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Tag: 21. April 2019

Prost, Papa!

Prost, Papa!

Die Sorgen waren schon groß in den letzten Wochen, seitdem mein Papa mit Lungenentzündung ins Krankenhaus gekommen war. Die Betonung liegt auf Kranken-Haus, denn nicht nur meine Mutter hat sich einen Infekt dort eingefangen, sondern mein Vater ist auch noch im Krankenhaus gestürzt – als eine Schwesternschülerin ihn begleitet hat – und auch sonst wurd überhaupt nicht wirklich darauf geachtet, welche pflegerischen Sonderleistungen mein Vater als Schlaganfallpatient benötigt. Hinzu kam, dass er durch den Infekt körperlich stark abgebaut hatte, sodass er Hilfsmittel benötigte, für die sich letztlich aber niemand zuständig fühlte. Abgesehen vom auskurierten Infekt kam er in einem deutlich desolaterem Zustand aus dem Krankenhaus als er eingewiesen wurde. Aber es heißt halt Kranken- und kein Gesundheitshaus. (Und ja, ich weiß, dass das Personal am wenigsten für die gruselige Versorgungslage kann.)

Nach den Telefonaten mit meiner Mutter, zusammen mit der Erinnerung an seinen Zustand im Februar drehte sich das Gedankenkarussell* immer wieder und wieder. Tränen flossen auch.

Meine Mutter war gestresst. Sie organisiert ALLES für meinen Vater. Und das wäre unter besten Umständen schon ziemlich viel. Aber auch unser Gesundheitssystem krankt und so muss sie sich mit unwilligen Ärztinnen rumschlagen, die nötige Therapien nicht verschreiben wollen – sei es aus Regressangst**, sei es, weil sie meinen, dass ein Mensch von 72 Jahren so eine umfangreiche Therapie nicht mehr braucht*** -, sie telefoniert deswegen und wegen tausend anderer Dinge mit der Krankenkasse, sie kümmert sich um Ersatz für die unwilligen Ärztinnen, macht Termin mit diversen Therapeutinnen und übernimmt ganz nebenbei auch komplett die Pflege meines Vaters. Das ist natürlich großes Glück für meinen Vater und wer weiß, wie all das liefe, wenn sie nicht mittlerweile verrentet wäre.

Sie ist so nah an meinem Vater wie sonst niemand anderes. Ihre Berichte über ihn beschönigen nichts (mehr), aber Drama war noch nie ihrs. Daher war nach den letztes Telefonaten mit ihr klar: Meinem Vater geht es sehr schlecht.

Entsprechend wichtig war es mir, ihn zu sehen. Entsprechend mulmig war mir aber auch.

Gedankenkarussell.

Heute dann fuhren der RB und ich hin. Und schon bei der Begrüßung war klar: Papa ist viel besser drauf als erwartet. Der Händedruck (ja, mein Vater möchte per Handschlag begrüßt werden – und wenn er nicht gerade hilflos rumliegt, ist alles andere auch völlig fehl am Platz) war kräftig wie noch nie seit dem Schlaganfall. Er war wach und fit und sah für seine Verhältnisse sehr gut aus. Er beteiligte sich so gut es die Aphasie zuließ an unseren Gesprächen. Er aß mit großen Appetit Grie Soß. Kurzum: Puh! Aufatmen.

Prost, Papa! Auf Dich, aufs Leben!

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* Manche davon kann ich (noch) nicht aussprechen.

** Was bei Schlaganfallpatientinnen Quatsch ist, da diese idR außer Budget laufen.

*** O-Ton: „Er ist ja keine 22 mehr und schon verrentet.“