Wie es weitergeht (gleiches pw)
Als der „Spuk“ vorbei ist, brauchen alle Beteiligten einen Moment, um runterzukommen. Der Kumpel und ich spielen noch ein bisschen mit dem mini-monsieur Lego.
Da wir gemeinsames Sorgerecht haben – und ganz ehrlich beiße ich mich echt in den Hintern, dass ich das damals angeleiert habe – bespreche ich mit meiner Anwältin, dass sie für mich einen Eilantrag auf Zuteilung des Aufenthaltsbestimmungsrecht stellen soll, und machen einen Termin für den nächsten Tag aus.
Als ich mit dem mini-monsieur allein in der Wohnung bin, schließe ich die Tür ab. Die Angst, dass er wieder vor der Tür stehen könnte, ist groß.
Ich schreibe der Anwältin das Geschehene für die Eidesstattliche Erklärung auf. Es ist 2 Uhr morgens, als ich endlich ins Bett gehe. Ich bin müde. Doch bis ich in den Schlaf finde, lassen mich Geräusche immer wieder aufschrecken. Als um 7 Uhr der Wecker klingelt, brauche ich einen Moment, bis mir klar wird, dass ich keinen Albtraum hatte, sondern das wahre Leben in der Wohnung.
Auch wenn jetzt gerade nichts mehr normal ist, denke ich, dass es das Beste für den mini-monsieur ist, in den Kindergarten zu gehen. Aber heute darf er nicht alleine gehen. Zum einen aus Angst, dass der Vater ihm auflauert, aber zum anderen auch, um dort mitzuteilen, dass heute nur ich und sonst niemand anders den mini-monsieur abholen darf. Denn noch ist der Vater in Frankfurt. „Sein“ Zug zurück geht erst in zwei Tagen. Und da wir gemeinsames Sorgerecht haben und müsste der Kindergarten das Kind auch an den Vater rausgeben. Der im Raum stehende Eilantrag zum Aufenthaltsbestimmunsrecht scheint aber Grund genug zu sein, meine Bitte Anordnung zu respektieren.
Ich fahre zu meiner Anwältin. Sie bedankt sich für die gute Vorarbeit für die Eidesstattliche Erklärung und fragt mich direkt, ob der Kindesvater psychisch krank sei. Es ist so schlimm, dass es so offensichtlich ist. Aber was nützt das allen Beteiligten, wenn der Betroffene keine Einsicht hat.
Auf der Rückfahrt frage ich mich, wann und wo ich in meinem Leben die falsche Abbiegung genommen habe. Ich hadere ja eigentlich wenig mit meinem Leben, aber gerade kann ich nicht anders.
Ich bin zu Hause. Und schließe die Tür ab. Die Angst, dass er davor steht, ist zu groß. Die buckelige französische Verwandtschaft kriecht aus den Löchern. Nach sechs Jahren interessiert es sie auf einmal, was in Deutschland passiert?! Ich könnte kotzen. Sechs Jahre hieß es immer: Wir waren nicht dabei. Wir können uns kein Urteil bilden. Ich habe Angst, mein Enkelkind zu verlieren. Ihr seid halt zwei Steinböcke. Ich reagiere nicht.
Ich versuche ein bisschen zu arbeiten. Aber die Gedanken fliegen überall hin.
Als ich den mini-monsieur abhole, komme ich nicht umhin, beim Verlassen des Hauses einen paranoiden Blick über die Schulter zu werfen. Ohne Zwischenfälle kommen wir nach Hause. Wieder Tür verrammeln.
Der Abend verläuft ruhig. Eine Freundin kommt vorbei. Ich weiß immer noch nicht wirklich, was mir uns da gestern passiert ist.
Am nächsten Tag melde ich mich krank. Mir geht es nicht gut. Gar nicht. Vermutlich habe ich einen Schock. Zu wissen, dass er immer noch in Frankfurt ist, stresst mich. Dass der Eilantrag noch nicht durch ist, stresst mich ebenfalls. Ich gehe ein Runde raus. Da kommt der kleine Mann mit dem Holzhammer und ich sitze heulend zu Hause. Ich telefoniere mit meiner Mutter, die kommen will. Das ist gut. Aber ich bin ziemlich fertig.
Auf einmal kommt eine e-Mail von meiner Anwältin: Dem Eilantrag wurde stattgegeben. Das Aufenthaltsbestimmungsrecht liegt bei mir. Puuuhhh! Ich drucke den Anhang aus, um ihn später im Kindergarten abzugeben.
