Resümee 2022 (1)
Das Jahresende ist in Sicht. Zeit, Bilanz zu ziehen. Den üblichen Fragenbogen wird es auch geben, aber ich weiß noch nicht, ob ich Zeit und Muße für meine Lichtblicke habe. Aber selbst wenn, würden Fragebogen und Lichtblicke nicht reichen, um das Jahr gebührend Revue passieren zu lassen. Daher werde ich sukzessive über die wichtigsten Ereignisse/Entwicklungen des Jahres resümieren. Diese waren: Trennung und was daraus entstanden ist, BurnOut, Umzug, Jobwechsel, COVID-19-Erkrankung. Den Anfang macht der BurnOut:
Das mir der bisherige Job nicht guttut, habe ich schon ab Herbst 2021 gemerkt. Aber da ich im Job bestens funktioniert habe, kam ich gar nicht auf die Idee, einen BurnOut zu haben. Ja, ich war überarbeitet. Ich habe im vergangenen Jahr viel gearbeitet. Zu viel gearbeitet. Ich habe Dinge lieber selbst und allein gemacht, als dass sie anders oder gar falsch gemacht werden. Schließlich hatte ich bei einigen Kundinnen keinen Ersatz und gerade im Herbst war für ein Projekt großer Höhepunkt. Ich habe auch viel verdient. Schließlich habe ich auch noch freiberuflich gearbeitet.
Die Symptome waren eigentlich überdeutlich: migräneartige Kopfschmerzen, die mich regelmäßig zu Pausen zwangen (naja, genau genommen zum Hinlegen von jetzt auf gleich), Arbeit am Wochenende, keine Ruhe für Weggehen, kein Sport mehr, ich habe mich nicht mehr um mich selbst gekümmert. ich habe mich über kleinste Kleinigkeiten geärgert, ich war dünnhäutig und gleichzeitig unnahbar.
Wie schlecht es mir wirklich ging, habe ich erst Ende 2021 gemerkt, als ich drei Wochen Urlaub hatte. Mit jedem Tag Richtung Urlaubsende kam ein Art Panik in mir auf. Panik vor der Arbeit, Panik vor dem Funktionieren-Müssen. Ich wollte nicht wieder arbeiten. Nicht wieder DA arbeiten, wo ich war. Und als ich noch im Urlaub drei interessante Jobanzeigen sah, bewarb ich mich. Bloß weg aus dem Agentur-Hamsterrad. Mit den verschickten Bewerbungen fiel mir die Rückkehr in den Job noch schwerer. Mir war von jetzt auf gleich klar: Ich muss was anderes machen. Ich wurde auch promt krank. Zack, 1,5 Wochen AU.
Nachdem ich krank war, kam die Trennung. Weitere 2 Wochen AU. In der Zeit bekam ich die Zusage für den neuen Job.
Und als ich dachte, dass die Trennung halbwegs überwunden war, versuchte ich wieder zu arbeiten. Naja, wenigstens kündigte ich. Dann bekam ich eine echte Panikattacke beim Gedanken daran, an einem Vor-Ort-Termin teilnehmen zu müssen. Dann heulte ich drei Tage am Stück und es war klar: Die Trennung tat zwar weh, aber das größte Problem ist die Arbeit. Genau genommen musste ich mir eingestehen, dass ich nicht mehr konnte. Dass ich einen BurnOut habe.
Meine Ärztin war sehr verständnisvoll, schrieb mich krank und verordnete mir therapeutisches Wandern. Sieben Wochen lang war ich fast jeden Tag draußen unterwegs. Meinstens zu Fuß, gelegentlich mit dem Rad. In der Regel mit mir allein, manchmal mit Begleitung. Das war nicht immer einfach. Es ging natürlich nicht nur um den BurnOut. Die Gedanken kamen, wie sie wollten. Sie waren schmerzhaft und erkenntnisreich. Ich habe sämtliche Schmerzpunkte von mir gefunden. Es gab einige Wanderungen, die ich gehasst habe. Ich wollte nicht dauernd über mich nachdenken. Aber es war klar, dass ich das durchstehen musste. Dass ich mich aushalten muss. Ich habe dabei verdammt viel über mich gelernt und viele meiner Ansichten und Verhaltensweisen genau geprüft.
Doch ich war nicht nur wandern:
- Am entscheidensten war, meine innere Preußin zu begraben. Das ging, während ich AU bzw. freigestellt war und bis ich den neuen Job anfing, natürlich sehr einfach. Die Feuerprobe kam, als ich in den neuen Job startete. Nach einem halben Jahr kann ich sagen: Das klappt ganz gut. Manchmal muckt die Preußin, aber so richtig auferstanden ist sie bislang nicht.
- Genauso entscheidend war, den Verantwortungsschwamm abzulegen. Dabei muss ich weiterhin sehr aufpassen, dass ich Verantwortung nicht mit Hilfsbereitschaft kaschiere und dass ich immer wieder überprüfe, ob die angenommene Verantwortung auch wirklich meine originäre Verantwortung ist.
- Mir hat es auch sehr geholfen, meinen BurnOut zu visualisieren. Das habe ich mit einer MindMap geschafft. Schon im Februar habe ich mir damit dargestellt, welche Faktoren und Erlebnisse irgendeinen Anteil am BurnOut hatten. Und das waren einige. Im Mai habe ich eine erste Überprüfung gemacht und vor ein paar Tagen eine weitere. Ja, es haben sich alle Bereich drundlegend verändert oder zumindest gebessert.
- Ich habe Freundinnen und Bekannte gebeten, mir anonym mitzuteilen, wie sie mich wahrnehmen. Dieser Abgleich mit Selbst- und Fremdwahrnehmung war auch sehr hilfreich. Bin ich so, wie ich wahrgenommen werde? Will ich so wahrgenommen werden, wie ich gesehen werde? Warum werde ich wahrgenommen, wie ich wahrgenommen werde?
- Durch Zufall bekam ich ein Coaching auf Basis von Human Design. Da schwingt natürlich sehr viel Semiwissenschaftliches und einiges Esoterisches rein. Dennoch fühlte ich mich an sehr vielen Stellen sehr erkannt. Und bestätigt. Das wirkt bis heute noch beruhigend und versöhnlich.
- Ich habe offen über den BurnOut gesprochen.
- Wichtig war auch, zwischenmenschliche Beziehungen zu prüfen: Was sparkt keinen joy (mehr)? Was tut mir nicht gut? Ich habe Kontakte minimiert oder ganz abgebrochen.
- Ich formuliere meine Grenzen und Bedürfnisse (noch) deutlicher.
- Achja, ein Buch zum Thema BurnOut habe ich auch gelesen. Aber da ging es mir schon auf dem Weg der Besserung. Wenigstens bestätigte mir das Buch, dass das, was ich intuitiv gegen den BurnOut mach(t)e, ganz richtig war.
Ich spüre, dass ich dünnhäutiger geworden bin. Nein, ich bin sensibler geworden. Ich nehme Stimmungen sehr stark wahr und kann emotionalen Stress nur (noch) schlecht aushalten. Auch weil er sich in der Regel körperlich bemerkbar macht. Und ja, es gibt Momente, in denen ich mir mein altes Ich zurückwünsche. Wohlwissend, dass ich das nicht mehr sein kann und will. Der BurnOut hat mich verändert. Und der Weg aus dem BurnOut noch mehr. Ich mag das Ich, das daraus entstanden ist.