Grenzenlose Erziehung?!

Grenzenlose Erziehung?!

Die liebe Rina fragte, wie und ob ich die Unterschiede zwischen deutscher und französischer Erziehung empfinde bzw. erlebe. Spannende Frage. Und ja, immer mal wieder spüre ich diese kleine feine Grenze da westlich des Rheins. Soo zusammengewachsen ist Europa noch nicht 🙂

Ich weiß nicht, ob man viele Dinge wirklich verallgemeinern kann/darf. Aber rein vom Gefühl her, würde ich mal ganz generell sagen, dass Kinder in Frankreich mehr funktionieren müssen und weniger Kind sein dürfen.

Das ist dem hochgelobten französischen Betreuungsangebot gezollt. Ich muss ehrlich sagen, dass es mich nervt, wenn ich immer wieder höre, dass es in Frankreich viiieel einfacher ist für Frauen, wieder arbeiten gehen zu können trotz Kind. Denn das ist kein „können“, das ist ein „müssen“. Denn wer zehn Wochen nach der Geburt wieder im Job stehen muss, weil sonst der Job weg ist, der braucht eine Betreuungsmöglichkeit.

In Deutschland ist das ziemlich bis sehr verpönt, wenn man das Kind nach noch nicht mal drei Monaten allein lässt. Also fremdbetreut und nicht etwa beim Papa, weil der Elternzeit und -geld nimmt. Und hier schielen die Französinnen neidisch auf die andere Seite des Rheins: Elternzeit mit gesicherter Jobrückkehr bis zu 3 Jahre, Elterngeld bis zum 12. (14.) Monate nach der Geburt, Recht auf Teilzeit und Kündigungsschutz während der Elternzeit. Wenn ich davon im Verwandten- und Bekanntenkreis des monsieurs erzähle, ernte ich ungläubiges Staunen.

Dieses „funktionieren müssen“ zieht sich so durch das Leben eines französischen Kindes. Es scheint als gibt es im Land des Savoir-vivre mehr Regeln für Kinder als bei uns Teutonen: am Tisch, beim ins Bettgehen, Zeiten, Rituale (furchtbar, wer alles Anrecht auf bisous hat). Es gibt auch mehr Regeln, wann was wie zu erfolgen hat. So hatten der monsieur und ich zum Beispiel eine kleine Diskussion bezüglich des Stillens:

Für mich war klar, wenn ich stillen kann, wird der mini-monsieur sechs Monate voll gestillt und darüber hinaus so lange, wie er will (meine persönliche Schmerzgrenze: 2. Geburtstag). Ich kann ja schon von Glück reden, dass der monsieur nicht dem französischen Fläschchen-Mythos verfallen ist.
(Es findet zwar gerade ein Umdenken bei den Franzosen bzgl. stillen statt. Es gibt sogar Still-Prämien. Aber letztlich hängen die Frauen doch im System: Das Kind muss zum Beginn der Betreuung irgendwie funktionieren und kann nicht nach Bedarf gestillt werden).
Aber sechs Monate kamen auch ihm suspekt vor: Ob das Kind alles bekommt, was es braucht… Der mini-monsieur entschied selbst, dass er mit fünf Monaten das erste Essen haben möchte, aber erst mit 14 Monaten das letzte Mal an der Brust saugen wollte. Die neun Monate dazwischen musste ich mir immer wieder anhören, dass der mini-monsieur für immer an der Brust hängen wird und dass ich das Ende entscheiden muss.
(Ach ja, auch so was: Erwachsene entscheiden und bestimmen. Das Kind hat zu folgen.)

Lustig war, dass der mini-monsieur die ersten sechs Monate mit Stoffwindeln gewickelt wurde. Zum Glück denkt der monsieur recht ökologisch und konnte sich recht schnell mit der Idee anfreunden. Bei unserem ersten Besuch in Frankreich mit dem neuen Baby waren wir allerdings die Attraktion und ernteten erstmal fassungsloses Kopfschütteln ob unserer mittelalterlichen Methode der Babyhygiene, ob wir noch nichts von Plastikwindeln gehört hätten.

