Menschen, keine Tweetvorlagen

Menschen, keine Tweetvorlagen

Liebe Ärztinnen,

Euer Job ist oftmals stressig. Ihr habt zu wenig Zeit für Eure Patientinnen. Gleichzeitig ist die Medizin so komplex wie nie. Gefühlt täglich kommt eine neue Therapie auf den Markt, die vielleicht der Patientin, die gestern erst da war, bestens helfen könnten. Aber es stehen auch so viele Diagnostikverfahren wie nie zur Verfügung. Eine Diagnose kann einfach und präzise gestellt werden (und bleibt natürlich höchst komplex).

Ich verstehe, dass Ihr die einzlenen Patientinnenfälle nicht zu nah an Euch ranlässt / ranlassen solltet. ABER dennoch habt Ihr es mit Menschen zu tun. Menschen, die Euch ihr höchstes Gut – nämlich ihr Leben, ihre Gesundheit – anvertrauen. Wenn eine Patientin zu Euch kommt, dann hat sie ein Problem – ein wie auch immer geartetes medizinisches Problem. Und ich behaupte mal: in den allermeisten Fällen wirklich ein organisches.

Dank meines Jobs habe ich ein bisschen Einblick in Eure Welt. So als Nicht-Medizinerin. Verschiedenste Fachrichtungen durfte ich bereits kennenlernen. Und dank dieses Jobs weiß ich auch, wo ich valide Informationen finde. Das weiß aber nicht jede und so sind die meisten Patientinnen Eurem Wissen und Willen vollständig ausgeliefert. Dass sich das nicht ganz so toll anfühlt, könnt Ihr Euch vielleicht vorstellen, wenn Ihr Euch einmal bemüht, Euch in die Situation Eurer Patientinnen reinzufühlen. Perspektivenwechsel nennt eine das.

Ich weiß, dass Ihr nur selten fürs Reden bzw. eine umfassende Anamnese bezahlt werdet. Dass Ihr vermutlich hoffentlich gerne mehr Zeit für jede einzelne Patientin hättet. (Das ist übrigens der einzige Aspekt, der für mich die Zusatzausbildung zur Horrormöopathin „rechtfertigt“.) Ihr müsst in einer sehr knapp bemessenen Zeit herausfinden, was der Mensch vor Euch hat, was ihr helfen könnte und im besten Fall auch noch alles erkläre. Schwierig. Aber ich glaube, in den meisten Fällen nicht unmöglich. Wenn, ja wenn Ihr Euren Patientinnen auf Augenhöhe begegnet. Medizin ist in den seltensten Fällen der große Ruhm, sondern in der Regel einfach ein Dienst an Euren Mitmenschen. (War wirklich allen praktizierenden Medizinerinnen von Anfang an klar, dass sie mit Menschen zu tun haben?)

Und dann stolpere ich auf Twitter (bestimmt gibt es das auch anderswo) über Tweets von Medizinerinnen, in denen sie launig Begebenheiten aus ihrem Alltag preisgeben. In denen Patientinnen vorgeführt werden – sei es das Aussehen, der Bildungsstand, die „dummen“ Fragen, die vermeintliche Unnötigkeit des Termins oder die mitgebrachte Diagnose von Dr. Google.

Und ich frage mich ernsthaft, was das soll? Ihr wisst schon, dass Ihr damit Eurer Zunft einen Bärendienst erweist. Dass so was das Vertrauen in Euch, Eure Arbeit und auch Eure Schweigepflicht nachhaltig kaputt macht.

Und mal ehrlich: Nach unten treten bzw. sich über Schwächere lustig machen, geht halt überhaupt nicht. Der Grad zu fahrlässig und verantwortungslos ist da sehr, sehr schmal.

Und diesen Absatz lasst jetzt bitte mal wirken, bevor ihr aufschreit, dass Patientinnen ja auch tweeten. Über Euch. Darüber, wenn Ihr mal wieder Euren Job schlecht gemacht habt. Ja, es fühlt sich nicht gut an, wenn einer gesagt wird, dass sie ihren Job nicht gut macht. Aber das Ärztinsein habt Ihr Euch selbst ausgesucht. Als Job. Patientin ist nunmal keiner.

Meine persönliche Erlebnisbandbreite mit Euch lässt sich übrigens mit folgenden Begebenheiten umreißen:

„Ich verschreibe Ihnen XYZ. Ich brauche Ihnen ja nicht erklären, wie das wirkt. Das wissen Sie als Biochemikerin ja besser.“

Wiederholte Sinusitis bei mir.
„Jetzt stellen Sie sich nicht an. Ich kann Sie nicht schon wieder krankschreiben. Sie sollten überlegen, ob das wirklich organisch ist.“
Ich insistiere auf HNO-Überweisung. Zack, chronische Sinusitis und 6 Monate Kortisonspray. Beschwerden seitdem weg.

„Haben Sie noch Fragen zu ABC?“
„Nein, ich habe die Fachinfo dazu gelesen.“
„Oh, dann wissen Sie ja mehr als ich.“

So wirklich vertrauensfördernd ist/war keine dieser Situationen. Aber mich ficht das auch nicht so an. Und ich gehöre sicherlich auch zu den Patientinnen, die vorrangig zwecks Vorsorge, Impfung oder halt – wenn nötig – Krankschreibung zur Ärztin geht. Noch kann ich mir das erlauben, denn bislang waren meine Erkrankungen harmlos und weit entfernt von lebensbedrohlich.

Aber ich kenne auch genug, die im Umgang mit Ärztinnen nicht so entspannt und souverän sind. Ich finde auch nicht, dass eine souverän sein muss, wenn sie sich krank zur Ärztin schleppt. Das ist die Aufgabe der Ärztin – souverän, nicht Souverän(in). Und es macht mich einfach wütend, wenn ich merke, dass meine Mutter sich nur ganz zögerlich traut, die Ärztinnen meines Vaters Dinge zu fragen, die ich ihr „einflüstere“. Dass sie die Therapieentscheidungen nicht in Frage stellen will, weil sie Angst hat, dass meinem Vater dann anderers vorenthalten wird (schon erlebt). Die sich nicht traut, ihre dringend erforderliche Schmerztherapie anzufangen, weil es keine Ärztin schafft, ihr die Ängste vor den Medikamenten zu nehmen.

Natürlich weiß ich, dass auch hier gilt #NotAllDoctors und ich habe auch schon viele tolle Medizinerinnen kennenlernen dürfen, die die Patientinnen als das wahrnehmen, was sie sind: Menschen mit einem medizinischen Problem.

Menschen, keine Tweetvorlagen.

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