Emo-Arbeit

Emo-Arbeit

Uff, uff, uff. Diese emotionale Arbeit, die die queere Beziehung mit dem Ex mit sich bringt, ist manchmal verdammt anstrengend. Seit gut einem dreiviertel Jahr arbeiten wir an unserem Miteinander. Versuchen wir uns darin zu finden, was es für jede*n und für uns zusammen bedeutet, nicht-monogam leben zu wollen. Wir lernen viel voneinander … über einander … gewinnen Erkenntnisse über uns selbst. Das ist gut. Aber auch extrem fordernd.

Während der Ex aktiv sein Beziehungsnetzwerk aufbaut, merke ich, dass es mir extrem viel Ruhe gibt, mich als nicht-monogam zu definieren/ bekennen/ outen. Ich aber nicht das Bedürfnis habe, das gerade aktiv auszuleben. Ich habe ja schon immer damit kokettiert, nicht romantisch zu sein. Aber es ist so: Ich habe noch nie an die romantische Liebe mit all dem Bramborium, der uns in Filmen präsentiert und von der Gesellschaft suggeriert wird, geglaubt. Ich mag es, mich mit Menschen verbunden zu fühlen – für einander da zu sein. Aber ich brauche dafür keine Ehe und auch keine Exklusivität.

Der Ex ist derzeit der einzige Mann, den ich date. Das müsste nicht so sein, wenn ich wollte, aber ich will es gerade so. Ich bin emotional von diesem Jahr sehr gefordert – Burnout, Jobwechsel, Umzug, dies und das, was sich daraus ergab und ergibt, sowie das pubertierende Kind lassen gerade keine Kappas für andere Männer. Außerdem war es mir bislang zum einen wichtiger, die Beziehung zum Ex gut zu transformieren und auf einen stabilen Weg zu bringen, und zum anderen bin ich im neuen Beruf noch nicht vollständig angekommen. Da sind zu viele „Baustellen“, die erstmal fertig werden müssen, bevor ich Neues anzettel.

Wir führen so viele intensive und erhellende Gespräche wie nie in vier Jahren Beziehung. Es geht – und anders können nicht-monogame Beziehungsnetzwerke nicht funktionieren – viel um Offenheit, Ehrlichkeit und Transparanz. Das wiederum erfordert viel Akzeptanz, Besonnenheit, Hinterfragen der eigenen Bedürfnisse, Reflexion und Bereitschaft Fehler einzugestehen. Unweigerlich kommen wir immer wieder bei Schuz von Thun an. Es ist so immens wichtig, miteinander zu lernen, welche Aussage auf welcher Ebene erfolgt und gehört wird. Unsere heteronormative Pärchen-Vorgeschichte grätscht hier immer mal wieder, aber zum Glück immer weniger rein. Es ist ein Prozess. Es geht stetig aufwärts – mit kleineren Stolperern nach unten. Jeder vermeintliche Rückschritt bringt uns bislang weiter und macht unsere Beziehung vertrauensvoller.

Ich mag nicht nur, was all das mit unserer Beziehung macht, sondern auch, dass es mich zur Reflexion zwingt. Warum reagiere ich, wie ich reagiere? Was machen bestimmte Aussagen mit mir? Warum kickt manchmal ein einziges Wort rein? Ich arbeite daran, doch gelegentlich falle ich in alte Muster zurück. Aus Angst, angreifbar zu sein. Aus Angst vor mir und meinen Emotionen. Aus Angst, verletzt zu werden. Aus Angst, dass meine Grenzen nicht gesehen und/oder nicht gewahrt werden. Dann bin ich impulsiv, laut, derb, ungerecht, spitzfindig, ungeduldig mit mir und anderen. Ich (und auch andere) sehe, wie und dass ich mich verändert habe in den letzten Monaten. Ich habe meine Offenheit zurückgewonnen. Meine innere Preußin hat einen sehr begrenzten Aktionsradius. Ich bin weicher, gnädiger und verletzlicher geworden. In vielen Momenten. Und in den meisten davon kann ich damit auch umgehen.

Und zwei Dinge sind sicher: Ich mag mein neues Ich und möchte auch nicht wieder in eine normative Paarbeziehung zurück.

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