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Tag: 2. September 2019

Skinheads sind keine Nazis

Skinheads sind keine Nazis

Letztens waren wir auf einem Konzert. Wir, also der RB, das Kind und ich. The Movement machen sogenannten Hard Mod, also recht klassische Skinhead-Musik. Vor Ort trafen wir einen Bekannten, der den RB und dessen politische Haltung schon länger kennt. Kurz darauf traf ich ihn wieder und er fragte mich: „Geht Dein Sohn so wie bei Konzert auch in die Schule?“ So – damit meinte er Docs, Polohemd und Braces*. Dazu hatte das Kind auch ganz frisch auf 3mm gekürzte Haare. Er trug zwar eine kurze Hose dazu, aber sonst sah er aus wie Shaun aus This is England (amazon-PartnerLink). „Naja“, meinte ich, „in der Grundschule nicht. Da war ihm schon klar, dass er damit aneckt**. Mal sehen, wie es auf der weiterführenden aussieht.“ „Ich bin ja schon kurz zusammengezuckt“, meinte der Bekannte. „Ich weiß es ja eigentlich besser, aber diese Assoziation ‚Skinheads sind Nazis‘ ist echt stark.“

Ja, danke auch, liebe Medien, euretwegen wird kaum eine Subkultur so in eine äußerliche Sippenhaft genommen wie die Skinheads.

Doch Nazis gibt es überall. Nazis „verstecken“ sich in jeder Subkultur und am allermeisten sehen sie aus wie die nette Nachbarin und der hilfsbereite Kollege aus. (Wenn wir bedenken, dass durchschnittlich 12-15 Prozent die AfD wählen, dann müssten verdammt viele kahlköpfige Menschen durch Deutschland rennen. Und ja, die AfD sind Nazis!)

Die politische Gesinnung eines Menschen erkennt eine nicht dessen Aussehen.

Dass Skinheads – vor allem in Deutschland – mit Nazis verwechselt werden, hat mit der Entstehungsgeschichte der Skinhead-Subkultur in Deutschland zu tun.

Summer of ’69, Skinheads und Ska
Aber fangen wir vorne an: Der „Summer of ’69“ – also vor 50 Jahren – gilt als Beginn der Skinhead-Bewegung. In England. Wobei Beginn nicht bedeutet, dass die Skins damals auf einmal wie Pilze aus dem Boden schossen. Sie entwickelten sich aus den Jugendlichen der Nachkriegs-Arbeiterklasse. Die Hard-Mods gelten als direkte Skinheadvorgänger. Sie trugen bevorzugt Jeans und Stiefel und zunehmend kurze Haare. Wegen ihnen gilt Ska auch als die Musik der Skinheads gilt.
Ska war damals noch unbekannt und entsprechend unkommerziell. Das gefiel und passte natürlich auch zur Grundhaltung. Den Ska hatten die sogennanten Rude Boys, Einwanderer aus Kingston, Jamaika und Westindien, nach England mitgebracht. Die Rude Boys pflegten ihrerseites einen etwas schickeren Kleidungsstil, der sich mit dem der Hard-Mods mischte. Den Kleidungsstil der Hard-Mods wiederum kopierten ab Mitte der 1960er Jahre die Hooligans (ja, genau, Fußballfans, denen die dritte Halbzeit mindestens so wichtig war, wie das Spiel selbst). Und aus allen drei Subgruppen entwickelten sich dann die Skinheads – wie sie seit 50 Jahren genannt werden.

Skinhead-Mode
Die Skinheads kamen aus der Arbeiterklasse und es war ihnen wichtig, das zu zeigen und sich auch von den Hippies, die sich ebenfalls gerade entwickelten, abzugrenzen. Auch deswegen wählten sie einen eher derben Look aus Jeans, Stiefeln und kurz (nicht kahl) geschorenen Haaren. Dazu jedoch Hemden, Jeans- oder Harringtonjacken. Fred-Perry-Polos waren auch immer dabei. Die Skin-Girls trugen nicht selten Kostüme und oft einen Feather-Cut. Den Skinheads ging es dabei um eine Würdigung ihres Milieus. Militärische Uniformstücke waren verpönt. Lediglich die Bomberjacke wurde ab Ende der 1970er fester Bestandteil der Skinhead-Uniform. Die vermeintlichen Springerstiefel waren Arbeiter- oder DocMartens-Stiefel. Sicherlich von der Hooligan-Seite her kam die Sportmarke Lonsdale zu den Skins.

