nein, keine ihrer Leserinnen sollte denken: „Aber ich habe mich betrügen lassen.“ Das ist wie wenn Frauen denken, dass sie wegen des Minirocks / Lippenstift / Lächelns eine Mitschuld an sexuellen Übergriffen haben. Oder halt wie – insbesondere – Frauen oft denken, wenn sie in einer toxischen (ja, ich weiß, viele finden den Ausdruck überzogen oder gar „albern“) Beziehung stecken, dass sie mindestens Mitschuld haben daran, dass sie da jetzt drinstecken, dass sie leiden. Sie hätten sich ja früher trennen können / müssen. Sie hätten es doch erkennen müssen. Wie konnten sie nur auf so einen Blender reinfallen. Etcetcetc.

Ich kenne das. Ich habe das erlebt. Und vielleicht hilft mir diese unschöne Erfahrung mit dem Kv, dass mich all das um Mlle ReadOn nicht schockiert.

Die menschlichen Abgründe sind tief und vielfältig.

Wir können noch so gebildet sein. Meinen, dass wir noch so eine gute Menschenkenntnis haben. Letztlich können wir unseren Mitmenschen doch nur vor den Kopf gucken.

(Darüber hinaus hoffe ich, dass das Fräulein (professionelle) Hilfe hat.)

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