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Tag: 7. November 2016

Ruhig gestellt?

Ruhig gestellt?

Vermutlich ist es nicht ungewöhnlich, dass sich das eigene Kind zu Hause und woanders so unterschiedlich präsentiert. Aber mit dem, was mir die Schule zum Sozialverhalten vom midi-monsieur spiegelt, habe ich das Gefühl, dass von zwei verschiedenen Personen die Rede ist. Und ich bin traurig und auch sehr wütend darüber.

Gerne würde ich hier mal den Wortlaut einiger Einträge über den midi-monsieur im Elternheft veröffentlichen. Es ist von „negativem Sozialverhalten“ die Rede; es wird „gedroht“, dass sich sein Verhalten in seinen Noten widerspiegeln würde; ihm werden „große Schwierigkeiten im emotional-sozialen Bereich“ und „fehlende Empathie“ attestiert. Und das mit einer Vehemenz und in einem Ton, der selbst mich schlucken lässt. Zumal ich mein Kind nicht so kenne. Ja, er ist auf den ersten Blick extrovertierter als andere, aber ich habe das nie negativ erlebt. Eigentlich weiß er für seine sieben Jahre ganz gut, wann er sich zurücknehmen „muss“. Er geht immer offen auf andere Menschen zu; nimmt Rücksicht auf andere – insbesondere Jüngere und Schwächere – und macht sich auch mal für sie stark. Und dieses Kind soll unempathisch sein?!

Ich kann verstehen, dass das Verhalten, das der midi-monsieur den Erzählungen nach (und er bestätigt es mir ja auch) im Unterricht an den Tag legt, im Klassenverbund stören kann. Ich erwarte keine Sonderbehandlung für mein Kind. Aber dennoch hat jedes Verhalten einen Ursprung und den kann man hinterfragen. Denn manchmal lässt es sich leicht lösen, wenn man es weiß und darauf eingeht.

Und ich frage mich allen Ernstes, welchen Zacken sich eine Lehrkraft aus der Krone bricht, wenn sie einem Kind, das klar und deutlich sagt, dass es sich im Unterricht langweile, Extraaufgaben gibt? Ist es wirklich verwunderlich, dass ein Kind auffällig wird, wenn es trotz Melden nicht drangenommen wird, weil die Lehrkraft ja wisse, dass das Kind den Stoff könne. Und ich kann mein Kind verstehen, dass er sich irgendwie sein Stück Aufmerksamkeit erzwingen haben möchte – und wenn er es nicht mit Wissen darf, dann macht er halt Quatsch: „Weißt Du, Mama, wenn ich so richtig schwere Aufgaben hätte, bei denen ich mich wirklich konzentrieren muss, dann hätte ich gar keinen Platz mehr im Kopf für Quatsch.“ Deutlicher kann man das nicht ausdrücken.

Aber weil ich weiß, dass man nie die anderen, sondern nur sich selbst ändern kann, kann ich nur das mit dem Kind angehen. (Und Gespräche führen und Gespräche führen und Gespräche führen.) Also versuche ich noch dichter an meinem Kind dran zu sein: So gut wie täglich spreche ich – mittlerweile mantraartig – mit ihm darüber, dass er sich im Unterricht bitte zurückhalten solle, dass es ihm egal sein solle, ob er drangenommen wird oder nicht.

Es scheint zu wirken, denn die Nachmittage, an denen er beim Nach-Hause-Kommen sagt, dass es ein guter Tag gewesen sei, werden mehr und mehr zum Regelfall. Auch er merkt, dass es ihm in der Schule besser geht, wenn er nicht in einer Tour aneckt und auffällt. Er ist entspannter.

Und doch habe ich ein schlechtes Gefühl dabei. Ich habe das Gefühl, dass mein Kind ruhig gestellt wird, um das Bedürfnis der Lehrkraft nach stressfreiem Unterricht zu befriedigen. Dass seine Bedürfnisse und Wünsche dadurch erst recht nicht erfüllt werden, weil durch die Ruhe, die nun besteht, keine Notwendigkeit mehr gesehen wird, auf ihn einzugehen.

Ich bleibe dran und beobachte und führe Gespräche.