Am falschen Haken
Es war eine Verkettung von Umständen, die nachts zu einem Preis von 140 Euro endete.
Das Kind hatte am Mittwoch schulfrei und hat auch nicht das Haus verlassen. Ich fuhr an dem Tag ins Büro, weil ich dachte, dass ich einen Präsenztag* eingeplant hatte. Hatte ich aber gar nicht, wie ich im Büro feststellte**. War jetzt nicht schlimm, aber vermutlich der erste Moment der Verkettung. Auch nicht hilfreich war, dass ich wegen gesperrter Tram-Linie mit der S-Bahn fahren musste.
Am Donnerstag stand das Kind alleine auf und verließ auch das Haus, ohne mit mir zu sprechen. Ich war beim Aufstehen etwas neben der Spur, musste aber ins Büro und war etwas in Eile, damit ich pünktlich wäre. Im Laufe des Vormittags erreichte mich eine Nachricht vom Kind, in der er mich fragte, ob sein Schlüssel in der Wohnung sein. Ich antwortete ihm, dass ich im Büro sei und es daher nicht wüsste. Ich klärte, dass er sich den Ersatzschlüssel bei der Ersatzschlüssel-Stelle abholen konnte und blieb ruhig. Als ich nach Hause kam, war das Kind beim Sport und ich stellte die Wohnung auf den Kopf. Kein Schlüssel vom Kind. Er war sich ziemlich sicher, den Schlüssel morgens mitgenommen zu haben, erzählte er mir, als er wieder zu Hause war. Vermutlich war er ihm auf dem Weg zur Bahn oder in der Bahn aus der Tasche gerutscht. Ich hoffte auf eine*n ehrliche*n Finder*in und dass der Schlüssel irgendwann im örtlichen oder vgf-Fundbüro abgeholt werden könne.
Um sicher zu gehen, dass – falls doch wer den Schlüssel gefunden habe und ihn zuordnen könne – bei uns keine*r reinkommt, schloss ich die Tür nachts von innen ab. Mit dem einzelnen*** zweiten Ersatzschlüssel. Der zweite Verkettungsmoment.
Als das Kind am Freitag gen Schule aufbrach, schloss ich ihm die Tür beim Verabschieden auf und ließ den Schlüssel stecken. Dort steckte er auch noch, als das Kind mittags nach Hause kam und versuchte mit „seinem“ Ersatzschlüssel reinzukommen. Aber ich war ja im HomeOffice und machte ihm auf. Mit der Klinke, denn es war ja nicht abgeschlossen. Dass der Schlüssel noch steckte, war mittlerweile in meinem Hirn kein Sonderfall mehr. Verkettungsmoment Nummer 3.
Am Abend verließ das Kind mit seinem Ersatzschlüssel die Wohnung. Ich bereitete mich auch aufs Ausgehen vor. Ich packte etwas in meinen Handtaschen-Rucksack****. Dann suchte ich was darin. Und fand … den Schlüssel vom Kind.
Was macht der Schlüssel vom Kind in meinem Rucksack?
Ich versuchte es zu rekapitulieren: Vermutlich hing der Schlüssel vom Kind mal wieder nicht an seinem, sondern an meinem Haken vom Schlüsselfisch. Wahrscheinlich habe ich bereits am Mittwoch zunächst seinen Schlüssel genommen und in den Handtaschen-Rucksack gepackt. Ich erinnere mich daran, dass ich meinen Schlüssel am Mittwoch gesucht habe, weil ich meine Büroschlüssel, die noch am richtigen Haken hingen, daran befestigen wollte. Meinen Schlüssel fand ich im Wohnzimmer*****. Ich vereinte ihn mit dem Büroschlüssel, warf den Bund in meinen Arbeitsrucksack, in dem auch mein Handtaschen-Rucksack war. Aus diesem brauchte ich für den Rest des Tages nichts mehr und er blieb bis zum nächsten Tag unberührt in meinem Arbeits-Rucksack.
Donnerstag war das Kind im morgentlichen Tran eben doch ohne Schlüssel losgegangen. Mein Schlüssel hing an seinem Haken, von wo ich ihn einfach wieder in meinem Arbeitsrucksack packte. Abends war ich zwar nur mit meinen Handtaschen-Rucksack unterwegs, aber ich brauchte nichts daraus.
Jetzt wäre die Geschichte eigentlich damit zu Ende, dass ich den Schlüssel vom Kind an den richtigen Haken hing – wenn es nicht zu Verkettungsmoment 2 und 3 gekommen wäre. So verließ ich wenig später die Wohnung, des Kindes Schlüssel hing am Haken, meienhatte ich in der Hand. Ich zog die Tür zu, steckte meinen Schlüssel von Außen rein, um abzuschließen, und wurde gewahr, dass da ja noch der zweite Ersatzschlüssel von Innen steckte. Rien ne va plus. Immerhin war die Tür zu.
Ich beschloss mir weitere Gedanken dazu zu machen, wenn ich vom Konzert wieder da wäre. Ich schrieb mit dem Kind kurz hin und her. Wir hatten die Hoffnung, die Tür später selbst aufzubekommen. Als wir gegen Mitternacht fast zeitgleich zu Hause ankamen, mussten wir feststellen, dass wir es nicht schafften. Ich rief beim empfohlenen Schlüsseldienst an und 20 Minuten später war die Tür wieder auf und ich 140 Euro****** ärmer.
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* Wir müssen pro Monat 8 Tage in Präsenz im Büro sein.
** Wir haben keine festen Arbeitsplätze (und auch nicht genug für alle Mitarbeiter*innen), sondern buchen uns immer einen Arbeitsplatz über so ein Tool.
*** ohne Schlüsselring bzw. Schlüsselanhänger
**** so ein Kordelzug-Turnbeutel
***** Ja, ich hänge meinen Schlüssel auch nicht immer an den Haken – aber wenn, dann an den richtigen.
****** Bei all den Horrorgeschichten zu horrenden Preisen von Schlüsseldiensten ein durchaus okayer Preis.