Jaja, das Plastik. Auch so ein Unterschied: Während der Deutsche für sein Kind am liebsten unbehandelte Holzklötze zum Spielen hätte, kann es für die Franzosen nicht laut, bunt, stabil und zugleich leicht, Bisphenol-A-haltig genug sein. Auch wenn es mich manchmal gruselt, wenn wieder mal ein Geschenk aus Frankreich geöffnet wurde, so ist es nicht mehr so schlimm. Ich habe allerdings auch mal was gesagt. Mittlerweise lasse ich die sehr moderate Vielfalt regieren.

Was hüben und drüben auch nicht gleich gehandhabt wird: Mobilität und Bewegung. Ich finde es schon sehr bezeichnend, dass die Franzosen keine Laufräder kennen. Auch sonst habe ich das Gefühl, dass Bewegung nur in sehr eng gesteckten Rahmen stattfindet. Die Franzosen fahren viel und gern Auto und schimpfen ständig auf die großen Mineralölkonzerne. Kinder werden wohin auch immer mit dem Auto gebraucht. Strecken, die ich per pedes oder pedal zurücklegen würde, werden gefahren. Das konnte ich dem monsieur glücklicherweise abgewöhnen. In Frankfurt stand das Auto oft wochenlang unbenutzt rum. Hier in Hamburg wird es doch noch mal zum Einkaufen genutzt. Aber es geht auch ohne und daher wird in naher Zukunft der monsieur wohl das erste Mal seit Führerschein kein eigenes Auto haben. Der mini-monsieur ist Fahrrad-süchtig. Das Laufrad war der Einstig. Und seit letztem Herbst ist es ein richtiges Fahrrad. Und er fährt und fährt und fährt. Und wird dabei vom Papa unterstützt und begleitet. In Deutschland ist das zum Glück auch möglich. In Frankreich fehlen dafür leider oft Bürgersteige – von Radwegen ganz zu schweigen.

Der monsieur und ich haben für viele Dinge einen guten Kompromiss gefunden. Alles was verargumentiert werden kann, wird auf den Prüfstein gestellt. Erziehungsmethoden, die so sein sollen, weil das so ist, finden nicht statt. Soll heißen, dass der mini-monsieur durchaus mitentscheiden darf und nicht einfach uns Erwachsenen zu folgen hat (Situationen mit Gefahrenpotential mal ausgeschlossen). Es gibt Regeln, die respektiert werden müssen, aber bei Bedarf auch erklärt werden können. (Der monsieur gibt zu deutet allerdings auch immer wieder an, dass hier in Deutschland manches durchaus besser sei.)

Je mehr ich nachdenke und schreibe, desto mehr fällt mir ein/auf. Aber über den Unterschied von französischen und deutschen Kinderbüchern, wie französische Kinder ins Bett gehen, die Bedeutung des Fernsehers und andere Dinge schreibe ich in ein anderes Mal.

3 Gedanken zu „Grenzenlose Erziehung?!

  1. Das Laufrad gibt es hier auch erst knapp über 10 Jahre, kannte vorher hier auch keiner. Es ist halt wie überall, es gibt Positives und Negatives … und je nachdem, ob ich mich über etwas sehr aufrege/freue, bleibt es halt auch mehr im Bewusstsein. Und trotz der vielen Plus wie Elternzeit und Co finde ich das Eltern-sein in Deutschland nicht besonders prickelnd. Die F-Seite kenne ich allerdings gar nicht.
    Liebe Grüße

    1. Ich glaube, ein wirklich „perfektes“ System für Eltern und Kinder können sich große Staaten wie Deutschland und Frankreich kaum leisten (es wird ja immer wieder gerne mit den skandinavischen Ländern verglichen). In Deutschland kommt noch der Föderalismus dazu: Jedes Bundesland, zum Teil sogar jede Kommune, kocht sein eigenes Betreungs- und Bildungssüppchen.
      Und in Frankreich gibt es auch nicht für jedes Kind einen Krippenplatz. Allzu oft sind die Kleinen da auch bei Tagesmüttern untergebracht.

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