Privilegien aushalten

Privilegien aushalten

Letztens sagte ich zum Teen, dass ich ihn nicht darum beneide, in diesen Zeiten zur Schule zu gehen – insbesondere in Hessen. Fühlte ich mich doch schon während seiner Grundschulzeit ins schulische Mittelalter zurückkatapultiert: Die einzige Kopfnote, die ich während meiner 13 Jahre in der Schule hatte, war „Schreiben“ (btw in der Grundschule meine schlechteste Note). Das Kind hatte auf einmal so einen Mist wie „Sozialverhalten“ und „Arbeitsverhalten“. Ich verstehe bis heute nicht, wie Sozialverhalten benotet werden kann. Und noch viel weniger verstehe ich, wie schlecht Lehrkräfte ausgebildet sein müssen, dass sie mit einer schlechten Note in Sozialverhalten drohen. (Tatsächlich mehrfach vorgekommen.)

Nun habe ich das Kind mit viel gutem Zureden, noch mehr Verständnis, Unterstützung und einem außerplanmäßigem Schulwechsel bis in die 9. Klasse gebracht. Im Mai wird er seine Hauptschulprüfung schreiben. Er hat das Ziel, dass die Durchschnittsnote eine 3,0 (oder besser) sein soll, damit er für die Klasse 10 und den Realschulabschluss zugelassen wird. Vom Intellekt her habe ich mir nie Sorgen gemacht, aber sein Hass auf das System Schule ist so groß, dass es tatsächlich ein kleines Wunder ist, dass wir es soweit geschafft haben.

Mir war klar, dass die integrative Gesamtschule (IGS) ein Sammelbecken ist (zumal es in Hessen keine Hauptschulen gibt). Aber mir war auch klar, dass das Kind auf dem Gymnasium mit dem häuslichen Lernpensum nicht klarkommen wird, weil er eben keinen Bock auf Schule hat und dadurch keinen Sinn darin sieht, sich außerhalb der Schule auch noch mit Schule beschäftigen zu müssen. Die erste IGS hat es leider nicht geschafft, das Sammelbecken so zu managen, dass keine*r untergeht. So viel besser macht es die zweite IGS auch nicht, aber da hat er immerhin Kumpels, also Peers, die es ihm erträglich machen.

Was falsch läuft – und ich bin mir sehr sicher, dass es kein spezielles Phänomen seiner Schulen ist, sondern Probleme seiner Generation –, ist eine extreme Abgrenzung untereinander und Diskriminierung (als logische Folge):

Wir halten fest: Die Generation vom Teen wächst im Großen und Ganzen mit Eltern auf, die in den 1980er und 1990ern erwachsen wurden. Durchaus eine Generation der Glücksseeligen: Gleichberechtigung war – zumindest bis zum ersten Karriereschritt – völlig selbstverständlich. Mädchen und Jungen gingen zusammen in die Schule, sind damit aufgewachsen, die gleichen Möglicheiten zu haben. Bildung war kurzzeitig leicht losgelöst von Standesdünkeln. Es war klar, dass N(eon)azis scheiße sind und definitiv nichts in den Parlamenten zu suchen haben. Es gab deutlich mehr Lehrkräfte als heute. Und es gab wirklich viel Jugendarbeit. Ja, da ist viel Verklärung der alten Frau dabei, zumal ich ja auch tatsächlich in einem sehr progressiven Wolkenkuckucksheim aufgewachsen bin.

Wie auch immer hängt die Generation vom Teen in einer Falle: Die einen haben sehr feministische, aufgeklärte Eltern. Andere wachsen sehr patriarchal auf. Kinder wie meins wissen, dass Männer und Frauen gleichberechtig sind bzw. sein sollten. Sie wissen, dass es ein No-Go ist, wenn Männer ihre (körperlichen) Privilegien gegenüber einer Frau ausnutzen. Und überhaupt, dass sie eigentlich ein paar Privilegien abgeben müssen. Privilegien, die sie noch gar nicht genießen konnten bzw. wussten, dass sie sie überhaupt haben.

Der Teen muss sich von mir regelmäßig sagen lassen, dass er kaum priviligierter sein kann: Er ist cis männlich, hetero, weiß, blond, groß, hat einen deutschen und einen französischen Pass und seine Mutter arbeitet nicht prekär. Er muss an nichts glauben oder sich gar einem Gott unterordnen. Viel mehr geht nicht.

Aber er erlebt diese Privilegien nicht. Zumindest nicht in der Schule. Eher im Gegenteil. Er wird für diese Priviliegen diskriminiert. Und ihm wird gegen diese Diskrimierung nicht wirklich geholfen.

Er trifft in der Schule auf junge Mädchen, die den Feminismus – ich muss es leider so benennen – falsch verstanden haben. Es ist kein feministischer Akt, Jungs in jeder Konfliktsituation einer ungehörigen (sexuellen) Handlung zu bezichtigen, nur um sich selbst aus der Affaire zu ziehen. Und es ist auch nicht feministisch, Jungs auf den Arsch zu hauen oder in den Schritt zu greifen. Und es ist auch ein falsches Zeichen von den Lehrkräften (und der Jugendhilfe), wenn sie sowas den Mädchen durchgehen lassen und den Jungs sagen, dass sie das aushalten müssen.

Nein. Einfach nein. So etwas muss niemensch, egal welchen Geschlechts, aushalten. Den jungen Männern muss nicht gezeigt werden, was Frauen jahrhundertelang ertragen mussten. Was ist aus dem alten Spruch „Was Du nicht willst, das man die tut, das füg‘ auch keinem and’ren zu“ geworden.

Dazu kommt, dass der Teen an der Schule mit seinen umfassenden Privilegien eine Minderheit ist. Ich habe ihn von der vorherigen Schule nehmen müssen, weil die Lehrkräfte es nicht in den Griff bekommen haben, dass das Kind immer wieder „Nazi“ genannt wurde. Auch das muss das Kind nicht aushalten, nur weil es von einer marginalisierten Person kommt.

Das ist keine antirassistische Ermächtigung. Die Antwort auf (epigenetisch erlebte) Diskrimierung kann nicht Gegendiskriminierung sein.

Da erwarte ich von Lehrkräften und Sozialarbeitys/-pädagogys mehr als „Das musst Du aushalten!“.

Ein Gedanke zu „Privilegien aushalten

  1. Ich kann hier nur jeder Wort unterschreiben und bin mir den Privilegien meiner Kinder (Tochter Gymnasium – Sohn Oberschule (Real- und Hauptschule) am Stadtrand) noch einmal sehr bewusst und sehr froh, dass wir nicht im Gebirge wohnen.
    Hoffentlich haben wir ihnen genug Rüstzeug mitgegeben, sich in der Handwerkerlehre oder später als Grundschullehrerin zu behaupten.

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