Wundertüte

Wundertüte

Letzthin sind das Kind und ich sehr aneinander geraten. Er kam nach einer Veranstaltung nach Hause und kotzte mir verbal drölfzig Fakenews-Absurditäten – erwähnte ich, dass ich das Internet bisweilen hasse?! – vor die Füße. Ich konnte gar nicht so schnell denken, geschweige denn antworten, wie es aus ihm raussprudelte. Ich war etwa so überfordert wie er, sodass wir uns ordentlich aufschaukelten und irgendwann anschrien. Ja, da ist nichts schön zu reden. Ich konnte kaum fassen, was er da alles erzählte. Es endete damit, dass ich ihm in meiner Fassungslosigkeit an den Kopf warf, dass er genauso bescheuert sei wie Trump. Daraufhin verließ er die Wohnung.

In meiner Wut – über mich und die Situation – und in meiner Verzweiflung sperrte ich dem Kind das Handy. Family Link sei dank. Ich verfolgte grob seinen Standort und hoffte, dass er ob des fehlenden Internets bald nach Hause käme. Es dauerte etwa eine Stunde. Ich dachte in der Zeit darüber nach, wie es zu dieser Eskalation kommen konnte: Ich vermutete, dass er sich auf dem Weg von seiner Veranstaltung nach Hause (ca 40 Minuten mit dem ÖPNV) mit TikTok und/oder Insta-Reels berieselt hatte. Sein Algorithmus ist kein guter. Und so ist da eine Menge Fakenews-Kackmist dabei. Nach 40 Minuten Dauerfeuer war er wohl kurz davor, dass ihm die Synapsen durchbrannten. Denn an ganz vielen Stellen weiß er, dass das Fake ist. Dass die Welt nicht mit einfachen populistischen Parolen erklärt werden kann. Doch es klingt so plausibel. Und all das musste raus. Er wollte es loswerden und im besten Fall auch noch von mir richtig gestellt haben. Aber das konnte ich in der Situation nicht leisten. Es war zu viel. Es war zu absurd. Alles schrie nach: Wie kannst Du auch nur ansatzweise daran glauben?! Doch genau das wollte er nicht. Er wollte nicht daran glauben. Aber er konnte es nicht verarbeiten.*

Als er wiederkam, machte ich mich darauf gefasst, dass er sich darüber aufregte, dass er draußen kein Internet hatte. Doch dieses Kind ist eine Wundertüte wunderbar: Er kam auf mich zu, umarmte mich und entschuldigte sich. Ich entschuldigte mich dafür, dass ich ihn mit Trump verglichen hatte. Er bedankte sich bei mir. Dafür, dass ich ihm das Handy gesperrt hatte. Er hätte nachdenken müssen, als er draußen war. Wir sprachen darüber, was passiert war. Wie es dazu kommen konnte. Er bestätigte mir meine Überlegung. Ich fragte ihn, wie sich sowas zukünftig verhindern ließe. „Dass Du das Handy gesperrt hast, tat gut.“ – „Aber ich kann Dir ja nicht das Handy sperren.“ – „Nein, aber bitte die TikTok- und die Insta-App.“

Ich war baff. Es verblüfft mich immer wieder, wie reflektiert dieser junge Mann ist. Sich zu entschuldigen war schon groß, aber diese Klarheit ist immer wieder beeindruckend.

Seitdem sind die Apps gesperrt und er ist deutlich entspannter.

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* Hinzu kam noch, dass er total hangry war. Er befand sich in einer 24-stündigen Fastenphase. Als wir aufeinander trafen war Stunde 22.

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