Ich war nicht ich

Ich war nicht ich

Es ist krass, was Trauer und ein „falsches“ Wort zur falschen Zeit auslösen können.

Bei einer meiner therapeutischen Wanderungen in der letzten Woche (okay, an dem Tag war es nur ein Spaziergang) blinkte auf einmal in meinem Kopf in großen Lettern: „Ich war [Name meines Vaters]!“ Ich bin im Laufe des letzten Jahres zunehmend zu meinem Vater mutiert. Ich habe mich verhalten wie er. Ich habe mich auf meine Arbeit gestürzt und alles drum herum vergessen. Ich habe die Arbeit über alles gestellt und mich dabei total vergessen. Wie oft habe ich im letzten Jahr gedacht: „Was würde Papa jetzt machen?!“ Das fing schon damit an, dass ich direkt nach der Beerdigung (Samstag) am Montag wieder arbeiten war. Ich habe nicht bzw. nur sehr wenig getrauert, weil es doch so „vorhersehbar“ war, dass er sterben wird. Ich habe angefangen, die Impfzahlen auszuwerten – so wie Papa es auch gemacht hätte. Ich war emotional nicht mehr anwesend. Auch das hat Papa ausgemacht. Dabei war dadurch das Familienleben mit Papa so schwierig. Genauso schwierig wie das letzte Jahr mit mir. Ich war eine schlechte Mutter und eine noch schlechtere Partnerin. (Ja und so sehr ich Papa geliebt habe, er war nur bedingt familientauglich.)

Ich weiß, dass er stolz darauf war, wie ich mein Leben gestalte. Dass ich meinen Weg gehe. Er hat mir in nichts reingeredet, weil er wohl die Gewissheit hatte, dass ich es gut mache. Und das hat er mir auch immer vermittelt: „B., Du bist gut so, wie Du bist. Und Du darfst alles werden, was Du willst.“ Sowohl er als auch meine Mutter haben mich mit einem nahezu unerschütterlichen Urvertrauen in die Welt geschickt. Dass ich es nicht nötig habe, mich zu verbiegen, dass ich ich sein soll und darf und dass das gut ist.

Papas Tod hat meine Grundfeste erschüttert – und da kann ich den bzw. seinen Tod als solches egal wie sachlich-medizinisch betrachten. Papa ist tot. Ich bin ein Halbwaise. Ich mache Papa nicht lebendig, indem ich mich (unbewusst) verhalte wie er. Er hätte das auch nicht gewollt. Nicht gewollt, dass ich die gleichen Fehler wie er mache.

Er wollte immer und hat mich immer darin bestärkt, dass ich ich bin.

Und damit fange ich jetzt wieder an.

(Gelaufen: 5,5 Kilometer)

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