Neurodingens

Neurodingens

Nein, ich kann nicht beurteilen, was es bedeutet, neurodivergent zu sein. Was Personen erleben, die „im Spektrum“ sind. Welchen Leidensdruck sie haben. Ich bin – und das ist weder lustig gemeint, noch kokettiere ich damit – vermutlich einer der neurotypischisten Menschen, die ich so kenne.

Aber ich weiß, was es bedeutet, mit einem neurodivergenten Menschen zusammenzuleben. Und zwar einer Person mit einer Autismus-Spektrum-Störung, wobei ich den Ausdruck Störung ausgesprochen störend falsch finde in Autismus-Spektrum.

Kurzer Exkurs: Seit längerem denke ich darauf rum, ob Neurodivergente nicht eigentlich die „Normalität“ darstellen und es viel weniger Neurotypische gibt. Letztens ging mir das Bild einer inversen 3D-Gauß-Kurve dazu durch den Kopf. Quasi ein Schwimmring, bei dem das Loch mit einer Folien überspannt ist. Der „dicke“ Ring stellt die Verteilung im Spektrum dar, während sich die wenigen Neurotypischen auf der Folie in der Mitte verteilen.

Dass die Neurotypischen dennoch die „Norm“ bestimmen (konnten), liegt vermutlich daran, dass sie sich untereinander besser verständigen können bzw. konnten. Ihre Bedürfnisse ausreichend ähnlich sind, sodass sie sich auf einen ausreichend großen gemeinsamen Nenner einigen konnten. Und vermutlich sprechen Neurotypische auch eine ausreichend ähnliche Sprache, um sich gut miteinander zu verständigen. Exkursende.

Viele neurodivergente Personen sind hochfunktional. Mein Vater auch. Er war wie ein Workaholic. Nichtstun gab es bei ihm nicht. Wenn er nicht gerade irgendwas für seine Arbeit (Vorlesungen vorbereiten, Aufsätze oder ganze Bücher schreiben) tat, sich in einem der diversen Vereine engagierte oder Sport trieb, war er damit beschäftigt, in irgendeiner Weise Wissen aufzusaugen. Wissen das er gerne teilte – auch völlig aus dem Nichts heraus. Es gab kein Thema, das ihn nicht interessierte.

Dieses Interesse war das, worüber er Beziehungen zu anderen Menschen aufbaute. Es war ein ganz besonderes Interesse. Er war nicht an den Emotionen interessiert, sondern daran, warum Menschen tun, was sie tun. Und an dem Wissen der Menschen. Dadurch hat er es geschafft,  Beziehungen aufzubauen, in denen es nicht um Emotionen ging bzw. gehen musste. Und das war gut: Denn Emotionen konnte er nicht (gut). Dennoch hatten wir* eine gute, ja, innige Beziehung. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir uns jemals „ich hab Dich lieb“ oder gar „ich liebe Dich“ gesagt haben – was zum Beispiel zwischen mir und dem Kind ganz anders ist. Wir sagen uns das fast täglich. Auch Körperlichkeiten waren nicht seins. Ich kann mich nur an ein Mal erinnern, als er mich von sich aus umarmt hat. Sein Glück war vermutlich auch, dass ich kein kuscheliges Kind war. Wobei ich mich an dieser Stelle frage, was Henne und was Ei war. Denn ich finde – zumindest seit Teeniealter – körperliche Nähe zu Menschen, die mir wichtig sind, toll. Und wir wissen ja, wie anpassungsfähig Kinder sind. Wie gut sie Situationen erspüren können.

Da ich mit meinem Vater aufgewachsen bin, wurde mir natürlich erst spät bewusst, dass manche Dinge bei ihm „anders“ sind. Ich war es ja von Anfang an gewöhnt, wie er kommunizierte, wie er agierte, wie er auf bestimmte Dinge einfach nicht reagierte. Ja, später – so ab Teeniealter – fand ich ihn manchmal zu sachlich, zu distanziert, zu eigen, zu uninteressiert, was IN mir vorgeht. Und gleichzeitig war es großartig, weil er Situationen immer sachlich betrachtet hat: Bei schlechten Noten gab es keinen Ärger, sondern er fragte „warum“. Wenn ich ausgehen wollte, wollte er wissen wohin und wie lange. Je nach Alter galten halt die gesetzlichen Vorgaben. Übernachten bei Freund*innen: keine Diskussion.

Wie anders er war, wurde mir nochmal sehr bewusst, als ich nach seinem Tod quasi zu ihm mutierte. Ich konnte zwar wirklich gut mit ihm umgehen und war ihm von uns Kindern wohl am nächsten, aber vermutlich, weil ich ihm so unähnlich war. Und diese Unähnlichkeit wurde überdeutlich, als ich wie er agierte. Dieser inner Widerspruch zu meinem Naturell war auch ein starker BurnOut-Treiber.

Und hier schließt sich wieder der Kreis zum Anfang: Ein ganz kleines Bisschen kann ich wohl doch nachvollziehen, wie es neurodivergenten Menschen geht, die versuchen in der neurotypischen Ordnung zurechtzukommen. Mit dem Unterschied, dass sie es ihr Leben lang müssen, während ich die Chance hatte, wieder ich selbst zu sein.

Auch wenn ich nicht sicher bin, ob die Neurotypischen wirklich die Mehrheit sind, so bin ich mir durchaus bewusst, dass ich sehr priviligiert bin als Neurotypische in einer Gesellschaft zu leben, in der die Normen auf Neurotypische ausgerichtet sind.

Es täte der Gesellschaft – wie bei vielen anderen marginalisierten Gruppe – wirklich gut, die Diversität als Chance zu sehen und Möglichkeiten zu schaffen, in denen Neurodivergente einfach sie selbst sein können. Dass sie so agieren können, wie es sich für sie richtig anfühlt und sie ihr Potential entfalten und nutzen können.

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* Ich kann hier nur für mich schreiben. Die Beziehungen zu meinen Brüdern und zu meiner Mutter kann ich nur begrenzt beurteilen.

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