Mimimi
Letzhin sagte ich, dass ich mich weniger über den Schulkram des Kindes aufregen müsste, wenn Menschen einfach nur das täten, wofür sie ausgebildet sind und das dann auch richtig. Kurz: Get your shit done.
Erster Akt: Eine Lehrkraft (fLK), die nicht in des Kindes Klasse unterrichtet, bestimmte, dass die Klasse einen Test in einem Fach schreiben müsste. Zu einem Thema, zu dem die Klasse bereits Referate erarbeitet hatte. Die fLK unterrichtet die Parallelklasse im gleichen Fach und hatte ihre Klasse einen Test schreiben lassen – zusätzlich zu Referaten. Die Parallelklasse beschwerte sich bei fLK, dass es ungerecht sei, dass sie Test und Referat bestreiten mussten und dass des Kindes Klasse das nicht musste. Daraufhin kam es zur Anordnung durch die fLK. Die Klasse vom Kind regte sich über die Fremdbestimmung auf und ich wurde als Elternbeirätin aktiv. Ich sollte zunächst eine E-Mail an die Klassenlehrkraft (KLK) schreiben.
Tag 1 (Fr): E-Mail an KLK (Schulleitung (SL) cc) mit Verweis auf Absatz 7.4 der Anlage 2 zu den §§ 26, 32 und 36 VOGSV („praktische Arbeit“ aka Referate vs. Test aka „Lernkontrolle“).
Tag 4 (Mo): Antwort: Der Test soll trotzdem geschrieben werden, lediglich Termin wurde angepasst (von Mo auf Do).
Tag 3 (Di): E-Mail an KLK (Schulleitung cc), dass die Elternschaft sich vorbehält, den Sachverhalt vom Schulamt prüfen zu lassen. Direkte Antwort vom KLK mit Bitte um Deeskalation (fLK und Fach-Lehrkraft cc) und Ankündigung, dass fLK u/o FLK reden möchten.
Tag 4 (Mi): Zunächst keine Nachricht von fLK u/o FLK. Da Test-Termin kurz bevor, abends Ankündigung meinerseits, den Sachverhalt am nächsten Tag ans Schulamt zu übermitteln. Prompt getrennte E-Mails von fLK und FLK. Während sich die FLK nur rechtfertigt, hat die fLK ein Schlupfloch gefunden und nennt den Test nun „Hausaufgabenüberprüfung“. Ein tief in der hessischen VOSGV verstecktes Schlupfloch. Ich musst etwas suchen, um zu herauszufinden, dass eine HÜP sich deutlich von einem Test unterscheidet: 15 Minuten vs. Unterrichtsstunde, Thema der vorangegenangen Woche vs. zum Abschluss eines Themenblocks.
Ich antwortete mit dieser Erkenntnis allen, in der Hoffnung, dass eine HÜP auch wirklich im HÜP-Rahmen bliebe. Der „Test“ wurde geschrieben. Wenig später kam die fLK auf das Kind zu und fragte, ob ich Juristin sei. Nee, aber ich kann lesen.
Ehrlicherweise ging es nicht wirklich um den Test. Es ging um das Prinzip, dass Schule kein rechtfreier Raum ist und dass Lehrkräfte nicht einfach Dinge anordnen können. Und schon mal gar nicht als fremde Lehrkraft.
Zweiter Akt: Das Kind musste für die Realschulprüfung eine Hausarbeit (unbenotet) schreiben und darüber eine mündliche Prüfung (benotetes Referat) halten. Das Thema durfte er selbst wählen. Die Hauptprüfer*in wurde mysteriöserweise die fLK. Verständlicherweise hatte das Kind etwas Bammel. Aber im Vorfeld arbeiteten wir gut zusammen. Er erarbeitet alles selbst und ich half ihm Struktur reinzubrinen. Das hat sehr gut funktioniert. Die Prüfung lief super, Note sehr fein. Ich rechne es der fLK hoch an, dass sie rein fachlich benotet hat. Für die Hausarbeit gab es ob Struktur und Ausarbeitung Extra-Lob und die Frage an Kind, ob seine Hausarbeit als Muster-Hausarbeit für nachfolgende Stufen genommen werden dürfte. Das Kind bejahte – in der unausgesprochenen Annahme, dass seine persönlichen Daten selbstverständlich geschwärzt würden.