Ich hole den mini-monsieur früher als gewohnt ab. Wir machen noch einen Schlenker zum Bäcker, bevor die Babysitterin kommen wird. Auf dem Rückweg vom Bäcker sind wir zu normaler Abholzeit fast schon vor unserer Haustür (und somit, weil der Kiga direkt nebenan ist, auch fast beim Kiga), als hinter uns jemand „mini-monsieur“ ruft. Ich drehe mich um und sehe noch vor dem Kind seinen Vater. Mir bleibt das Herz kurz stehen. Er will sich „nur“ verabschieden – vom Kind. Mich würdigt er keines Blickes und hat auch keine Silbe für mich übrig. So auf dem Gehweg fällt die Verabschiedung nicht sonderlich emotional aus. Er gibt dem Kind noch eine Tüte mit Geschenken.
Als wir wieder zu Hause sind, wird mir erst richtig bewusst, wie hinterfotzig (sorry, ein anderes Wort fällt mir nicht ein) die Aktion war: Nach dem Polizeieinsatz schien er es nicht für nötig zu erachten, mich darüber zu unterrichten, dass er noch einmal vorbeikommen wolle. Stattdessen so eine heimliche Aktion hinter meinem Rücken, denn er muss davon ausgegangen sein, dass der mini-monsieur wie üblich von der Babysitterin abgeholt wird. Ich will mir das Was-wäre-wenn gar nicht ausmalen.
Am Tag drauf vermeldete eine Freundin, sie habe auf facebook gesehen (mich hat er da ja komplett geblockt), dass er wohl in Frankreich sei. Endlich…
Seitdem gab es genau eine Kontaktaufnahme des Vaters zu seinem Kind. Wenn der mini-monsieur ihn anrufen will, stehe ich dem nicht im Wege, aber ich werde das Kind nicht mehr* aktiv daran erinnern, dies zu tun. Was das Skypen anbelangt, müssen wir schauen. Noch hat der mini-monsieur keinen eigenen Account.
Auf mich kommen nun einige Termine zu. Denn es wird zu dem Eilantrag doch noch eine Anhörung geben. Daraus resultiert dann, dass in ein paar Tagen die Anwältin der Verfahrensbeistand des mini-monsieurs bei uns aufkreuzen wird. Ich habe demnächst einen Termin beim Jugendamt zwecks Unterhaltsvorschuss. Und Elternberatung steht auch im Kalender.
Ich warte ge- bzw. angespannt auf eine Reaktion aus Frankreich, wenn er denn die ganzen juristischen Briefe bekommen hat.
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* Habe ich bis zu diesem Drama regelmäßig gemacht, weil es auch mir wichtig ist, das Vater und Sohn einen guten Kontakt haben. Aber ICH bin nicht für die Beziehungsarbeit zuständig.
6 Kommentare zu „Wie es weitergeht (gleiches pw)“
Hallo!
Du machst das gut! Du bist eine ganz Starke!
Du wirst sehen, mit der Hilfe deiner Anwältin, des Jugendamtes und des Verfahrensbeistands wird der Spuk bald ein Ende haben.
In Österreich ist es üblich, dass Kinder nicht mit dem „Täter“ zusammenkommen müssen. Es wird dann eine kontradiktorische Einvernahme gemacht. Dies gilt bei einem Strafprozess. Ich bin nicht sicher, ob du Anzeige erstattet hast.
Für den mini-monsieur wäre das sicher einfacher, als bei einer Anhörung vor beiden Seiten etwas zu sagen.
Halte durch, du wirst es schaffen!
Ich denke an dich!
Edith-K.
Meinen letzten Kommentar hat das Tablet scheins gefressen.. also nochmal von Neuem. Ich bin sehr schockiert, und wünsche Euch alles Gute und Dir vor allem viel Kraft.
Ich war leider vor Jahren in einer ähnlichen Situation (minus Kind, plus Handgreiflichkeiten) und habe damals mit Kampfsport begonnen. Alleine zu wissen, dass ich mich wehren konnte, hat mich dann so anders auftreten lassen, dass es nur noch zu verbalen Attacken kam. Und das soll jetzt kein „Sie müssen das so machen“-Ratschlag sein, einfach nur mal so dahingesagt…
Wie gesagt, alles Gute und viel Kraft!
Danke, ihr Beiden! <3
Edith: Nein, ich habe keine Anzeige erstattet. Der mini-monsieur müsste so oder so nicht vor Gericht aussagen. Dafür gibt es den Verfahrensbeistand. Ggf. gäbe es einen Termin zwischen dem Richter und dem Kind.
Es wird zwischen uns erstmal ums Sorgerecht und um eine Umgangsregelung gehen. Das wird schon Kampf genug werden.
Andrea: Bei uns waren es bislang ja "nur" verbale Attacken… Und als ich u.a. nach der Kur emotional deutlich gefestigter wiederkam, bin ich diesen Verbalattacken auch anders gegenübergetreten. Vermutlich ist es deswegen auch jetzt so eskaliert. Weil er merkte, dass er keine Mittel mehr gegen mich hat.
Hallo meine Süße,
das alles ist ohne Worte und bewegt mich sehr. Falls du eine Auszeit brauchst, bist du bei uns immer herzlich willkommen!
Alles Liebe
:* <3