Ist der Ruf erst ruiniert

Ist der Ruf erst ruiniert

Die letzte Klassenlehrerin des JMW – eine tolle Person und großartige Pädagogin – meinte mal zum JMW: „Du kannst sehr stolz sein, so eine Mama zu haben. Ich mag sie, aber ich möchte nie mit ihr aneinander geraten.“ Es gab nie einen Grund, dass wir uns miteinander anlegen mussten. Ich hatte dank ihr endlich mal (im letzten Schuljahr) das Gefühl, dass der JMW in der Schule gut aufgehoben war. Sie hat ihren Job gemacht und das sehr gut.

Ich mag es sehr, wenn Menschen wissen, was sie tun. Wenn sie gern tun, was sie tun. Und wenn ihr Ziel ist, „immer“ das bestmögliche Ergebnis zu erreichen. Das klingt sehr elitär und leistungsgetrieben. Ich meine das im Sinne von, dass ein Unternehmen ein Organismus ist, bei dem sich alle aufeinander verlassen können sollten. Dass die Gewerke miteinander arbeiten. Dass nicht gehuddelt wird. Dass die jeweilige Aufgabe so erledigt wird, dass sie nicht Kollegys Mehrarbeit produziert. Aber auch dass niemensch das Gefühl haben darf, sich da irgendwie alleine durchbeißen zu müssen. Da spielt natürlich auch rein, dass Aufgaben sinnvoll zugeteilt werden. Dass Kollegys ansprechbar sind. Dass es eine gute Fehlerkultur gibt.

Bei meiner jetzigen Arbeitgeberin habe ich mir wohl den Ruf erarbeitet, das Fräulein Rottenmeier die Gouvernante der Belegschaft zu sein. Dass ich streng und unerbittlich bin. Dass es mir nicht recht gemacht werden kann. Ja, das habe ich absichtlich so hart fomuliert, weil da durchaus ein wahrer Kern drin ist. Aber eben nur ein Kern: Denn wir arbeiten nicht zum Selbstzweck, sondern sind Dienstleister*innen. Die Zufriedenheit unserer Kundys zahlt unsere Gehälter. Und die Kundys sind in der Regel nicht mit Halbgarem zufrieden.

Wer mich kennt, weiß, dass ich klare Ansagen mache, Grenzen setze und nicht um des lieben Friedens Willen die Klappe halte. Manche werfen mir mangelnde Diplomatie vor. Damit kann ich leben, solange es nicht heißt, dass meine Kritik unsachlich oder persönlich ist. Und so vermeintlich hart ich kritisiere, so gerne lobe ich auch. Und das nicht erst, wenn etwas „perfekt“ ist, sondern wenn ich sehe, dass sich bemüht wurde, das bestmögliche Ergebnis abzuliefern. Dass bis zum Ende mitgedacht wurde. Ich unterstütze dann auch gerne Runde um Runde, bis wir ein Ergebnis haben, das wir guten Gewissens der Kundschaft präsentieren können.

Und so gab es kürzlich ein Projekt, bei dem Kollegy 1 jeweils einen Text zu zwei Themen vorlegte. Ich konnte die Intension beider Texte erkennen, musst aber leider feststellen, dass sie so noch nicht rund waren. Was nicht schlimm war. Ich besprach mit Kollegy 1 meine Bedenken und gab einen anderen Aspekt mit auf dem Weg. Kollegy 1 überabeitete beide Texte und ich dachte: Cool, das hat er gut umgesetzt. Und weil wir im Büro waren, ging ich zu ihm, um ihm genau das zu sagen: Dass ich die Texte so richtig gut finde und dass ich hoffe, dass er auch damit zufrieden sei. Er wurde etwas rot, bedankte sich für das Lob und nickte, dass er zufrieden sei. Ich war schon fast weg, da sagte Kollegy 2, die*er das Gespräch mitbekommen hatte, zu Kollegy 1: „Krass, das war ein Lob von B.“ Schmunzelnd rief ich über die Schulter: „Das habe ich gehört.“

Später erfuhr ich, dass Kollegy 1 der Vorgesetzten direkt „stolz“ vom Lob berichtet hat und dass es der „beste Arbeitstag seines Lebens“ gewesen sei.

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