Farbige Schürsenkel gab es schon „immer“ in der Szene: Aus rein modischen Gründen oder auch, um die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Fußballverein, einer Gang darzustellen. Aber sicherlich NICHT aus politischen Gründen.

Politische Gesinnung
Dazu muss eine auch bedenken: Anfangs waren die Skins ziemlich unpolitisch und rassistisch schon mal gar nicht. Wie auch?! Viele Ska-Musikerinnen waren farbig. Möglicherweise stammt auch daher das Ska-typische Black&White-Muster: eine Banderole aus 3-4 Reihen Schachbrett-Muster.

Kein Skin kann Rassist sein, weil er sonst seine schwarzen Wurzeln verleugnet.

Roddy Moreno

Allerdings waren die Skinheads damals keine lieben Jungs, die nur friedlich Musik hörten. Sie haben sich durchaus einen etwas härteren Ruf erarbeitet – sei es als Hooligans, in Bandenkämpfen oder welchen Auseinandersetzungen auch immer***.

Skin-Punks
In den 1970ern entstand der Punk, der tatsächlich zu einer ziemlichen Modeerscheinung aufstieg. Aus der vermeintlichen Jugendbewegung entwickelten sich bald die Edel-Punks, von denen sich die Street-Punks abgrenzen wollten – sowohl optisch als auch musikalisch. Der Iro wurde abrasiert und der Oi-Punk aus der Taufe gehoben. Dieser neue Musikstil war (bzw. ist) deutlich mehr vom Rock geprägt und auch viel härter als Ska. Auch wenn sich die Skin-Punks insgesamt etwas derber kleideten als die Skinheads, ließ es sich kaum vermeiden, dass sie in einen Topf geworfen wurden. Zudem gab es durchaus auch eine Vermischung der beiden Subkulturen.

Als Ende der 1970er in England die Arbeitslosigkeit ziemlich hoch war, fruchtete Propaganda gegen Ausländer besonders gut. (Das Spiel war und ist nicht neu und wird wohl bis zum Ende der Menschheit funktionieren. Das zum Thema „der Mensch lernt aus der Geschichte“.) Gerade Teile der Skin-Punks waren empfänglich für diese rassistischen Botschaften, mit denen National Front und British Movement Stimmung machten und Anhänger fanden. Und für die Oi-Bands wuchs die Notwendigkeit, sich politisch zu positionieren: Von vielen gingen eindeutige antifaschistische und antirassistische Botschaften aus. Was allerdings einen Teil ihrer – mittlerweile – rassistischen Fans nicht davon abhielt, an „ihren“ Bands festzuhalten. Auf Konzerten kam es so immer wieder zu Ausschreitungen zwischen rechten und linken Konzertbesuchern, die teilweise sehr massiv waren und in den Medien – trotz kleiner Subgruppe – Erwähnung fanden. Die Gleichung, die sich aus den Berichten ergab, war einfach: Skinheads sind Rassisten. In diesem Fahrwasser entstanden Anfang der 1980er auch Blood&Honor und Combat18.

Skinheads in Deutschland
Ende der 1970er Jahre kamen zunächst der und die Punk(s) nach Deutschland. In den frühen 1980er folgten dann die Oi-Skins inklusive Musik. Es ließ sich nicht vermeiden, dass auch kurz drauf die rassistische Skinheadbewegung über den Ärmelkanal schwappte. Ein ideales Biotop für Bands wie Böhse Onkelz, Endstufe, Kraft durch Froide. Sie nahmen den Oi-Trend musikalischen auf und waren schnell in der Hooligan-Szene beliebt. Wie schon in England hatten es rechte Parteien auch in Deutschland recht leicht, gerade in dieser Subkultur Anhänger zu finden.

Die Ska-Skinheads waren zu diesem Zeitpunkt eine Randerscheiung in Deutschland.

Der Non-Spirit of ’89
Mit der Wende bekam die Boneheadbewegung**** noch einmal deutlichen Zulauf und dank Hoyerswerda (1991), Rostock-Lichtenhagen (1992), Mölln (1992) und Solingen (1993) waren sie omnipräsent in allen Medien.

