Geschafft
Vorab: In Hessen müssen – nach meinem derezeitigen Stand – alle Schüler*innen einer IGS in Klasse 9 die zentrale Hauptschulprüfung mitmachen. Unabhängig davon, mit welcher Schulempfehlung sie gestartet sind bzw. ob sie nach Klasse 9 weitermachen wollen.
Ich habe nie daran gezweifelt, dass das Kind die Schule kognitiv packt. Die Empfehlung fürs Gymnasium gab es ja nicht grundlos. Allerdings habe ich zeitweise sehr daran gezweifelt, dass ihm klar ist, wie wichtig wenigstens dieser Abschluss ist. Auch habe ich gezweifelt, ob er dieses Schulsystem, seine Schule(n), einige seiner Lehrkräfte so weit ertragen kann, dass er die Schule weiter durchzieht. Ich bin mir nach wie vor sicher: Wenn der Kerl nicht für sein Leben gern lernen würde, wäre er gar nicht mehr in die Schule gegangen. Dass er zudem an der zweiten IGS direkt Freunde fand, war ein positiver Verstärker. Dennoch ist sein Schulfrusthass sehr ausgeprägt. Und so sehr es mir weh tut, so sehr kann ich ihn verstehen. Was hat er nicht alles über sich ergehen lassen müssen in den vergangenen 9 Jahren. Da waren für ihn nur wenige Lichtblicke dabei. Ich habe unendlich viele Gespräche mit den Lehrkräften, Schulleitungen und ja auch mit dem Schulamt geführt. Therapie, Tests, fadenscheinige Förderungen… ich hätte ihm so gewwünscht, dass er einfach so durch die Schule flutscht.
Und TROTZ ALLDEM hat er einen ersten wichtigen Schulabschluss geschafft: einen mehr als guten quaifizierenden Hauptschulabschluss. Das ist in Anbetracht von allem so viel krasser als mein popeliges Abitur.
Vor einem Jahr war ich nicht sicher, ob ich ihn davon überzeugt bekomme, wenigstens den Hauptschulabschluss zu machen. Die Noten waren zwar immer noch ok, aber definitiv auf dem Weg nach unten. Und Bock hatte er schon mal gar nicht. Zum Glück hat es irgendwann im vergangenen Schuljahr Klick gemacht – und das, obwohl es mit einer Lehrkraft nochmal kräftig eskalierte.
Ein Schlüsselmoment war wohl sein Praktikumsplatz: Die erfahrenen Männer im Betrieb haben ihn ernst genommen. Haben gesehen, welche Ansprache er braucht (etwas was schon die Rugby-Trainer bestens drauf hatten). Nach den zwei Wochen hatte ich ein gefühlt völlig ausgewechseltes Kind vor mir: „Mama, ich häng mich jetzt in den Hauptschulabschluss, damit ich auch die 10 und den Realschulabschluss machen kann. Und danach mache ich eine Ausbildung als Elektriker.“ Ich war sprachlos und erleichtert. Ich freue mich so, dass er diese Perspektive hat.
Und auch wenn wir – jede*r auf ihre*seine Weise – am Ende jedes Schuljahres geschafft waren, schwang jedes Mal ein adrenalinsaures „aber es kommt noch …“ mit. Diesen Sommer ist es anders. Diesen Sommer macht sich serotoninschwere Erleichterung breit. Alles ist gut.
2 Gedanken zu „Geschafft“
Das ist großartig!
Wie schön! Und Elektriker werden immer gebraucht.