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Tag: 25. April 2019

Genetik

Genetik

Heute schoss mir durch den Kopf, dass das Kind genetisch ja nicht nur von mir geprägt ist. Ja, werden jetzt einige aufmerksame Leserinnen sagen: „Das ist aber schon immer so.“ Jaha, ich weiß es ja auch. Aber manchmal wünsche ich mir tief in mir drin, dass er nur meine Gene hätte. Dass er nur von mir geprägt wäre. Dann könnte ich manche Dinge womöglich besser handhaben. Dann wäre er mir manchmal weniger fremd. Also nicht fremd im Sinne von entfernt, wir haben eine sehr enge Beziehung. Aber bei vielen Verhaltensweisen, Grundhaltungen, Herangehensweisen* kann ich nicht wie andere sagen: „Mein Kind eben. Ich weiß ja, woher er es hat.“ Dadurch kann ich ihn oft erstmal nur vom Kopf her verstehen, verstehen, was er macht, wie er es macht und warum er es macht. Aber ich kann es nicht nachfühlen. Nicht selten denke und deutlich weniger sage ich: „Warum machst Du es nicht so?“ – also wie ich es machen würde. Aber er ist er. Ich kann ihn nicht verbiegen. Und ich will das auch gar nicht. Aber ich kann mich ja auch nicht verbiegen. Die Folgen sind je nach Situation und Thema unterschiedlich: a) Es knallt zwischen uns. b) Wir wurschteln nebeinander her. c) Ich überfordere ihn.

Und dann frage ich mich schon: Bin ich ihm eine gute Mutter? Bin ich ihm die Mutter, die er braucht? Aber was braucht er? Ich kann seine Bedürfnisse manchmal nur erahnen, weil er eben so anders „tickt“. Und dann habe ich Angst, dass er seine Bedürfnisse zurücknimmt, weil er meine spürt und auf diese Rücksicht nehmen will.

Natürlich haben wir auch viele gute Momente miteinander. Aber mir ist es auch wichtig, dass er Dinge ohne mich erlebt. Dass er wachsen kann an dem, was ich ihm und letztlich auch er sich selbst zutraut. Dass er eigene Erlebnisse hat, die ihn prägen. Doch was ist, wenn ich diese Erlebnisse miterleben sollte, um zu sehen, was sie mit ihm machen, um ihn besser verstehen zu können? Vielleicht reicht für ein Kind, das noch nicht einmal 10 Jahre alt ist, auch aus, dass er regelmäßig Erlebnisse ohne die Mutter hat, wenn es seinen Vater besucht.

Ich merke, dass ich davon wegkommen muss, zu überlegen, wie ich in dem Alter drauf war, was ich in dem Alter für Bedürfnisse hatte. Es ist egal, wie ich mit fast 10 Jahren war, denn der midi-monsieur ist der midi-monsieur. Und ganz vielleicht sind wir uns doch ganz ähnlich, nur, dass ich mit fast 10 Jahren noch nicht einmal ansatzweise so viel erlebt hatte wie er.

Es sind halt doch nicht** die Gene, die uns prägen.

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* Nein, es sind auch nicht Verhaltensweisen, Grundhaltungen, Herangehensweisen die der midi-monsieur vom Kv „übernommen“ hat und die mich deswegen so pieken. Ich glaube, er ist dem KV genauso „fremd“ wie er es mir ist.

** nicht nur? nicht vorrangig? überhaupt nicht?