Auf Sicht gefahren

Auf Sicht gefahren

Hier hing kurzfristig der Haussegen sehr schief. Es brachen sich Dinge Bahn. Es musste sein. Der Moment hat mich zunächst etwas irritiert. Denn eigentlich ging/geht es uns gerade besser. Wir hatten einen schönen Urlaub zu zweit und nutzten die da gewonnene Energie, um – wieder zu Hause – endlich mal auszumisten und die Wohnung schöner zu machen (neuer Herd, neue Lampe, neuer Couchtisch). Dinge, die bislang provisorisch rumstanden, bekamen endlich einen Platz. Ordnung. Yeah! Ordnung, die in den vergangenen 18 Monate nicht wirklich möglich war. Perfekt ist es immer noch nicht, aber eindeutig besser.

Ich stelle fest, wie sehr ich die vergangenen 18 Monate auf Sicht gelebt habe. Wie sehr ich mich zurückgezogen habe. Und wie sehr der Tod meines Vaters, HomeSchooling, die Schulsituation vom Kind und die Angst davor, dass eine von uns sich Covid-19 einfängt, mich belastet haben und meinen Rückzug verstärkt haben. Vielleicht habe ich mich auch deswegen so in die Arbeit gestürzt. Es war viel. Und mit all dem, was da noch war, war es zu viel. Der Mann hatte auch Sorgen und Stress.

Auf der einen Seite sehr blöd, auf der anderen Seite aber überlebenswichtig: Wir hatte unsere Stress-Peaks nicht gleichzeitig. So konnten wir uns gegenseitig unterstützen und Dinge übernehmen oder organiseren, wofür die andere keine Energie oder Nerven hatte. Unschön ist, dass wir so die ganze Pandemie über vorrangig „funktioniert“ haben. Miteinander. Insgesamt gut – ohne Frage. Aber tja, das war auch ein Problem: „ohne Frage“. Wir haben nicht mehr wirklich miteinander gesprochen. Momente zu zweit gab es nicht: Das Kind war ja die ganze Zeit da und auch angespannt und gestresst.

Nun sind wir alle durchgeimpft und ich merke, wie sehr mich das erleichtert. Nein, das macht uns nicht übermütig: Wir tragen weiter Maske und wo es erforderlich bzw. sinnvoll ist, machen wir auch Tests (das Kind in der Schule ja eh). Aber wir trauen uns wieder, etwas zu unternehmen, bei dem wir anderen Menschen nah kommen.* Es kostet – insbesondere mich – viel Überwindung, solche Ereignisse wieder zu genießen.

Aber genau das ist ja auch immer ein Teil von uns gewesen: Leute treffen, auf Konzerte gehen. Und ich merke, wie gut es mir tut.

Von Normalität sind wir noch weit entfernt. Und ich glaube auch nicht, dass wir zur prä-pandemischen Normalität zurückkehren werden/können. Aber die Angst vor der Erkrankung wird nicht mehr bei jeder Entscheidung mitschwingen. Risiken werden kalkulierbarer – womöglich kalkulierbarer als bei der jährlichen Grippe.

Seit dem Urlaub nimmt diese neue Normalität für mich Formen an. Ich bin entspannter. Mir geht es definitiv besser. Dem Mann geht es auch besser. Wir sind die letzten 18 Monate so auf Sicht gefahren, dass wir nichts mehr um uns gesehen haben bzw. aus Rücksicht auf die andere auf nichts rechts und links aufmerksam gemacht haben. Und auf einmal sehen wir beide, was uns gefehlt hat – jeder für sich, aber auch uns miteinander.

Und nach gerade mal 3,5 Jahren zusammen (und davon halt 1,5 in Pandemie) „erwarten“ wir, dass die andere genau weiß, was jede will, was die jeweiligen Befindlichkeiten und auch Ansprüche sind.

Hahaha.

Solche Erwartungshaltungen sind für Beziehungskrisen ja wie ein halbes Jahr ohne Regen für Waldbrände. Es knirscht, es knarzt, es knallt und es brennt lichterloh.**

Ich mache es kurz: Der Brand wurde im Keim erstickt. Wir haben geredet. Wir werden reden. Wir haben uns wieder mehr Zeit füreinander genommen und werden das auch weiter tun. Wir haben zwei Apps, die uns (hoffentlich) helfen werden, Aufgaben und Mental Load*** besser sichtbar zu machen und auch besser zu verteilen.****

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* Im Urlaub war ich – abgesehen von der Wohnung meiner Mutter – in diesem Jahr zum ersten Mal mit anderen Menschen in einer Wohnung und das fühlte sich sehr komisch an.

** Ich brauche ja ab und zu einen Knall.

*** Der RB nimmt mir durchaus auch Mental Load hinsichtlich des Kindes ab, aber letztlich liegt die Verantwortung halt bei mir.

**** Ich werde berichten.

3 Gedanken zu „Auf Sicht gefahren

  1. Schön, dass ihr es klären konntet. Reden ist verdammt wichtig.
    Wir müssen nur immer mehr daren denken, bestimmte Dinge auch mit den Kindern zu besprechen. Je älter sie werden, um so öfter haben sie ganz eigene Pläne. 😉

    Auf den Erfahrunsbericht bin ich gespannt.

  2. Wieviel Mental Load bezügliches des Kindes muss / sollte / kann ein neuer Lebenspartner übernehmen, frage ich mich immer (selber Alleinerziehend mit 3 Kindern und neuem Partner).

    1. „Muss“ meiner Meinung nach gar nichts. Aber „kann“ nach Absprache. Es gibt halt auch Dinge, die gehen gar nicht (zur Ärztin, Schulangelegenheiten). Da würde es schon helfen, wenn anderer Mental Load abgenommen wird.

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