DWDS-Wortverlaufskurve für „Skinhead“,
erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache,
abgerufen am 22.7.2019

Natürlich war in dieser Zeit die Rechnung „glatzköpfige Person = Nazi“ nicht falsch.

DWDS-Wortverlaufskurve für „Skinhead · Nazi · Neonazi“,
erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache,
abgerufen am 22.7.2019.

Aber die Rechnung war auch nicht ganz richtig. Wie viele Red- oder Oi-Skins haben in der Zeit schon aktiv dagegen gekämpft – immerhin waren sie zuerst da und die Boneheads haben sich vieles nur abgeguckt. Bezeichnend ist auch, dass sich bereits 1989 die erste S.H.A.R.P.-Gruppe in Berlin gründete.

À propos abgucken: Die Boneheads trugen anfangs aus Ermangelung an Alternativen und Gehirnzellen halt auch alles, was die Skinheads trugen. So ganz verbrieft ist es zwar nicht, dass Fred Perry tatsächlich jüdischer Abstammung war, aber allein die Option scheint Grund genug zu sein, dass die Nazis mittlerweile lieber ihrer eigenen Marken haben. Und auch Lonsdale ist so eine okkupierte Marke: Weil die britischen Skinheads damit rumliefen, wurde der Look erstmal von den Bonehads kopiert. Irgendwann kamen sie dann wohl auf den Trichter mit der halbgeöffneten Jacke und dass dann da NSDA steht. Das war niemals das Ansinnen der Marke und das Unternehmen positioniert sich schon seit Längerem eindeutig antirassistisch/ -faschistisch. Mehr dazu kann bei Lonsdale selbst nachgelesen werden.

Im Gegensatz zu den Skinheads rasierten sich Boneheads in der Regel nass und waren damit kahl. Aus der Riege der Alt-Nazis hieß es deswegen nicht selten, dass sie aussehen würden wie KZ-Häftlinge. Das war sicherlich auch ein Grund, warum sich der Look der (Neo-)Nazis immer mehr mäßigte. Natürlich gibt es auch heute noch Boneheads, aber das ist sicherlich nicht die Mehrheit. Guckt Euch die Bilder von aktuellen Nazi-Demos an: Die meisten sehen aus wie der nette Nachbar oder die freundliche Kollegin.

Und doch haben es die deutschen Boneheads und rechten Skin-Punks aus England geschafft, dass bei keiner anderen eigentlich musikalischen geprägten Subkultur die Assoziationsfalle so schnell zuschnappt. Es steckt in vielen Köpfen sehrsehr tief drin: Ein Mann mit Glatze ist ein Skinhead ist ein Nazi. Kommen dann noch weitere äußerliche Attribute wie DocMartens / Springerstiefel*****, Jeans, Polohemd, Hosenträger und (viele) Tattoos dazu, kommt die Person so schnell nicht mehr aus der Klischee-Schublade raus. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Mensch NICHT rechts ist, ist heutzutage sehr groß. Musikalische sind sie „traditionell“ im Ska oder (linken) Oi-Punk zu Hause. (Gerne nehmen der RB und ich Euch mit auf ein Konzert, zu denen ich auch ohne Bedenken das Kind mitnehme.)

Die Nazis haben mittlerweile andere Symbole und Marken. Oft versteckter und eine muss und sollte sie kennen. Eine Übersicht findet ihr hier oder da.

So. Und nun habe ich fertig. Wer bis hier gelesen hat, bekommt noch was auf die Ohren:

Ach, und hier noch ein paar Links, für alle, die noch mehr lesen wollen:

Geschichte der Skinheads

– die Magisterarbeit eines schwulen Skinheads

Belltower

– Mut gegen Rechts

www.rash-darmstadt.de/index2.php?Geschichte

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* Hosenträger

** Im Sinne von einfach anders aussehen

*** Hier will und darf ich nicht das Pakistani-Klatschen verschweigen. Das hatte sicherlich (alltags-)rassistische Momente, aber fällt sicherlich nicht unter den systematischen Rassismus / Faschismus der späteren Boneheads.

**** Zur Abgrenzung von der ursprünglichen Skinhead-Bewegung und bezugnehmen auf die bei Nazis beliebte polierte Glatze, wurden und werden Nazi-Skins „Boneheads“ genannt.

***** Als ob jede direkt hohe Docs von Springerstiefeln unterscheiden könnte.