Dritter Akt: Ende November kommt das Kind nach Hause und erzählt, dass Kinder aus dem Jahrgang unter ihm auf ihn zugekommen seien wegen seiner Hausarbeit für die Realschulprüfung. Es stellte sich raus. dass die fLK die Hausarbeit ungeschwärzt rausgegeben hat. DAS GEHT NICHT! Ich war sehr sauer. Ich schrieb eine E-Mail an die KLK und SL, um die Datenschutzverletzung anzuzeigen. Auch erwartete ich eine Stellungnahme der fLK. Und dass ich mir vorbehalten würde, den Sachverhalt beim Schulamt anzuzeigen. Die KLK schreib morgens umgehend zurück, dass sie sich kümmern würde. Mittags informierte mich das Kind, dass die fLK auf ihn zugekommen sei. Nein, nicht um sich zu entschuldigen. Stattdessen beschwerte sie sich bei ihm, dass MEIN Ton in der E-Mail (an KLK und SL) nicht ginge. Zudem meinte sie, dass das ja nicht so schlimm sei mit der publiken Adresse, die sei ja eh bekannt. Wow. Nicht. Erst danach kam die E-Mail von der KLK, dass die fLK die Arbeit nur in der Klasse habe rumgehen lassen. Kopien gäbe es keine. Sie rechtfertigte die fLK, dass sie das im „Überschwang“ gemacht habe. Joah… lassen wir das mal so stehen. Ich antwortete, dass ich eine Entschuldigung erwarte – bei mir und beim Kind. Ganze fünf Tage brauchte die fLK, um mir eine E-Mail zur Entschuldigung zu schreiben. Sie kam nicht umhin, sich drei lang und drei breit zu rechtfertigen. Es war kurz vor Nopology und ein wenig schwang mit, dass das Kind ja schuld sei. Denn hätte er nicht so eine gute Hausarbeit geschrieben, wäre sie ja gar nicht in die Verlegenheit gekommen. Naja, sei’s drum. Ich bedankte mich für die Entschuldigung und schrieb, dass der Sachverhalt für mich erledigt sei, wenn sie sich auch noch beim Kind entschuldigen würde. Das war nämlich weiterhin nicht erfolgt.
Nach zehn Tagen schrieb ich der KLK, dass sie doch bitte die fLK nochmal an die Entschuldigung erinnern solle.
Und fünf weitere Tage drauf erinnerte ich die fLK, dass die Entschuldigung noch ausstünde. Die sie dann zwei Tage später – am letzten Tag des Kindes vor den Weihnachtsferien – endlich aussprach. Sie hätte einfach sagen können: „Entschuldigung. Das war nicht korrekt und darf auch nicht passieren.“ Konnte sie aber wohl nicht. Denn neben der Entschuldigung musste sich das Kind anhören, dass sie auch eine Entschuldigung meinerseits erwarte. Weil mein Ton so scharf sei. Und dass es ja nicht ginge, dass ich direkt mit dem Schulamt drohe.
Als das Kind mir das erzählte, konnte ich nur „mimimi“ antworten.
Doch, das geht. Und an einer Schule, an der eine Lehrkraft – völlig ungeahndet – den Taschenrechner vom Kind verschlampt (und ich einen neuen kaufen muss). An der dem Kind beim einfachen (und völlig unnötigen) Stören des Unterrichts sofort mit Schulverweis gedroht wird. An der das Kind gebeten wird, nicht an der Klassenfahrt teilzunehmen, weil sich Lehrkräfte von dem jungen Mann zu schnell provozieren lassen. An der es Tadel fürs Kaugummikauen gibt und auch sonst ziemlich schnell gestraft wird. Genau an so einer Schule muss ich nicht die Samthandschuhe auspacken.
In einem halben Jahr ist der Mist endlich vorbei.