Ich will kein Emo sein …

Ich will kein Emo sein …

… und Hulk auch nicht.

So ziemlich genau vor einem Jahr war ich mir sicher, dass ich einen BurnOut habe. Doch nicht nur der BurnOut machte mir zu schaffen, es zeigte sich auch überdeutlich, dass ich mitten in der Perimenopause stecke. Und das beides zusammen war eine ziemlich Kack-Kombination. Der BurnOut ist überwunden. Vorerst. Ich weiß, dass ich auf mich aufpassen muss. Das mache ich derzeit ganz gut.

Geblieben ist allerdings die Perimenopause. Und sie wird mich wohl noch eine Weile begleiten. Ich hoffe, dass ich an dieser Stelle nichts von meiner Mutter geerbt habe. Sie erzählte nämlich, dass ihre Menopause erst mit 65 Jahren war und das auch nur weil medikamentös nachgeholfen wurde. Die Vorstellung, diese gerade in diesem Körper ablaufende Scheiße noch 20 Jahre ertragen zu müssen, ist nicht sonderlich erquicklich. Dass ich genauso lange noch verhüten muss, klingt auch nicht erstrebenswert. Wobei eine Spätschwangerschaft jetzt oder später ein absoluter Horror wäre.

Exkurs: Perimenopause wird die Phase genannt, in der die Hormone bei potentiell menstruierenden erwachsenen Menschen sich wieder verändern. Meist so ab 40/45. Gewissermaßen eine zweite Pubertät, im Normalfall wird allerdings das Gehirn nicht so radikal umgebaut wie ca. 30 Jahre zuvor. Obwohl sich bei vielen die Haltung zu sich selbst und zum Leben im allgemeinen nochmal stark ändert. Menopause ist die Bezeichnung für die letzte Regelblutung ever. Exkurs Ende.

Möglicherweise ist es noch eine Nachwirkung von BurnOut, dass ich die Veränderungen durch die Perimenopause so intensiv wahrnehme. Obwohl ich die Hormonspirale habe (die langsam aber sicher getauscht werden muss*), spüre ich sehr genau meinen Zyklus, auch wenn ich keine Blutung hatte (seit ein paar Zyklen auch die wieder leicht**). Ich weiß, dass ich noch Glück habe, denn im Großen und Ganzen sind die meisten Symptome erträglich und/oder kommen nicht in jedem Zyklus so vor:

  • Mein Zyklus hat sich verkürzt. Durchschnittlich 21-23 Tage von vormals +/- 28 Tage. Das ist nervig, aber da ich ja nur leicht blute, nicht so dramatisch.
  • Ich spüre den Eisprung ziemlich stark. Manchmal habe ich das Gefühl, dass der Körper versucht ein Follikel zum Platzen zu bringen, aber es nicht geht (was auch nicht verwunderlich wäre, da ja nicht mehr alle Eizellen ausreifen, was wiederum zu einem Progesteron-Mangel führen kann). Zum Glück nur ein Tag.
  • Prämenstruelles Syndrom (PMS) aus der Hölle: Ab Eisprung geht es bergab. Entweder habe ich Laune und gerate in einen Hulk-Modus oder werde zum Emo-Zombie.
  • Ich habe einen Tag vor Einsetzen der Blutung eine total hohe Libido.
  • Brustschmerzen ab Eisprung langsam aber stetig steigernd.
  • Leichter Bartwuchs in Monaten mit wenig Östrogen (logisch, weil dann die Testosterone dominieren).

Am Schlimmsten sind die Launen, die durch zu wenig Progesteron ausgelöst werden. Während der Hulk-Modus meist nur zwei Tage direkt vor der Blutung stattfindet, beginnt der Emo-Zombie-Modus langsam steigernd bereits eine Woche zuvor. Und Emo-Zombie ist noch geschönt: Ich falle sukzessive in ein sehr tiefes Loch. Ich bin hoch emotional, ich fühle mich depressiv***. Ich habe innere Unruhe. Ich bin in einer absoluten Weltuntergangsstimmung.

Vor einem Jahr hatte ich das drei Zyklen lang. Sicherlich verstärkt von Trennung und BurnOut, aber das Gefühl, das mich da übermannt**** hat, war wirklich wirklich schlimm. Und ich war so froh, dass ich zeitnah einen Termin bei meiner Gynäkologin bekommen hatte. Und noch froher war ich, dass sie mein Problem nicht abtat, sondern meinen Wunsch nach einem Gestagen-Präparat nachvollziehen konnte und mir eines verschrieb*****. Alternativ bot sie mir ein Mönchspfeffer-Präparat an, aber ich wollte etwas, das umgehend wirkt. Und wenn mir Progesteron fehlt, dann muss das substituiert werden. Sie meinte, dass ich es eins, zwei Zyklen probieren sollte. Was ich tat (ein dritter war auch nicht möglich, weil ich außnahmseweise mal nicht ausmachen konnten, wann der dritte Zyklus einsetzte).

Aber wow, was war das für ein GameChanger. Die zwei Zyklen reichten völlig aus, um mich wieder auf Spur zu bringen: Ich spürte zwar weiterhin meinen Zyklus, aber ich wurde nicht mehr zum Emo-Zombie oder zum Hulk. Damit konnte ich die anderen Symptome besser ertragen. Und ja, es ist ein Ertragen.

Ende Dezember allerdings fiel ich wieder in ein totales Loch. Ich war froh, dass das Kind nicht da war und dass ich nicht arbeiten musste. Mir ging es wirklich schlecht. Es baute sich eine Woche lang auf und war dann zwei Tage vor Blutung wirklich unerträglich. Selbst der Blick in die Zyklus-App brachte nichts. Ich konnte zwar erkennen, dass es mir vor allem hormonell ausgelöst so schlecht ging, aber ich konnte nichts dagegen tun. Ich kam mit Logik und Vernunft nicht an mich ran.

Kaum setzte die Blutung ein, verstand ich mich selbst nicht mehr. Und mir war klar, dass ich das nicht noch einmal so erleben wollte. Zum Glück hatte ich noch Gestagen für zwei Zyklen. Und ich bestellte mir ein Mönchspfeffer-Präparat. Schon der erste Zyklus mit Gestagen war eine Offenbarung. Und auch der zweite war echt gut – so launenmäßig. Glücklicherweise habe ich rechtzeitig vor dem dritten Zyklus einen Termin bei meiner Gynäkologin. Ich schwanke noch, ob ich darauf vertraue, dass zwei Zyklen reichen, oder ob meine Angst vor einer erneuten depressiven Phase zu groß ist.

Es ist ein großes Problem, wenn menstruierende Menschen auf ihren Zyklus reduziert werden à la „Haste Deine Tage?“, wenn die in der Regel (höhö) weiblich gelesene Person nicht reagiert, wie Mann es sich vorstellt. DAS, liebe Menners, ist misogyner Mist.

Was nicht Mist ist, ist, sich bewusst zu sein, wie ein Menstruations-geprägter Hormonzyklus abläuft. Beobachetet ihr, dass sich „die Frau an eurer Seite“ eine euch nahestehende „Frau“ regelmäßig emotional stark verändert? Dann ist es nicht verkehrt, das anzusprechen. Dabei kommt es auf den richtigen Zeitpunkt an: Wenn ihr darauf steht, dass euch der Kopf abgerissen wird, macht ihr es in der PMS-Phase. Schlauer wäre es, es am Zyklusanfang****** zu machen. Klärt dann miteinander, wie dem Hulk- oder Emo-Modus begegnet werden soll.

Ich kann nicht für alle menstruierende Menschen sprechen, aber Verständnis dafür das PMS wirklich belastend sein kann, dass da Prozesse im Körper ablaufen, die wir nicht steuern können und auch eine Basic-Idee von diesen Prozessen, begrüßen sicherlich die meisten.

Und alle, die jetzt schreiben wollen, dass sie nie Zyklusprobleme hatten und auch (noch) nichts von der Perimenopause merken: LUCKY YOU. Freut Euch drüber, aber redet die Probleme anderer nicht weg, nur weil ihr sie nicht kennt.

Und allen, die sich etwas weiter informieren möchten, empfehle ich das Buch „Woman on Fire“ von Sheila de Liz. Der Stil ist etwas eigen, aber sie erklärt sehr anschaulich, was die Hormone so machen.

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* Die Mirena darf mittlerweile 6 Jahre liegen. Auch die, die schon liegen.

** Ein Zeichen dafür, dass die hormonelle Wirkung der Hormonspiral sukzessive nachlässt.

*** Nein, keine Depression.

**** Wieso „übermannt“? Gibt es dafür ein genderneutrales Synonym?

***** In der Packung sind 36 Tabletten gewesen. Pro Zyklus sollte ich eigentlich 10 Tabletten nehmen. Dann hätte die Packung aber nur für 3 Zyklen gereicht. Also habe ich eigenmächtig nur 9 Tabletten genommen.

****** Ein Zyklus beginnt mit der Blutung.

5 Gedanken zu „Ich will kein Emo sein …

  1. Vielen Dank für diese detaillierte Beschreibung und auch den Buchtipp!!
    Das klingt alles sehr unschön und als Menstruierender Mensch über 40 kann ich diese Hulk- und EMO-Phasen zumindest im Ansatz nachempfinden.
    Ich wünsche dir, dass du mit den Hormonpräparaten dauerhaft Linderung findest…

    btw: ich freue mich, dass du wieder regelmäßiger bloggst – hatte dich schon vermisst

    Liebe Grüße aus der Stadt mit K

  2. **** ich mag dieses Wort nicht und ersetze es je nach Zusammenhang mit bspw. überschwemmen, überwältigen, überkommen, befallen, heimsuchen.

  3. Danke für das in Worte fassen, ich erkenne mich da in Teilen auch wieder und werde mich mal einlesen und beim nächsten Gyn-Termin entsprechend fragen.

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